Interview mit Florian Baxmeyer und Marcus Kanter

Regie und Kamera

»Die coolen Mülljungs sind alles andere als nett.«

Inga Lürsen und Kommissar Stedefreund
Als die Kommisare das direkte Umfeld des Opfers durchleuchten, sind sie zunehmend irritiert: Die Kollegen im Entsorgungsunternehmen scheint Deckers Tod nicht sonderlich zu wundern. | Bild: Radio Bremen / Jörg Landsberg

Herr Baxmeyer, Herr Kanter, "Alle meine Jungs" ist die achte Folge der Reihe "Tatort", in der Sie zusammenarbeiten. Woran haben Sie schon früh erkannt, dass Sie ein gutes Team sind?

Marcus Kanter: Kennengelernt haben wir uns 2000 beim Aufbaustudium Film (heute Hamburg Media School, Anm. d. Red.) in Hamburg. Schnell war klar, dass wir auch unseren Diplomfilm "Die rote Jacke" gemeinsam machen wollten. "Die rote Jacke" hat dann viele Preise bekommen, unter anderem den Student Academy Award und eine Live Action Short film Nomination.

Florian Baxmeyer: (lacht) Wir sind also ähnlich filmisch sozialisiert.

Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit konkret vorstellen?

Florian Baxmeyer: Wir nehmen uns für jeden Film eine spezielle Visualisierung vor, die aber immer den Charakteren folgt und dramaturgisch begründet ist.

Marcus Kanter: Bei guten Motiven muss man mit der Kamera und dem Licht nicht mehr viel machen. Doch je weniger die Sets hergeben, desto vordergründiger kommen die Kameraarbeit und künstliches Licht ins Spiel.

Ihr letzter Bremer "Tatort: Brüder" im Februar erzielt eine Rekordquote. "Alle meine Jungs", der im direkten Anschluss an "Brüder" gedreht wurde, ist in jeder Hinsicht anders inszeniert als sein Vorgänger und hat eine völlig andere Tonalität und einen anderen Look. Hätten Sie sich für diesen Stilwechsel entschieden, wenn Sie gewusst hätten, dass "Brüder" so ein Erfolg wird?

Florian Baxmeyer: Auf jeden Fall. Die Geschichte brauchte diese Inszenierung. Wir haben durch die lange Zusammenarbeit in Bremen ein großes gegenseitiges Vertrauen aufgebaut und waren uns einig, dass wir die Grenzen des Krimis weiter ausloten möchten. "Alle meine Jungs" beginnt eher leicht, ist eher bunt und freundlich. Aber dann wird die Geschichte immer härter und abgründiger. Man stellt fest: Die coolen Mülljungs sind alles andere als nett. Im Gegenteil: Wir habenes mit einer brutalen Mafia zu tun. So eine Herangehensweise ist für den Tatort ungewöhnlich. (...)

Marcus Kanter: Den Müllalltag mit den Arbeitern, den großen Autos, den Müllbehältern kennt eigentlich jeder Zuschauer. Wir zeigen (...) ein Milieu, in dem er Geheimnisse entdecken kann und eine neue Welt kennenlernt. Die Ästhetisierung dieser Welt macht die selbsterschaffene Welt von Exknackis zum Thema und hilft die Charaktere zu erzählen, ohne sie zu diffamieren.

Ungewöhnlich ist auch der Umgang mit der Musik. Es gibt sehr viele, kommentierende Songs und dazu eine melancholische Filmmusik mit vielen Bläsern. War das von Anfang an geplant oder ist das erst im Schnitt entstanden?

Florian Baxmeyer: Die Songs standen so schon im Drehbuch. Meine Cutterin Friederike Weymar, die nicht nur fantastisch schneidet, sondern auch ein großes musikalisches Verständnis hat, war richtig beleidigt, dass die Autoren das alles schon festgelegt hatten und es dann auch noch so gut passte. Vor allem die Schlussmontage zu Hildegard Kneef's "So oder so ist das Leben" ist in ihrer Aussage heftig. Dazu kommt die Musik von Jakob Grunert, die entscheidend mit dazu beiträgt, dass "Alle meine Jungs" nicht ins Komödiantische abgleitet, sondern aus meiner Sicht genau den richtigen Ton trifft.

War es eine Herausforderung, die Müllmänner-Crew zu casten?

Florian Baxmeyer: Auf jeden Fall. Die Damen und Herren mussten authentisch sein und auch zu unserer leichten Überhöhung im Film passen. Solche Leute muss man lange suchen. Und sie müssen Lust und Zeit haben und "schauspielern" sollten sie auch können. Es gab daher viele Castings.

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