Interview mit Almila Bagriacik

Fall gelöst: Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik)
Fall gelöst: Borowski und Mila Sahin  | Bild: NDR / Sandra Hoever

»Mila Sahin ist davon überzeugt, dass jeder Mensch, genauso wie sie, den Drang danach verspürt, sich selbst zu verwirklichen.«

Mila Sahin …

Zwar kommt Mila Sahin aus den raueren Ecken Berlins ins vermeintlich provinzielle Kiel, aber ein Familienmensch ist sie geblieben. Sie hält den Kontakt. In ihrer Familie hält man zusammen, ganz praktisch. Man faselt nicht über irgendwelche Erziehungsmethoden. Kinder sind Kinder. Punkt. Deshalb hat sie auch einen ganz pragmatischen Blick auf die seltsame Familie Flemming. Hier ist Polizeiarbeit gefragt und nicht irgendwelche Spinnereien von vorgestern. Auch wenn sie nicht immer mit Borowski einer Meinung ist, wachsen die beiden doch als Team zusammen. Sie merkt, dass er sie auf Augenhöhe akzeptiert und ist dann auch nicht verärgert, wenn er mal wieder eine seiner kurzfristigen einsamen Entscheidungen fällt. Die beiden sind mittlerweile so solidarisch, dass sie sich sogar im Zuge erschöpfender Ermittlungsarbeit gegenseitig wachhalten.

... wird gespielt von Almila Bagriacik

Ihre erste Rolle spielte Almila Bagriacik in "Die Fremde" (Regie: Feo Aladag). Einem großen Publikum wurde sie 2015 durch ihre Hauptrolle in der türkischen Serie "Hayat Sarkisi" (Regie: Cem Karci, 2015–2017) und durch ihre Darstellung im zweiten Teil der Trilogie "NSU: Mitten in Deutschland" bekannt (Deutscher Schauspielpreis 2017, Kategorie "Nachwuchs"/Deutscher Fernsehpreis 2017, stellvertretend als Hauptdarstellerin, Kategorie "Bester Mehrteiler"). Weitere Hauptrollen spielte sie in der vielfach ausgezeichneten TNT-Miniserie "4 Blocks" (Regie: Oliver Hirschbiegel, Marvin Kren, Özgür Yildirim), in "Nachtschicht 15 – Es lebe der Tod" (2017) und "Der gute Bulle 2 – Der schwarze Affe" (2018), jeweils unter der Regie von Lars Becker, sowie in den Kino-Produktionen von 2018 "Die Frau auf der Straße" (Regie: Sherry Hormann) und "Im Feuer" (Regie: Daphne Charizani).

Gespräch mit Almila Bagriacik

Während Borowski bei diesem Fall auch schon mal von einem Indianer träumt, bleibt Mila Sahin wie gewohnt Realistin. Warum lässt sie sich von den merkwürdigen Ereignissen nicht in die Irre führen?

Mila Sahin bleibt bei den Fakten, weil diese sehr außergewöhnlich sind und der Fall viele neue Erkenntnisse über das Leben anderer Menschen mit sich bringt. Sie kommt mit Menschen in Berührung, deren Überzeugungen von Sahins extrem abweichen. Das sorgt dafür, dass sie umso mehr versucht, Gemeinsamkeiten mit den ihr bekannten Ideologien zu finden.

Wie geht Mila Sahin mit der radikalen Gottergebenheit des Pfarrer Johanns um?

Sie versucht ihn zu verstehen, distanziert sich von ihren eigenen Überzeugungen und nimmt in einer Gruppenbesprechung seinen Platz ein, um das Nachvollzogene mit ihren Kollegen zu teilen. "Wo Gott mich hinstellt, ist mein Platz", zitiert sie aus der Sicht des Pfarrers.

Warum glaubt Mila nicht an das angeblich idyllische Zusammenleben von Mutter, Tochter, Stiefvater und den anderen Mitgliedern der freien Schulbewegung auf dem Segelschiff?

Auf Grund des Alters der Tochter, die bereits 40 ist. Sahin ist davon überzeugt, dass jeder Mensch, genauso wie sie, den Drang danach verspürt, sich selbst zu verwirklichen – und empfindet solche Konstellationen als erzwungen und ungesund. Dennoch liegt ihr viel an der Bindung zur Familie, weshalb Sahins Eltern auch alles über sie wissen und bei großen Entscheidungen immer miteinbezogen werden.

Das Konzept der freien Liebe, die Idee des pädagogischen Eros – zweifelt die Kommissarin das auch an, weil sie selbst nicht daran glaubt?

Sahin glaubt nicht daran, dass es Menschen gibt, die Gefühle wie Eifersucht nicht empfinden. Sie kennt natürlich das Konzept der "freien Liebe", aber sie ist davon überzeugt, dass es nicht die Liebe ist, die Menschen dazu bewegt, so zu leben. Gerade als Berlinerin begegnet man Menschen, die nicht nur einen Partner haben. Aber sie empfindet die Unterdrückung von so tief verankerten Gefühlen wie Eifersucht als gefährlich und unehrlich. Ausgehend von diesem Gefahrenpotential kann es erfahrungsgemäß zu irrationalen Handlungen bis hin zu einem Mord kommen.

Der "Tatort" erzählt auch von der düsteren deutschen Vergangenheit, von Rattenlinien und Nazigeld, von Fanatismus und Schuld. Das alles kennen Sie nur aus dem Geschichtsunterricht. Wie nachvollziehbar sind für Sie die Motive von Heinrich und Johann, also der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration?

Mag sein, dass ich diese Zeit nur aus dem Geschichtsunterricht kenne. Aber diese Art von Motiven, die zu Synergien führen, sind Sahin ganz bestimmt nicht fremd. Der Fanatismus und der Drang, sich davon zu befreien, sind nach wie vor äußerst aktuell, obgleich sich so etwas in politischer Einstellung oder Religion tarnt. Ich glaube, dass es gefährlich wird, wenn die Demokratie dekadent wird und die Bevölkerung das frustriert. Von daher ist es umso wichtiger, auch für Dinge eine Empathie zu entwickeln, die einem fremd sind.

Borowski zieht bei seinen Ermittlungen oft sein eigenes Ding durch. Wie geht Mila Sahin in ihrem dritten Fall damit um?

Ich finde schon, dass Borowski und Sahin gemeinsam ermitteln und sich in den Gesprächen gegenseitig auf neue Ideen bringen. Sie sind zwar nicht immer auf derselben Frequenz, aber sie sind ein gutes Team. Mila ist kein Fan von Borowskis spontanen Planänderungen und möchte erstmal nicht alleine nach Dänemark fahren, aber ab dem Moment, wo sie selbst neue Informationen sammelt, ist sie wieder voll in ihrem Element und freut sich, diese ausschlaggebenden Informationen mit Borowski zu teilen. Ein Ermittlerteam sollte sich auch aufsplitten können, um den Täter zu umzingeln.

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