Gespräch mit Thomas Stuber

Er führte Regie beim "Tatort: Verbrannt"

»Es ist die Fahrt hinein in die deutsche Wirklichkeit.«

Falke (Wotan Wilke Möhring)
Falke steht vor einer Gedenkstätte des verstorbenen Asylbewerbers. | Bild: NDR / Alexander Fischerkoesen

Sie haben 2012 den Studentenoscar gewonnen und bis 2014 ausschließlich fürs Kino gearbeitet. Dann drehten Sie plötzlich drei Folgen "Großstadtrevier". Wie kam es dazu?

Christian Granderath gab mir als jungem Autorenfilmer die Chance, mich beim Fernsehen auf diesem Platz zu behaupten. Das lief so gut, dass Christian Granderath mir im Anschluss sagte, okay, wir sind bereit, mit dir einen "Tatort" zu drehen. Der Polizeifilm, ob im Kino oder im Fernsehen, hat mich schon immer sehr beschäftigt.

Bundesstraße, Felder, Industrieschlote, Fußballplätze, Häuser mit Deutschland-Fahnen in den Gärten – das sind die ersten, von der Nationalhymne untermalten Bilder ihres Films. Wo spielt "Verbrannt"?

In einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Es ist die Fahrt hinein in die deutsche Wirklichkeit, aufgenommen aus der Perspektive der Kommissare. Gedreht haben wir in Salzgitter. Die Bilder wirken dokumentarisch. Sie sind es zum Teil auch, wir haben die Fahnen nicht selber hochgezogen, die hingen tatsächlich dort. Der Asylbewerber Oury Jalloh starb in Dessau, aber es war uns allen wichtig, diesen Fall aus dem Kontext Ostdeutschland herauszuholen, um die übliche Erklärung zu vermeiden, Rechtsradikalität, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, ah ja, nur ein Problem der neuen Bundesländer.

Sind Sie selber in die Recherche eingestiegen, um diesen Fall zu verstehen?

Ich habe mir den Stoff unabhängig von der Drehbucharbeit angeeignet und alles gelesen, was ich in die Hände bekommen konnte. Ich wollte genau wissen, was passiert ist. Als Regisseur musste ich unmissverständlich klar machen, dass dieser Film auf einem realen Fall basiert. Aber wie inszeniert man eine wahre Begebenheit als Spielfilm, ohne ein Dokudrama abzuliefern? Die Recherche hatte auch zur Folge, dass mir eine Bedrohung bewusst wurde: Ich lebe in einem Land, in dem mutmaßlich Polizisten einen Menschen unter bestialischen Umständen zu Tode kommen lassen.

Ist es wichtig, als Regisseur eine Haltung zu haben?

Unbedingt, anders kann man an diesen Stoff nicht herangehen, weder als Regisseur noch als Autor. Allein wenn ich jetzt wieder über Jallohs Tod rede, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich möchte, dass sich dieses Empfinden auf den Zuschauer überträgt.

Ihr Film wirkt sehr bedrückend. Wie schafft man eine solche Atmosphäre?

Wir waren mit der Handkamera immer nah dran an den Kommissaren, die persönlich in die Geschichte verwickelt sind. Wir sehen die Welt mit ihren Augen, und sehen nicht, was sie nicht sehen. Die Handkamera erzeugt das Gefühl, alles ist echt und: Alles ist furchtbar beengt. Zelle, Wache, Asylbewerberheim, Hotelzimmer, die Figuren wirken in den Räumen wie eingekästelt. Das schafft eine enorme Bedrückung und sorgt zudem für Tempo: Der Zuschauer hat kaum die Möglichkeit, einmal durchzupusten und eine totale, offene Einstellung auf sich wirken zu lassen, in der wenig passiert.

Und vieles spielt sich im Dunklen ab.

Auch das hat mit meiner Absicht zu tun, dokumentarisch zu arbeiten. Wir haben die Straßen in der Nacht oft nicht ausgeleuchtet, was den Eindruck der Verengung noch verstärkte. Zugleich erschienen die Orte auf diese Weise geheimnisvoll und bedrohlich. Wir beschönigen nichts. Der Film spielt rund um den Tag der deutschen Einheit und ist in die braunen Farben des Herbstes getaucht.

Haben Sie in einem Asylbewerberheim gedreht?

Wir haben diesen Set aufgebaut und komplett ausgestattet. Das Haus war kurz vor Drehbeginn frei geworden. Ursprünglich sollte es von der Stadt tatsächlich als Unterkunft für Asylbewerber genutzt werden. Man hat sich dann für einen anderen Ort entschieden. Unter unseren Komparsen waren auch wirkliche Flüchtlinge. Alles sieht aus wie in der Realität. Ich wollte keine künstliche filmische Distanz schaffen, die es dem Zuschauer erlaubt, sich zurückzulehnen und zu sagen: So etwas gibt es bei uns nicht. Er ist gezwungen, in die Umstände einzutauchen.

Der Tote ist keine gewöhnliche Krimileiche. Spürt man beim Drehen eine gewisse Verantwortung?

Ja, und um dieser gerecht zu werden, haben wir uns vorgenommen, das Schicksal der Asylbewerber und ihre Lebensumstände in Deutschland so präzise wie möglich zu schildern. Das waren wir diesen Menschen schuldig. Wir durften den Fall Oury Jalloh nicht einfach ausschlachten für 90 Minuten Entertainment am Sonntagabend.

Wie wurden Sie als Jungregisseur vom angestammten Personal aufgenommen?

Ich bin von Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller offen empfangen worden. Mit Wotan habe ich lange über dem Stoff gesessen und diskutiert. Er ist ein grundehrlicher Schauspieler, der nichts vorgaukelt und alles hinterfragen muss: Warum mache ich jetzt das und nicht dieses? Petra ist eine gewissenhafte, äußerst genau arbeitende Schauspielerin. Unser gemeinsames Gefühl war: Wir machen hier einen besonderen "Tatort".

Sie hatten mit Alexander Fischerkoesen einen erfahrenen Kameramann an ihrer Seite, der mit Dominik Graf viele Polizeifilme gedreht hat.

Alexander Fischerkoesen ist ein Meister darin, Polizeiarbeit realistisch ins Bild zu setzen, von seiner Detailversessenheit habe ich unglaublich profitiert. Generell arbeite ich gern mit Kameramännern zusammen, die aus der Geschichte kommen. Also haben wir uns erst einmal über das Buch ausgetauscht und waren uns einig darin: Der Film muss diese Enge und diesen dokumentarischen Charakter haben. Beim Drehen hat er mich wirklich beindruckt. Alexander ist ein Handkameratier. Abgesehen davon, dass diese Kamera schwer ist, muss man auch wissen, wo man hin geht, um den entscheidenden Moment mit den Schauspielern einzufangen.

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