Gespräch mit Maria Furtwängler

Maria Furtwängler spielt Charlotte Lindholm
Maria Furtwängler spielt Charlotte Lindholm | Bild: ARD

Wissen Sie, warum Frauen Piloten so anziehend finden?

Ich finde durchaus, dass Männer in Uniformen Sexappeal ausstrahlen. Uniformen unterstreichen ihre Virilität. Woran es liegt, vermag ich nicht genau zu sagen. Vielleicht schimmern archaische Muster von Kraft und Kampfbereitschaft durch. Wenn ein Mann halbwegs gut aussieht, dann sieht er in Uniform jedenfalls richtig gut aus.

Gilt dies auch für Männer in olivgrünen Overalls?

Umso mehr. Kommissarin Lindholm hat eine Affäre mit dem Kommodore eines Luftwaffenstützpunktes, der von Richard van Weyden gespielt wird. Wir hatten den Eindruck, dass Richard in diesem "Top Gun"-Outfit noch eine Spur dynamischer und draufgängerischer wirkte als in der blauen Uniform.

Was reizt den Kommodore an der Kommissarin?

Er findet ihre Frechheit sehr attraktiv, ihre forsche Art provoziert ihn und lockt seinen Jagdinstinkt. Die Kommissarin ist ja nicht so leicht zu erobern. Schon gar nicht lässt sie sich von ihm Befehle erteilen. Im Gegenteil: Lindholm reißt auf seinem Fliegerhorst das Kommando an sich, was ihn einerseits nervt, ihm aber auch sichtlich imponiert. Der Kommodore gehört zu der Sorte Männer, die stark genug sind, um mit starken Frauen umgehen zu können.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle im militärischen Milieu vorbereitet?

Ich habe das spannende Buch "Operation Heimkehr" gelesen, in dem Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr über ihr Leben nach Auslandseinsätzen in Afghanistan oder im Kosovo berichten. Was den Heimkehrern schwer zu schaffen macht, ist die gesellschaftliche Geringschätzung ihrer Einsätze, bei denen sie nicht selten ihr Leben riskieren. Ein Soldat schildert zum Beispiel, wie er in Uniform seine alte Schule besucht und von seiner früheren Lehrerin auf übelste Weise beschimpft wird: "Hau ab, du Dreckschwein!". Die vorherrschende Haltung in Deutschland ist noch immer: Wenn schon Armee, dann bitte die friedvollste Truppe der Welt.

Haben Sie auf den Stützpunkten Gespräche mit Soldaten geführt?

Ja, besonders gefreut habe ich mich über die Begegnung mit einer Soldatin, die mir vor den Dreharbeiten sehr freundlich geschrieben hatte. Bei unserem Treffen erzählte sie mir, dass sie schon als Mädchen unbedingt zur Luftwaffe wollte, weil sie "Top Gun" mit Tom Cruise so klasse fand. Mit 16 habe sie den Film dreimal hintereinander im Kino gesehen. Wir unterschätzen oft die Wirkungskraft von Medien. Damals wurden Frauen bei der Bundeswehr aber nur für den Militärmusikdienst und den Sanitärdienst eingestellt. Deswegen klagte sie mit zwei anderen Frauen vor dem Europäischen Gerichtshof auf Zulassung für den aktiven Militärdienst – und sie bekam Recht, wenn auch nach langer Zeit. Erst seit Anfang 2000 dürfen Frauen Dienst an der Waffe leisten.

Zeigt dieser "Tatort", dass Soldaten mehr als andere ein intaktes privates Umfeld brauchen?

Wenn die Soldaten im Einsatz sind, benötigen sie mehr denn je einen familiären Rückhalt. Das haben mir die Gespräche auf dem Stützpunkt bestätigt. Was sie im Ausland erleben, ist eine geradezu perverse Mischung aus Lebensgefahr und Langeweile. Es geht über weite Strecken furchtbar öde zu, und doch ist jeder nervös und angespannt. In der Heimat anzurufen, wie es heute von den entlegensten Orten möglich ist, mit den Angehörigen zu sprechen, die sie lieben und zu Hause erwarten, gibt ihnen unglaublich viel Halt.

Haben Sie der Kommissarin ein wenig militärische Schärfe verliehen, damit sie sich in dieser Welt durchsetzt?

Sie spürt natürlich, dass ihr das Leben auf dem Stützpunkt nicht leicht gemacht wird. Vom Kommodore und vom hauptverdächtigen Piloten bekommt sie ordentlich Contra. Es ist den Männern gar nicht recht, dass sie auf dem Fliegerhorst ermittelt und den Betrieb aufhält. Deswegen hat sie das Gefühl, innerlich aufrüsten zu müssen, um sich Respekt zu verschaffen. In den Verhörszenen, die mir sehr gut gefallen, nimmt sie den Piloten ziemlich hart ran, um ihn aus der Reserve zu locken. Sie gibt sich "tough" und zielstrebig, plustert sich militärisch auf und fährt ihre Empathie etwas zurück.

Ist Sie eine Einzelkämpferin?

Lindholm fühlt sich einsam, weil sie auch von ihrer eigenen Seite nicht die geringste Unterstützung erhält. Dass ihr der neue Staatsanwalt Steine in den Weg legt und ihre Arbeit behindert, so oft er nur kann, bringt sie schier zur Verzweiflung.

Mitgefühl bringt sie allein der von Jasmin Gerat gespielte Ladungsmeisterin entgegen.

Dieser Frau wird übel mitgespielt: Ihr Mann betrügt sie, in der Schwangerschaft verliert sie ihre Zwillinge, worüber sie nicht sprechen kann. Wenn sie mit den Transportmaschinen abhebt, ist es für sie wie eine Flucht aus dem privaten Elend. Die Szenen mit Jasmin Gerat empfinde ich als sehr intensiv. Sie hat etwas Kraftvolles und ungemein Authentisches. Wir ähneln uns sehr in unserer Art zu arbeiten.

Inwiefern?

Wir spielen beide mit einer großen Aufrichtigkeit der Gefühle, die an einen bestimmten Moment gebunden sind. Es gibt technisch versierte Schauspieler, die Emotionen jederzeit wirkungsvoll herstellen können. Aber wenn man mit ihnen vor der Kamera steht, spürt man, dass es nicht aus dem Rückenmark oder aus dem Herzen kommt. Ihr Spiel hat nichts Überraschendes, es ist noch in der vierten Aufnahme vollkommen identisch. Bei Jasmin Gerat dagegen besitzt alles eine große Wahrhaftigkeit, die jedes Mal eigenwillig und anders ist. Es geht uns beiden auch um die Aufrichtigkeit dem Filmpartner gegenüber, auf dessen Spiel wir in einer Szene reagieren. Dieses Spiel birgt ein hohes Risiko, weil auch mal nichts passieren kann. Das traut sich nicht jeder.

Liebt auch Hartmut Schoen dieses Risiko?

Hartmut Schoen arbeitet unglaublich schnell. Er braucht kaum mehr als ein oder zwei Takes, weil er immer sehr gut vorbereitet ist und in jeder Szene genau weiß, worauf er hinaus will. Er ist nicht der große Suchende am Set. Wenn man als Schauspieler ebenso gut vorbereitet ist, kann dieses extrem schnelle Drehen sehr angenehm sein.

Ist es nicht mühsam, sich immer wieder auf neue Autoren und Regisseure einzustellen?

Es macht in der Regel sehr viel Spaß. Sicherlich würde ich mir manche unangenehme Erfahrung ersparen, hätte ich immer den gleichen verlässlichen Regisseur und Autor an meiner Seite. Aber das wäre wenig reizvoll und bereichernd. Jeder Regisseur wirft einen neuen Blick auf die Kommissarin und bringt die Reihe auf seine Art ein Stück voran.

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