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Indonesien: Zwischen Hijab und Heavy Metal

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Indonesien: Zwischen Hijab und Heavy Metal | Bild[1]: picture alliance / Ahmad Pathoni/dpa

Sie sind laut. Sie sind wild. Sie tragen einen Hijab. "Voice of Baceprot" (VoB ) – so heißt die Band von Firdda Kurnia, Widi Rahmawati und Siti Aisyah. Ihre Leidenschaft: Heavy Metal. "Laute Stimme" heißt ihre Band übesetzt und "Schul-Revolution" der Titel, den sie in einem Tonstudio in Jakarta einspielen. Die Mädchen nehmen ihr erstes Album auf.  Für Sängerin Firdda Kurnia ist es ein sehr persönlicher Song: "Wenn ich den Song aufnehme, singe ich mir die Seele aus dem Leib. Es geht darum, wie ich in der Schule gemobbt wurde, weil ich anders bin, weil ich meine eigene Meinung habe und sie auch sage. Viele denken, dass ich komisch bin, eine Außenseiterin. All diese Gefühle sind in dem Lied." 

Kometenhafter Aufstieg

Voice of Baceprot im Studio
Ihre Leidenschaft ist Heavy Metal: "Voice of Baceprot" im Studio. | Bild: NDR

Die Mädchen sind 16 und 17 Jahre alt. Manche Mädchen sind in dem Alter in Indonesien schon verheiratet. Aber diese drei sind einfach besessen vom Musikmachen. "Ich war früher total schüchtern. Naja, bin ich eigentlich immer noch. Aber ich habe jetzt viel mehr Selbstvertrauen. Ich kann Bass-Gitarre spielen. Viele andere in meinem Alter können das nicht", sagt Widi Rahmawati.

Ihr Aufstieg ist wie aus einem Hollywooddrehbuch. Vor drei Jahren gründeten sie in der tiefsten Provinz Java eine Schul-Band. Jetzt starten sie richtig durch: Fernsehauftritte, ein Album. Mal eben für drei Tage nach Bali jetten, für das Trio aus ärmlichen Verhältnissen ist das eine völlig neue Welt. Firdda, Siti und Widi sind total aufgeregt. Zum ersten Mal in ihrem Leben werden die drei in ein Flugzeug steigen – mit Assistent und Manager zu einem Musikfestival nach Bali. "Ich glaube Bali ist superschön. Das wird ein Wahnsinnserlebnis für uns", sagt Firdda Kurnin, Sängerin und Gittaristin der Band.

"Wir haben unsere Seele im Heavy Metal gefunden"

Firdda Kurnia im Interview
Firdda Kurnin ist Sängerin und Gittaristin der Band. | Bild: NDR

Zuerst haben ihre Eltern ihnen verboten, Musik zu machen. Heavy Metal ist nicht gerade das, was sich konservative, muslimische Eltern für ihre Töchter so vorstellen. Aber die Mädchen haben nicht aufgegeben. "Meine Eltern machen sich immer noch Sorgen klar, aber sie merken inzwischen, dass wir richtig Erfolg damit haben. Sie haben deshalb auch zu dieser Reise "Ja" gesagt, aber ich soll mich in Acht nehmen", erzählt Drummetin Siti Aisyah. "Meine Eltern haben gesagt. Benehmt Euch und denkt an Eure Gebete", sagt Widi Rahmawati.

Nach der Ankunft auf Bali geht es schnell zum Soundcheck. "Wie alle Teenager versuchen wir irgendwo unseren Frust loszuwerden", erzählen sie. In der Musik haben sie ihren Weg gefunden, anders zu sein, zu rebellieren. "Wir haben unsere Seele im Heavy Metal gefunden", sagt Firdda und Widi ergänzt:" Ich stehe auf funky Musik. Das ist total meins."

Islam und Heavy Metal passen zusammen

Firdda Kurnia auf der Bühne
Mit Heavy Metal Gedanken und Gefühle ausdrücken. | Bild: NDR

Am Anfang haben sie einfach Lieder anderer Bands nachgespielt. Jetzt schreiben sie ihre eigenen Songs. "Mit unseren Texten wehren wir uns gegen das kaputte Schulsystem, Diskriminierung und ungleiche Chancen im Leben. Das sind Themen, die unsere Generation bewegen. Viele Freunde von uns flüchten sich in schnellen Sex vor der Ehe und Drogen. Wir haben die Musik", sagt Firdda.

Aus drei fast schüchternen 16- und 17-Jährigen werden auf der Bühne Vollprofis. Sie rocken und sie grölen. Hijab und Heavy Metal – mit Unterwürfigkeit hat das hier wirklich nichts zu tun. Sie wollen Vorbild für andere Mädchen sein. Natürlich passen Islam und Heavy Metal zusammen, meinen sie. 
Sie versuchen den Spagat zwischen zwei Welten. Ihre Religion sei Teil ihrer Identität, aber eine  Privatangelegenheit sagen die Mädchen. Heavy Metal ist ihre Art, Gedanken und Gefühle auszudrücken.
"Am Anfang haben Leute behauptet, wir wollen nur Aufmerksamkeit erregen. Wir sind über Social Media und im richtigen Leben total beschimpft worden. Die haben gesagt: Wir würden nur auf der Bühne einen Hijab tragen, nicht in unserem normalen Alltag. Wir seien nur auf Provokation aus", erinnert sich Firdda Kurnia.

Das Ziel: USA

"Voice of Baceprot" auf Bali
Das große Ziel des Trios heißt USA. | Bild: NDR

Anfeindungen gibt es, weil sie ihren eigenen Weg gehen, in einem Land, in dem konservative Muslime in den letzten Jahren immer mehr an Einfluss gewinnen. In einigen Provinzen wird die Scharia streng befolgt. Doch davon lassen sich die drei scheinbar nicht beeindrucken: "Diese Leute stehen nicht für den Islam. Sie verstehen die Religion nicht. Der Islam ist nicht so zornig. Diese Leute sind aber so laut, dass manche anderswo in der Welt denken, alle Muslime seien so. Aber das stimmt nicht. Es gibt ja schließlich auch uns", sagt Firdda Kurnia .

Wir lassen uns nicht einschüchtern von niemandem, sagen die drei selbstbewusst. Sie stecken voller Energie und Träume. Das nächste große Ziel steht schon fest: Amerika. Denn von dort kommen viele ihrer Lieblingsbands.
Hijab und Heavy Metal – das muss kein Widerspruch sein, sagen die drei. Firdda, Widi und Siti legen gerade erst los.

Autorin: Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

Stand: 13.02.2018 08:56 Uhr

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