Gespräch mit Drehbuchautor Jochen Bitzer

Versucht mit allen Mitteln an Informationen zu Juans Verschwinden zu kommen: Carlos (José Barros) mit Juans Mitschüler August (Anselm Ferdinand Bresgott)
Versucht mit allen Mitteln an Informationen zu Juans Verschwinden zu kommen: Carlos mit Juans Mitschüler August  | Bild: NDR / Marc Meyerbroeker

Kim Jong-un, der Diktator von Nordkorea, soll mehrere Jahre eine Schule in der Schweiz besucht. Stand der junge Kim Pate für Ihre Figur des Diktatorensohns?

Meine Geschichte wurde tatsächlich durch eine Pressemeldung über Kim Jong-un angeregt, der vor zwanzig Jahren ein Internat in der Schweizer Hauptstadt Bern besucht haben soll. Er ging wohl unter falschem Namen als Sohn eines Botschaftsangehörigen zur Schule und hatte einen Bodyguard an seiner Seite, so wie der Schüler Juan Mendez in unserem „Tatort“. Mich hat an dem Stoff die Frage interessiert, welchen Begriff von Freiheit die Jugendlichen haben. Sie sind scheinbar keinerlei Zwängen ausgesetzt, alle Türe stehen ihnen offen. Trotzdem haben die jungen Menschen, selbst wenn sie privilegiert aufwachsen, oft das Gefühl, in Pflichten eingezwängt zu sein. Woher rührt ihre Angst, dass es ihnen einmal schlechter gehen wird als noch ihren Eltern? Das fand ich eine spannende Versuchsanordnung.

Stehen Internatsschüler unter einem besonderen Druck?

Die Schüler an einem Internat werden gemeinhin sehr gut ausgebildet und auf einem hohen intellektuellen Niveau unterrichtet. Obwohl sie alle materiellen Möglichkeiten haben, ihr Leben zu gestalten, bekommen sie aber irgendwann zu spüren, dass ihre Freiräume extrem begrenzt sind. Es gibt zum Beispiel im „Tatort“ den Sohn eines Richters, der von der Erwartungshaltung seines Vaters fast erdrückt wird.

Auch den syrischen Diktator Al-Assad hielt die westliche Bildung nicht davon ab, sein Volk zu unterjochen. Wie ist das zu erklären?

Es ist ein faszinierendes wie trauriges Phänomen. Nach seiner Ausbildung zum Augenarzt in London trat AlAssad in die Schuhe seiner Eltern und führte deren grausame Traditionen fort. Offenbar sind die elterlichen Prägungen stärker als der Einfluss humanistischer Bildung. Demokratische Tugenden, die wir als Fortschritt begreifen, spielen in Damaskus und Pjöngjang keine Rolle. Ausbildung im Westen, alles gut und schön, aber wenn es darum geht, die eigene Macht und das Vermögen der Familie zu bewahren, dann werden die Kinder autoritär.

Ihre Geschichte spielt in Orinaca. Wo liegt dieses Land?

Im Reich der Fantasie. Das Land ist frei erfunden. Wir waren uns bei der Buchbesprechung schnell einig, dass es zu nichts führt, einen realen Staat zum Vorbild zu nehmen. Es gibt einige Anspielungen auf eine linke Militärdiktatur in Südamerika. Zum Beispiel ist Orinoco der Name des Grenzflusses zwischen Venezuela und Kolumbien, der Bodyguard in unserem Film spricht spanisch und die Nationalflagge ziert ein Raubtier, das von links nach rechts läuft.

Kennen Sie sich im Internatsmilieu aus?

Ich habe an einem staatlichen Mädcheninternat Abitur gemacht, übrigens gemeinsam mit dem Regisseur Christoph Stark. Wir Jungs durften die Schule nur als Externe besuchen. Meine Schulzeit habe ich sehr genossen. Für den „Tatort“ habe ich an einem Internat am Chiemsee recherchiert, in dem viele Kinder wohlhabender Eltern zur Schule gehen. Die Bedingungen, die wir im Film darstellen, entsprechen der Realität. Im Grunde sind es beeindruckende pädagogische Konzepte. Jeder sollte Zugang zu einer solchen Schule erhalten.

In welchem Licht zeigen Sie die Schüler?

Unsere Hauptfiguren unter den Schülern sind sehr nachdenkliche Menschen. Das Bewusstsein der Superiorität ist ihnen natürlich eingepflanzt. Dazu kommt eine gewisse Arroganz, die quasi zu ihrer Ausbildung gehört. Doch wir wollten keinen zynischen Blick auf die Schule werfen, in dem Sinne, dass alle Schüler, die auf ein Internat gehen, kleine Arschlöcher sind, nur weil sie reiche Eltern haben. Unsere Protagonisten spüren, dass sie nicht tun können, was sie wollen. Die freieste Figur des Films ist der Polizist Wacker. Er sagt am Schluss, er bleibe lieber in seinem Dorf, wo er sich wohl fühlt, statt bei der Bundespolizei einzusteigen. Das ist eine Form von positiver Freiheit, die sich die anderen nicht erlauben können.

Wie bewegt sich Kommissar Falke in dieser elitären Welt?

Falke stammt aus dem Arbeiterviertel Hamburg-Billstedt, einem linken Milieu, in dem der Geldadel verachtet wird. Es besteht eine große Distanz zwischen dem Kommissar und dieser privilegierten Gesellschaft, aber Falke kann damit umgehen. Wotan Wilke Möhring hat großen Wert daraufgelegt, die Haltung seiner Figur klarzumachen und ihre hohe Integrität zu unterstreichen. Falke hat ja völlig recht, wenn er am Ende sagt: „Eine anständige Schulbildung sollten alle kriegen. Nicht nur die mit Kohle.“

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