Fragen an Regisseurin Viviane Andereggen

Ermitteln in der Zeitungsredaktion: Kommissarin Isabelle Grandjea (Anna Pieri Zuercher li.), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler), Chefredakteur Simon Untersander (Michael Goldberg, hinten)
Kommissarin Isabelle Grandjea und Kommissarin Tessa Ott ermitteln in der Zeitungsredaktion | Bild: ARD Degeto/SRF / Sava Hlavacek

Wie haben Sie sich auf die Aufgabe "Tatort" vorbereitet?

Ich habe mir alle "Tatorte" der letzten Jahrzehnte angesehen. Nein, nicht ganz (sie lacht). Ich lasse mich gern von anderen Kunstrichtungen wie der Musik, der bildenden Kunst, der Literatur für meine Filme inspirieren. Insbesondere habe ich mich mit dem westeuropäischen Blick auf Frauen beschäftigt und mir besonders französische, italienische und spanische Filme angeschaut. In diesen Kulturen empfinde ich den Blick auf Frauen oftmals wohlwollender, freier, weiblicher und vielfältiger.

Wie unterscheidet sich die Regie bei einem Krimi von der Regie bei anderen Filmen und TV-Genres?

Mir ist da noch kein Unterschied aufgefallen. Unabhängig vom Genre steht bei mir immer die Frage im Vordergrund: Was berührt oder fasziniert mich? Darauf aufbauend kreiere ich meine Vision und setze meine Schwerpunkte. Jede Geschichte, unabhängig vom Genre, erfordert einen eigenen Umgang, Überlegungen und auch andere Erzählweisen.

Wie haben Sie den "Tatort"-Dreh erlebt?

Glücklicherweise wurden wir kurz vor der Corona-Welle mit dem Drehen fertig. Massenszenen, wie wir sie noch drehen konnten, gehören nun erstmal der Vergangenheit an. Es war eine besonders schöne und aufregende Aufgabe, den Startschuss für den neuen Schweizer "Tatort" zu kreieren. Die beiden Filme haben wir hintereinander und teilweise auch parallel gedreht. Die Herausforderung bestand darin, fast tagtäglich zwischen den Geschichten hin und her zu switchen. Bei Serien ist es üblich, dass parallel gedreht wird. Aber bei zwei abgeschlossenen Filmen war das nochmals etwas komplizierter. Die 44 Drehtage haben uns allen viel abverlangt, aber auch großen Spaß und viel Freude bereitet.

Was hat Sie dabei überrascht?

Das gute Catering in der Schweiz.

Was ist an diesem neuen "Tatort" speziell?

Alles. Neue Stadt, neues Ermittlerteam, neue Erzählweisen, neue Geschichten. Die beiden Ermittlerinnen stehen im Zentrum der Filme. Ihre Geschichten, Persönlichkeiten und Konflikte prägen die Filme. Sie und ihr Umfeld verkörpern die Gesichter von Zürich – dörflich vs. international, Oberschicht vs. Unterschicht, Freundlichkeit vs. Distanz, usw. Wir erzählen in den ersten beiden Filmen über Verbrechen in einer Wohlstandsgesellschaft. Wie sehen die aus? Was sind die Motive und Hintergründe? Wer sind die Täter? Was sind ihre Werte und woran glauben die Protagonisten?

Worauf dürfen sich die TV-Zuschauer und Zuschauerinnen freuen?

Auf zwei aufregende "Tatorte".

Inszenieren Sie wortgetreu? Oder betrachten Sie Drehbücher eher als Textrohmaterial? Oder ist es irgendwo dazwischen?

Die Herausforderung bei jedem Drehbuch ist es, die geschriebene Sprache lebendig und authentisch zu machen. Jede Person spricht und denkt anders, so auch die Figuren und die Schauspieler und Schauspielerinnen. Eine der größten Herausforderungen ist es, die geschriebenen Sätze in eigene Bilder, in Emotionen und authentische Momente zu verwandeln. Ich schätze die Arbeit der Drehbuchautorinnen und -autoren sehr, die sich minutiös und langwierig vor dem Dreh mit der Geschichte und der Sprache auseinandersetzen.

Lassen Sie Ihren Cast auch mal etwas improvisieren?

Ich liebe die Frische, das Direkte und die Spontanität der Improvisation und vermisse es sehr, dass es unter den heutigen Produktionsbedingungen fast unmöglich ist, Raum und Zeit dafür zu haben.

Gab es in "Züri brännt" eine besondere Nuss zu knacken?

Der Krimifall mit den verschiedenen Zeitebenen und den verschiedenen Identitäten ist insgesamt ganz schön komplex.

Sie waren 1980 zwar noch nicht auf der Welt. Haben Sie trotzdem eine Beziehung zu dieser bewegten Zeit in Zürich?

Ich war lange in der Punkbewegung in Zürich und Basel und so auch in der Besetzerszene. Nie wieder wurde mit so unkonventionellen und kreativen Mitteln für mehr kulturelle Autonomie gekämpft. Das finde ich nach wie vor beeindruckend. Da sich Geschichte wiederholt, wiederholen sich auch die Themen aus den 80ern. Die Forderungen nach günstigerem Wohn/Freiraum, Kritik am Überwachungsstaat, etc. haben weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren.

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