Gespräch mit Stefan Kolditz

Er schrieb das Buch zum "Tatort: Verbrannt"

»Natürlich ist Oury Jalloh kein Einzelfall.«

Drehbuchautor Stefan Kolditz
Drehbuchautor Stefan Kolditz | Bild: picture alliance

Im Januar 2005 verbrennt der Asylbewerber Oury Jalloh, mit Handschellen an eine Liege gefesselt, in einer Dessauer Gefängniszelle. War es Ihre Idee, diese wahre Geschichte für einen "Tatort" aufzugreifen?

Nein, die Idee stammt von Christian Granderath, dem Fernsehspielchef des NDR. Uns verbindet eine lange Arbeitsbeziehung. Er rief mich im Herbst 2013 an, um mir verschiedene Stoffe vorzustellen. Am Fall des Oury Jalloh war ich sofort interessiert. Ich hatte von Anfang an seinen Tod und den juristischen Umgang damit verfolgt. Doch bis zu unserem "Tatort" war es für mich unvorstellbar gewesen, dass in einer Zelle in Deutschland, quasi vor den Augen der Polizeibeamten, ein Mann verbrennen konnte.

Haben Sie einen Doku-Krimi daraus gemacht?

Nein. Der Fall bildet den Ausgangspunkt des Films, aber es ging uns nicht darum, Jallohs Schicksal dokumentarisch nachzuerzählen. Ich habe wichtige Fakten aufgenommen, in das Format des "Tatort" überführt und die beiden Kommissare sehr emotional in die Geschichte eingebunden. Wir unterscheiden uns in vielen Punkten vom realen Geschehen. Im Film wird der Täter nach wenigen Tagen ermittelt. In Wirklichkeit behinderte die Dessauer Polizei die Untersuchungen, und die Öffentlichkeit nahm lange Zeit kaum Notiz davon. Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis der erste Gerichtsprozess begann. Die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" und auch die ARD-Dokumentation "Tod in der Zelle" von Marcel Kolvenbach und Pagonis Pagonakis von 2006 trugen viel dazu bei, dass der Skandal um die juristische Aufklärung bundesweit bekannt wurde. Wir sind froh, dass Pagonakis unser Projekt als Berater unterstützt hat.

Brandanschläge auf Asylbewerberheime, Misshandlungsvorwürfe gegen Polizeibeamte: Ihr Buch besitzt eine traurige Aktualität.

Natürlich ist Oury Jalloh kein Einzelfall. Man muss sein Schicksal in einer größeren Perspektive sehen, nach hinten und nach vorne denken. Deutschlands koloniale Vergangenheit spielt nach wie vor keine bedeutende Rolle in der öffentlichen Auseinandersetzung. Und heute erfahren wir täglich von Dramen geflüchteter Menschen auf dem Mittelmeer und von Übergriffen auf Asylbewerber in Europa. In der Person von Oury Jalloh, der damals aus Sierra Leone nach Deutschland kam, deuten sich diese aktuellen Ereignisse bereits an.

Einer der Dessauer Polizisten wird 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldbuße verurteilt. Hat Sie beim Schreiben oft die Wut gepackt?

Ich habe die Prozesse verfolgt und am Ende erleben müssen, wie die Beamten zu obszön lächerlichen Strafen verurteilt wurden. Weil es sich angeblich um eine Selbstverbrennung handelte, lautete der Vorwurf immer nur: Unterlassene Hilfeleistung. Man muss sich nur die langen Minuten seines Sterbens vorstellen. Jalloh ist betrunken in dieser Nacht, verzweifelt und aggressiv. Er wird angekettet. Ein Feuer bricht in seiner Zelle aus, er kann sich nicht von seinen Fesseln befreien und schreit nach Hilfe, doch seine Rufe werden ignoriert. Irgendwann wird er begriffen haben, dass niemand kommen wird. Er stirbt einen unfassbar qualvollen Tod. Wenn ich dann lese, wie sich die Beamten verhalten haben, und ihre Ausflüchte höre, warum sie den Mann nicht gerettet haben, packt mich wirklich die kalte Wut.

Der Film wirft die Frage auf: Gibt es institutionellen Rassismus in Deutschland?

Brandenburg und Sachsen haben ihre Statistiken rechtsradikaler und ausländerfeindlicher Straftaten überprüft und mussten sie rückwirkend nach oben korrigieren. Andere Bundesländer haben das bis heute nicht getan. Institutioneller Rassismus ist nur die zugespitzte Form des Rassismus in der Gesellschaft. Aber bevor wir es uns als Gutmenschen zu einfach machen und auf die anderen zeigen: Wie viel davon steckt in jedem von uns?

In Ihrem "Tatort" macht sich Kommissar Falke mitschuldig am Tod des Mannes.

Oft haben die Fälle wenig mit den TV-Ermittlern zu tun. Sie fragen Alibis ab, entdecken die üblichen Widersprüche, lösen am Ende den Fall. Hier ist es diesmal ganz anders. Bei der Verhaftung rastet Falke völlig aus und prügelt immer und immer wieder auf den Mann ein. Was er sich später nicht erklären kann. Der Gewaltausbruch hinterlässt auch bei seiner Kollegin Lorenz tiefe Spuren. Beide sind gezwungen, sich als Polizisten zu hinterfragen, und geraten jeder in eine tiefe Krise. Bei Lorenz geht das so weit, dass sie ihre Rolle als Polizistin sich selbst gegenüber nicht mehr rechtfertigen kann und den Dienst quittiert.

Im Film handelt es sich um Mord, den ein junger Polizist in einem Aufnahmeritual verübt. Die Kollegen verschleiern das Verbrechen. Ist auf dieser Wache jeder böse?

Die Figuren stehen nicht in einer Schwarz-Weiss-Konstellation zueinander. Natürlich nimmt der Film eine klare moralische Haltung ein, gleichzeitig macht er den immensen Druck deutlich, unter dem die kleinen Beamten stehen, die sich in ihren Ortschaften von der Politik im Stich gelassen fühlen. Ich kann mich sehr gut auch in diese Polizisten einfühlen, die in Extremsituationen die Nerven verlieren und Dinge tun, die sie in allergrößte innere Nöte bringen. Dann rücken sie zusammen, halten die Reihen geschlossen und bauen eine Mauer des Schweigens auf. Dieser "Tatort" will erreichen, was die Krimi-Reihe in meinen Augen zu selten anstrebt: ein großes Publikum in eine extrem wichtige politische Debatte zu verwickeln.

Ein erfahrener Fernsehautor gibt sein Drehbuch in die Hand eines jungen Autorenfilmers. Wie lief die Zusammenarbeit?

Sehr partnerschaftlich. Wir sind das Drehbuch intensiv durchgegangenen und haben gemeinschaftlich die eine oder andere Änderung vorgenommen. Ich finde, die Voraussetzung für einen guten Film ist die Bereitschaft, ihn wirklich zusammen zu machen – und nicht so eine Art Staffellauf zu absolvieren. Es ist mutig und konsequent, dass Thomas Stuber als junger, hochbegabter Regisseur einen dokumentarischen, ästhetisch wirklichkeitsnahen Inszenierungsstil gewählt hat. Er versteht den "Tatort" wie ich nicht bloß als Unterhaltungsformat, sondern will ein großes Sozialdrama erzählen. Dafür findet er Bilder, die den Zuschauer geradezu herausfordern: Wenn du dich auf diese Welt einlässt, die so im "Tatort" selten zu sehen ist, dann wirst du etwas erkennen, was sehr viel mit dir zu tun hat.

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