Gespräch mit Regisseurin Christine Hartmann, MDR-Redakteurin Johanna Kraus und UFA Fiction-Produzentin Henriette Lippold

Drehstart für die dritte Staffel "Charité"
Dritte Staffel "Charité" (v.l.nr.): Regisseurin Christine Hartmann, Kamera Holly Fink, Muriel Bielenberg (Christa Rösler), Nina Kunzendorf (Dr. Ingeborg Rapoport), Patricia Meeden (Schwester Arianna) und Anatole Taubman (Prof. Mitja Rapoport) | Bild: ARD / Stanislav Honzik

Die 3. Staffel der Erfolgsserie startet, in jeder Staffel wird eine andere Zeitebene erzählt. Was verbindet alle miteinander?

Johanna Kraus: Obwohl wir mit jeder Staffel ein neues Kapitel der Medizingeschichte erzählen, zieht sich eine Erzählung von der 1. Staffel bis zur 3. Staffel durch: Die Rolle der Frauen in der Medizin. Angefangen mit Ida Lenze als Hilfswärterin im 19. Jahrhundert, über Anni Waldhausen als Assistenzärztin in den 40-er Jahren und nun erzählen wir die gestandene Ärztin Ella Wendt, mit einem großen Forschergeist in den 60-er Jahren. Unwillkürlich erzählt sich die Emanzipationsgeschichte unserer Gesellschaft anhand dieser Figuren.

Wie haben Sie die Atmosphäre und den Zeitgeist der 60-er Jahre eingefangen? Was war Ihnen bei der filmischen Umsetzung wichtig?

Christine Hartmann: Es war mir ein großes Anliegen, der damaligen Zeit und ihren Menschen gerecht zu werden, d.h. nicht mit dem Wissen von heute die Geschichte zu erzählen. Was machte den Gedanken des Sozialismus ursprünglich aus? Wie gingen die Menschen an der Charité mit den Ereignissen um? Dabei ist, wie in Staffel eins und zwei, die Charité selbst unser Flaggschiff, sozusagen unsere Hauptperson. Aus ihrer Sicht erzählen wir den Sommer und Herbst 1961. Größtmögliche Authentizität war mir dabei sehr wichtig. Sowohl in der Inszenierung als auch in Kameraführung, Ausstattung und Kostüm sollte nichts "aufgesetzt" wirken.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Charité, welche Berater standen Ihnen beim Erschaffen der Serie zur Seite?

Henriette Lippold: Die Zusammenarbeit mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin gestaltete sich einmal mehr als sehr fruchtbar. Durch Mithilfe von Prof. Dr. Einhäupl und seinem Nachfolger Prof. Dr. Kroemer konnten wir auch dieses Mal wieder auf die fachliche Unterstützung von einer Reihe an Experten vertrauen. Neben Prof. Dr. Schnalke, dem Leiter des Medizinhistorischen Museums der Charité, standen uns bei der 3. Staffel Dr. Herrn, Dr. Hartwig, Prof. Dr. Tsokos und Dr. Benecke zur Seite. Dieses geballte Wissen in allen Fachgebieten und die Fantasie der Autoren ließen uns die Medizingeschichte 1961 authentisch darstellen.

Die Handlung der 3. Staffel spielt in einer geschichtlich sehr bedeutenden Zeit. Warum wurde dieses Abschnitt gewählt und wie viel Einfluss hatten die politischen realen Ereignisse auf die Geschichte, die Sie erzählen?

Johanna Kraus: Es ist immer die spannendste Frage, wenn wir über die neue Staffel nachdenken: Wohin springen wir im nächsten Kapitel? Uns interessieren dabei vor allem die historisch bekannten Mediziner*innen und die Themen ihrer Zeit. Diese bringen zwangsläufig die Folie der Zeitgeschichte mit sich. Bei der 3. Staffel ist der Mauerbau ein Thema. Die Lager der Charité direkt im Grenzgebiet ist spannend, aber die 3. Staffel ist keine Serie über die Mauer. Es ist eine Serie, die uns hineinnimmt in die Blutforschung und die uns eine herausragende Kinderärztin Ingeborg Rapoport, einen ausgezeichneten Frauenarzt Helmut Kraatz und den berühmten Serologen und Gerichtsmediziner Otto Prokop nahebringt. Alle drei haben Grundlagen für die Medizin geschaffen – und dies vor dem Hintergrund der manifestierten deutsch-deutschen Teilung. Es gibt in der Serie immer wieder Verweise auf reale politische Ereignisse, darunter der Brief der Ärzteschaft der Charité, die den Mauerbau begrüßte, die Obduktion des Mauertoten durch Otto Prokop sowie seine Gedächtnisprotokolle. Die medizinischen Fälle in den einzelnen Folgen bilden ein Kaleidoskop der Gesellschaft und der Themen der Zeit, ob Impfung, Mangelernährung der Landwirte, Uranabbau oder zuletzt die Trennung des deutschen Leistungskaders der Turner*innen. Diese Geschichten sind die Übersetzung von realen politischen Ereignissen in die Charité.

Wie verantwortlich fühlt man sich den historischen Figuren gegenüber? Und wie nähert man sich ihnen?

Henriette Lippold: In der 3. Staffel der "Charité" erzählen wir mit 1961 die nähere Vergangenheit. Viele Menschen, die damals im Krankenhaus tätig waren, leben heute noch und erinnern sich an die schicksalhaften Ereignisse rund um den 13. August 1961. Das bedeutet für uns bei der Recherche, einen noch genaueren und differenzierteren Blick auf die Geschehnisse zu werfen. Wir empfinden eine große Verantwortung gegenüber den Zeitzeugen. Und natürlich auch gegenüber den Angehörigen unserer historischen Ärzte Dr. Ingeborg Rapoport, Prof. Otto Prokop und Prof. Helmut Kraatz. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keine 1:1-Dokumentation des Lebens der drei zu erzählen, sondern die verbürgten Fakten mit fiktionalisierten, aber authentischen Handlungen anzureichern. Die Familien waren in die Buchentwicklung eingebunden und haben uns wertvolle Hinweise gegeben.

Was waren die größten Herausforderungen, die Sie und Ihr Team im Laufe der Dreharbeiten bewältigen mussten?

Christine Hartmann: Wir haben eine Mischung aus fiktiven und real existierenden Charakteren. Denen galt es in ihrer Vielschichtigkeit gerecht zu werden. Zudem mussten wir das Jahr 1961 auch optisch wieder zum Leben erwecken – Mauerbau, der erste Mauertote im Humboldthafen und die verschiedenen Kliniken, wie Kinderklinik, gerichtsmedizinisches Institut, Frauenklinik und Innere Medizin. Alles sollte nach realen Vorbildern klar voneinander abgesetzt werden. Das galt auch für Maske und Kostüm. Jeden Tag aufs Neue war es mir wichtig, ein gleichermaßen spannendes wie auch emotionales Bild von damals zu erschaffen.

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