Gespräch mit Drehbuchautor Florian Oeller

Marie Jäger (Emilia Schüle) ist stolz, Teil der "Jungen Bewegung" zu sein
Marie Jäger ist stolz, Teil der "Jungen Bewegung" zu sein. | Bild: NDR / Frizzi Kurkhaus

»Moderne Verpackung für 'rassistischen Schmodder'?«

Der "Tatort: National Feminin" erzählt von Frauen in der "Jungen Bewegung", die in ihrer ideologischen Ausrichtung der Identitären Bewegung ähnelt. Wie haben Sie recherchiert?

Mit dem Phänomen des Rechtsextremismus beschäftige ich mich schon länger. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, wie sich die Kommunikationsstrategien insbesondere der "Neuen Rechten" verändert haben. Man erkannte: Hypermaskuline Springerstiefel-Propaganda ist ungeeignet, um breite Bevölkerungsschichten anzusprechen. Also wurde ein neuer Markenkern entwickelt und professionalisiert, mit Frauen in Schlüsselpositionen. Einige der jüngeren wurden innerhalb der Identitären Bewegung zu Social-Media-Stars aufgebaut und sind zu wichtigen Sprachrohren der Neuen Rechten avanciert.

Ist es Zufall, dass die jungen Bloggerinnen an die Aktivistinnen der #MeToo-Bewegung erinnern?

Nein. Die Neue Rechte versteht es, Konzepte zu klauen, zu kapern, umzuprogrammieren und über ihre Social- Media-Kanäle zu pushen. Ein Beispiel hierfür war #MeToo. Inhalte, Methodik und Visualität der Aktion wurden analysiert und kopiert, für die eigene Kampagne. #120db thematisierte wie zuvor #MeToo sexualisierte Gewalt gegen Frauen, allerdings mit einem Spin: Im Fokus standen ausschließlich Fälle, in denen der Täter Flüchtling, Migrant oder Ausländer war. Darin, so finde ich, steckt ein besonderer Zynismus dieser sogenannten "Frauenrechtskampagne".

Die jungen Frauen bezeichnen sich als "Töchter Europas". Sind sie Anhängerinnen der europäischen Idee?

Diese Umdeutung durch Sprache, dieses "Reframing", ist eine Strategie der Neuen Rechten. Deren junge Frauen nennen sich "Töchter Europas" und wollen damit einen neuen Standard setzen: Europa sei keine vielfältige, liberale, weltoffene Staatengemeinschaft – Europa sei in erster Linie weiß, in zweiter Linie eine geographisch und kulturell streng getrennte Anordnung von Völkern, die sich zum Schutz ihrer Identität nicht allzu sehr vermischen sollten, insbesondere nicht mit Angehörigen von nicht-weißen Völkern. Das habe aber rein gar nichts mit Rassismus zu tun, sagen die "Töchter Europas".

Welche Strahlkraft geht von ihrem propagierten Frauenbild aus?

Die Strahlkraft der nationalen Feministinnen besteht in einer Art Entlastungsangebot. Wie im "Tatort" gezeigt, stehen deren Vertreterinnen vor der Kamera und sagen: "Passt auf, deutsche Frauen, überfordert euch nicht. Die Gesellschaft signalisiert euch, dass ihr die besseren Männer sein müsst, dass ihr nicht nur Mütter sein dürft. Wir hingegen sagen euch: Weg mit diesem Dreck, weg mit dieser Denke! Seid einfach ‚nur‘ Frauen, lebt eure ‚natürliche‘ Rolle als Stützpfeiler hinter euren starken Männer – plagt euch nicht länger mit den Anforderungen einer linksgrün versifften Moderne!" Ich denke, unsere Gesellschaft könnte diese zutiefst reaktionäre Botschaft einfacher entlarven, wenn es gelänge, die Bemühungen um eine tatsächliche Chancengleichheit von Frauen und Männern zu verstärken und zugleich die Frage zu stellen, in welchen Ausprägungen der moderne Feminismus in den letzten 30 Jahren geirrt oder versagt hat.

Das ist eine Sichtweise, mit der Sie sich natürlich auf dünnem Eis bewegen.

Der Feminismus hat uns gesellschaftlich große Fortschritte ermöglicht. Zugleich gibt es Strömungen in der Frauenbewegung, die tatsächlich sehr doktrinär sind und Frauen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Es sollte für alle Frauen und Männer Normalität werden, dass sie möglichst frei darüber entscheiden können, ob sie Mütter oder Väter sein wollen, ob sie eine berufliche Karriere anstreben und wie sie sich die Arbeit in Familie und Beruf teilen. Diese Freiheit haben einzelne Feministinnen den Frauen (und Männern) nicht zugestanden – Frauen, die ausschließlich Hausfrau und Mutter sein wollten, mussten diese Lebensentscheidung verteidigen. Es ist fatal für eine Gesellschaft, wenn die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen verloren geht.

Wofür steht die Figur der Sophie Behrens?

Sophie Behrens ist für mich eine zerrissene und spannende Figur, weil sie einerseits kritische, kluge, legitime Fragen zum Feminismus stellt, andererseits selbst einen Widerspruch verkörpert: Wie kann eine Frau einerseits offen lesbisch leben und sich andererseits von der homophoben Rechten anhimmeln lassen? Wie lange noch will sich diese Frau als falsches Alibi missbrauchen lassen? Wie kann eine Frau wie sie ertragen, dass die Feinde ihrer Identität auf sie zeigen und schreien: Guckt mal, wie tolerant wir sind!

Die Männer und Frauen der Neuen Rechten wollen Migranten und alles Fremde eliminieren. Wie gefährlich ist diese Bewegung?

Die "Junge Bewegung" ist in meinen Augen eine stramm organisierte rechtsextreme Jugendorganisation, die es vor allem versteht, ihren im Kern klassisch-rassistischen, braunen Schmodder hip und modern zu verpacken. Wie die beiden jungen Männer in meiner Erzählung haben sie verstanden, wie sie die neuen Medien für ihre Propaganda nutzen können. Entsprechend wichtig ist diese "Bewegung" im Netzwerk neofaschistischer Organisationen, die unsere Demokratie angreifen, und entsprechend gut tun wir daran, ihre Vertreter als das zu begreifen, was sie sind, nämlich Neonazis ohne Springerstiefel.

Wie wirken sich die Ermittlungen auf Anaïs Schmitz und Charlotte Lindholm aus?

Anaïs Schmitz ist eine Ermittlerin, die aufgrund ihrer Hautfarbe von den Rechten angegriffen wird. Aber sie zeigt Haltung und sagt sich: Ich bin eine deutsche Beamtin. Ich muss das nicht beweisen. Ich bin, was ich bin, und diese Souveränität, die sie ausstrahlt, war mir wichtig. Das hat etwas mit Selbstbestimmung zu tun. Charlotte Lindholm verteidigt Anaïs Schmitz, und die sagt, ich habe dich nicht drum gebeten. Das ist keine Umarmung, das ist gegenseitiger Respekt.

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