Gespräch mit Wotan Wilke Möhring

Er spielt Hauptkommissar Falke

»Unsere 'Tatorte' sind Fenster zu einer realen und auch politischen Welt.«

Falke (Wotan Wilke Möhring)
Falke macht sich große Vorwürfe und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. | Bild: NDR / Alexander Fischerkoesen

Kommissar Falke schlägt bei einem Einsatz einen Asylbewerber zusammen. Wie kommt es zu diesem Ausraster?

Das hängt mit der unausgesprochenen Beziehung zu seiner Kollegin Lorenz zusammen. Als Falke sieht, wie sie von dem Unbekannten niedergeschlagen wird und regungslos am Boden liegt, übermannt ihn das Private. Sie liegt ihm sehr am Herzen, deswegen schießt er weit übers Ziel hinaus und traktiert den Mann mit einigen Schlägen zu viel.

Der Mann wird in Gewahrsam genommen, wo er stirbt. Trägt Falke Mitschuld an einem Verbrechen?

Er empfindet große Schuld, die er tilgen will, indem er den Fall übernimmt und aufklärt. Falke entschuldigt sich bei den Freunden des Mannes und versucht seiner Kollegin klar zu machen, warum er rot gesehen hat. Sein Gewaltausbruch ist ihm während des ganzen Films nicht geheuer. Er entdeckt Abgründe in sich, die ihm Angst machen. Weil er sich ihnen stellt, geht er aber am Ende gestärkt aus der Geschichte heraus.

Die Rollen sind klar verteilt: Lorenz ist kopfgesteuert, Falke handelt aus dem Bauch heraus. Wird er lernen müssen, künftig auch seinen Kopf einzusetzen?

Ja, dieser Akt der Vergeltung verändert ihn nachhaltig. Falke ermittelt mit großer Leidenschaft, doch der Nachteil dieser Methode ist es, dass die Gefühle schon mal mit ihm durchgehen, was ihm als Profi nicht passieren darf. Auch eine so starke emotionale Bindung zu einer Kollegin will er nicht noch einmal zulassen. Dieser Lernprozess hat begonnen.

Haben Sie sich vor den Dreharbeiten mit dem Fall Oury Jalloh beschäftigt?

Ehrlich gesagt nein. Ich möchte beim Drehen nicht ständig Vergleiche mit der Realität vor Augen haben. Lieber konzentriere ich mich auf das Drehbuch. Wenn ich einen Roman verfilme, ist es für meine Arbeit auch nicht unbedingt hilfreich, ihn vorher zu lesen. Man bringt schnell Roman und Drehbuch durcheinander und überfrachtet sich selber mit Informationen, die für die Performance nicht unmittelbar relevant sind. Als ich am Set vor der verkohlten Leiche stand, machte ich mir allerdings schon ein paar Gedanken: So hat es sich wirklich abgespielt, das ist jetzt in echt. Dieser Realitätscheck hat etwas in mir ausgelöst.

Was genau?

Von Anfang an haben mich als "Tatort"-Ermittler menschliche Abgründe interessiert. Wozu sind Menschen fähig? Was steckt hinter einer Tat? Sind wir selber davor gefeit? Da wir uns als soziale Gemeinschaft begreifen, muss es auch etwas mit uns zu tun haben, denn die Täter stehen nicht außerhalb, sondern sind Teil der Gesellschaft. Deshalb war ich in diesem Fall besonders erschrocken.

Ergreifend sind die Szenen im Asylbewerberheim. Falke beginnt zu fragen: Wer war dieser Mann?

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass keiner gern seine Heimat verlässt, um sich in Deutschland irgendwie durchzuschlagen. Uns geht es so gut, dass wir die Möglichkeiten haben, für andere eine Heimat zu sein. Diese Szenen sind deshalb wichtig, weil man sieht, dass hinter dem Fall ein menschliches Schicksal steckt. Der Mann hat Familie gehabt, auch in Deutschland, er träumte von einem anderen Leben, er wollte Fußball spielen. Tausende Flüchtlinge kommen zu uns, aber diese Zahlen sagen nichts darüber aus, was Flucht und Asyl für den Einzelnen bedeutet. Vielleicht kann unser Film ein wenig dazu beitragen, dass wir, statt der Zahlen, mehr die persönlichen Lebensgeschichten in den Blick nehmen.

Haben Sie beim Drehen eine besondere Verantwortung empfunden? Das Opfer hat ja wirklich gelebt.

Manche unserer "Tatorte" lehnen sich an reale Schicksale an, ohne dass ich mich bewusst auf eine konkrete Person zurückbesinne. Die Filme erzählen ihre eigenen Geschichten, mit eigenen Figuren und eigenen Motiven. Eine Verantwortung für die persönlichen Hintergründe und den politischen Inhalt ist trotzdem jedes Mal spürbar. Es ist ja völlig klar, dass wir uns nicht immer alles ausdenken, unsere "Tatorte" sind Fenster zu einer realen und auch politischen Welt. Aber wir wollen auch Lösungen anbieten und ein Verbrechen so weit es geht aufarbeiten. Dafür treten die realen Fälle in den Hintergrund.

Ist es nicht mühsam, sich als "Tatort"-Kommissar immer wieder auf neue Autoren und Regisseure einstellen zu müssen?

Überhaupt nicht, und es wäre mir ein Gräuel, wenn alles nur noch Routine wäre. Dass die Drehbücher verschieden sind, die Regisseure anders arbeiten, ist spannend und es bereichert mich sehr. Ich bin derjenige, der bleibt. Alle anderen kommen und gehen. Es ist genauso aufregend, als würde ich an einen neuen Filmset gehen. Hier aber kommt der Film zu mir.

Die Reihe ist dafür bekannt, jungen Filmemachern eine Chance zu geben.

Ich bin ja auch noch kein altes Schlachtross. Aber es stimmt: Wir wollen uns bei der Arbeit von Regisseuren inspirieren lassen, die nicht gleich sagen, jo, ich habe 80 "Tatorte" gemacht, ich weiß, wie Krimi geht. Das will man ja nicht hören. Deswegen suchen wir auch gezielt junge Leute aus. Gleich im ersten Gespräch mit Thomas Stuber hat uns seine Vision des Films überzeugt. Und seine Haltung zum Projekt: entweder ganz oder gar nicht! Er ließ beim Drehen auch nicht gleich den Kopf hängen, wenn eine Szene mal mehr Zeit brauchte und nachher nicht alle vor Begeisterung in die Hände klatschten. Unerfahrene Regisseure tun sich oft noch schwer damit, Schauspieler zu führen. Bei Thomas war es anders: Er hatte von Anfang an den Anspruch, die Hauptverantwortung auf seinen Schultern zu tragen – und uns zu führen. Mit ihm zu drehen, war ein schönes Erlebnis.

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