Interview mit Martin Lindow

Martin Lindow als Pastor Johann Flemming
Martin Lindow als Pastor Johann Flemming | Bild: NDR / Sandra Hoever

»Johann Flemming ist eine traumatisierte Figur, und das liegt vor allen Dingen an dem Vater.«

Johann Flemming …

Johann Flemming ist Pfarrer. Einer überschaubaren Anzahl von Kirchenbesucherinnen und -besuchern macht er Sonntag für Sonntag deutlich, was es heißt, ein guter Christenmensch zu sein. Das bedeutet vor allem, nicht zu zweifeln und sich vor allen Versuchungen der modernen Welt in Acht zu nehmen. So klar er seiner Gemeinde diese Regeln vor Augen führt, so schwer fällt es ihm – trotz aller Strenge –, sie in seiner Familie durchzusetzen. Von allen Seiten wird an ihm gezerrt. Sein an Alzheimer erkrankter Vater, einst in Dänemark ein berühmter Reformpädagoge, verspottet nicht nur ihn, sondern auch Gott. Johanns Frau Nadja geht arbeiten, statt die Familie zusammenzuhalten – und zu vergrößern. Und sein Sohn Simon muss vor dem schädlichen Einfluss des Fernsehens und des respektlosen Großvaters bewahrt werden. Dieser familiäre Generationenkonflikt, der womöglich noch viel älter ist als geahnt, droht Johann zu zerreiben.

... wird gespielt von Martin Lindow

Martin Lindow absolvierte seine Ausbildung an der Essener Folkwang Schule. Seit Ende der 1980er-Jahre ist er auf der Theaterbühne zu sehen; seit Mitte der 1990er-Jahre spielt er auch für Film und Fernsehen. Beispiele seiner Arbeit sind der "Polizeiruf 110: 1a Landeier" (Grimme Preis als bester Darsteller 1996), die Titelrolle in der Serie "Der Fahnder" (1999–2001, Nominierung Deutscher Fernsehpreis als bester Schauspieler in einer Serie 2001), die Kinofilme "Mein Bruder ist ein Hund" (2004, Regie: Peter Timm) und "Hangtime" (2008, Regie: Wolfgang Groos) sowie die aktuellen Produktionen von 2019 "Tatort: Unklare Lage" (Regie: Pia Stratmann), der Zweiteiler "Nordholm – Das Mädchen am Strand" (Regie: Thomas Berger) und "Der Staatsanwalt – Gnadenlos" (Regie: Ayse Polat).

Gespräch mit Martin Lindow

Ihre Figur, Johann Flemming, ist für die bedrückende, geradezu angsteinflößende Stimmung im Pfarrhaus verantwortlich. Was treibt ihn an?

Was ihn antreibt, ist die Versehrtheit, die er seit Kindertagen und auch im jugendlichen Alter noch erfahren hat. Er ist eine traumatisierte Figur, und das liegt vor allen Dingen an dem Vater. Johann Flemming ist ein verhasster, ein verstoßener Sohn. Das ist ein Trauma, das ihn für sein Leben gezeichnet hat und zu seiner Strenggläubigkeit führt. Der Glaube ist wie ein Korsett für ihn, in dem er Halt sucht und das er braucht, um innerlich nicht zu zerreißen. Er lebt in einer Welt der Kirche und des Glaubens, die einen Abstand hält zur realen Welt. Darin hat er sich zurückgezogen.

Johann nimmt seinen dementen Vater auf, obwohl der ihn sein Leben lang abgelehnt hat und offen verachtet. Aus Zuneigung macht er das nicht. Warum dann?

Für Johann ist das eine Prüfung seines Glaubens, die er nun bewältigen muss. Aber er hat sich damit zu viel zugemutet. Er scheitert an seinem eigenen Anspruch und wird dem Vater gegenüber aggressiv, und auch seiner Frau gegenüber handelt er aus dem Affekt heraus übergriffig. Dadurch bekommt er aber ein menschliches Gesicht, eine Komplexität, die mir gefällt. An der Rolle hat mich interessiert, wie dieser Mensch auch noch als Erwachsener, der eine Gemeinde und eine Familie hat, sein kindliches Trauma nicht überwinden kann. Er bleibt gefangen in seiner Kränkung, tief unglücklich und verloren.

Johanns Großvater war Nazi, auch sein Vater verfällt radikalen Ideen, und Johann verordnet sich und seiner Familie eine blutleere Frömmigkeit. Und über allem liegt ein bleiernes Schweigen. Wird nicht aufgearbeitete Schuld von Generation zu Generation weitergegeben?

Das halte ich durchaus für möglich, aber was sicher auch von Generation zu Generation weitergereicht wird, ist diese emotionale Verkümmerung. Johann hat von seinem Vater keine Liebe erfahren und ist eine ganz verlorene Seele. Da er keinen Zugang zu seinen eigenen Emotionen hat, kann er seinem Sohn Simon keine Wärme geben. Beide haben ein merkwürdiges Verhältnis, das von Kontrolle und vielleicht sogar Angst geprägt ist. Das spiegelt sich in dieser gespenstigen Atmosphäre im Pfarrhaus wider. Man weiß nicht, was wirklich hinter den verschlossenen Türen geschieht.

Manche Figuren in "Borowski und das Haus am Meer" changieren zwischen Traum und Wirklichkeit. Dazu gehört der mysteriöse Indianer, der immer wieder auftaucht. Welche Bedeutung scheibt ihm Johann zu?

Am Anfang predigt Johann Flemming in der Kirche über Hiob, diese biblische Figur, die von Gott auferlegtes Leiden ertragen muss. Damit identifiziert sich Johann und macht das zu seinem Glaubensmotiv. In diesem Indianer sieht er so etwas wie einen Boten Gottes, der ihn verfolgt und auf die Probe stellt. Das hat etwas Mystisches, Orthodoxes, das in seine Gedanken eindringt. Durch diese Elemente entsteht eine ganz außergewöhnliche Stimmung, die man nicht einordnen kann und die auf unkonventionelle Art eine besondere Spannung erzeugt.

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