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Montenegro: Töchter unerwünscht

Montenegro: Töchter unerwünscht

"Nur wer einen Sohn hat, ist ein echter Mann" – das glauben immer noch einige in Montenegro. Der Sohn ist Erbe und Stammhalter, Mädchen eher unerwünscht. Das Geschlechterverhältnis in dem Balkanstaat an der Adria ist alarmierend: auf 100 Mädchen kommen rund 110 Jungen – statt 103, wie im europäischen Durchschnitt. Trotz Aufklärungskampagnen werden – insbesondere auf dem Land – Mädchen gezielt abgetrieben.

Dabei war der Test zur Geschlechterbestimmung lange riskant: Viele Söhne haben überlebt, weil sie männlich sind, wurden durch den invasiven Text zur Bestimmung des Geschlechts jedoch geschädigt. Inzwischen gibt es einen risikolosen Bluttest, immer mehr Eltern lassen frühzeitig das Geschlecht bestimmen; die Zahl der Abtreibungen steigt. Till Rüger (ARD-Studio Wien) hat eine Journalistin begleitet, die sich einsetzt gegen die Traditionen der Mädchenabtreibungen.

Monatelang hat die Journalistin Svetlana Slavujevic gesucht, um diese Frau zu finden – und sie hat Amela überzeugt, öffentlich ihre Geschichte zu erzählen – wenn auch, ohne ihr Gesicht zu zeigen. Denn es geht um eine Tradition, über die man in Montenegro nicht gerne spricht: Mädchenabtreibungen. "Ich sehe täglich den Druck, dem unsere Frauen hier ausgeliefert sind. Ich kann und will das aber nicht mehr tolerieren, es muss aufhören."

Kein echter Mann ohne echten Stammhalter

Svetlana ist Reporterin beim montenegrinischen Fernsehen, sie engagiert sich seit vielen Jahren im Kampf gegen Mädchenabtreibungen. Kaum eine Betroffene wollte bisher vor eine Kamera. "Ja, ich hatte richtig Angst davor ein Mädchen zu gebären", erzählt Amela. "Denn die Entscheidung für ein weiteres Kind war mit der Hoffnung verbunden einen Jungen zu bekommen, sonst hätte ich auf noch ein Kind verzichtet."

Frau bei Gespräch mit Journalistin
Die wenigsten Betroffenen wollen sich vor der Kamera äußern.

Gezielte Abtreibung von weiblichen Föten? Solche Geschichten kennt man aus Indien oder aus China. Aber ein Land wie Montenegro, das Mitglied der EU werden will? In dem kleinen Balkanstaat, zwischen Kroatien und Albanien, direkt an der Adria – gibt es dieses Phänomen seit langem. Schlimmer noch: es hat gerade in den ländlichen Regionen wieder zugenommen. In dieser patriarchalischen Gesellschaft hat der Mann das Sagen. Und ein Mann, der keinen Sohn hat, der ist kein echter Mann.

"Das ist eine Sache der Tradition", meint ein Mann. "Wir Montenegriner sind ein Volk der Krieger, ein Volk das sich gegen die Türken verteidigen musste. Die Familien brauchten da viele Männer, um sie zu beschützen." Und ein Vater mit Sohn ergänzt: "Bei uns in Montenegro ist es die größte Freude, einen Sohn zu haben. Damit er den Namen weiterführt und damit der Vater einen Erben hat."

Großer Druck auf die Frauen

Je mehr Söhne, desto mehr Ansehen genießt man. Im eher muslimisch geprägten Dorf aus dem Amela kommt, gilt dies genauso wie in den christlich-orthodoxen Teilen des Landes. Mädchenabtreibungen waren und sind dort Normalität. Der Druck auf Frauen ist enorm. Ob und wie oft sie abgetrieben hat, will Amela lieber nicht sagen. "Ich kenne dutzende Frauen, die zu Beginn der Schwangerschaft testen welches Geschlecht der Embryo hat. Und wenn das dritte oder vierte Kind wieder ein Mädchen ist, dann lassen sie abtrieben - manche bis zu fünf Mal."

Ultraschall-Aufnahme
Abtreibung – falls das Kind das "falsche" Geschlecht hat.

Auch Amela hat sich vor ein paar Jahren einem damals noch invasiven Test unterzogen, bei dem Zellen entnommen werden um das Geschlecht zu erfahren. Durch den Eingriff hat der männliche Fötus Schaden genommen. Ihr inzwischen 9-jähriger Sohn ist nicht völlig gesund. Auch deshalb sollen wir ihn nicht filmen.  "Erst nach der Geburt habe ich erfahren, dass viele Kinder, deren Mütter sich einem solchen Test unterzogen haben, mit einer mehr oder weniger schweren Anomalie zur Welt kamen." 

Bis zur 12. Woche ist Abtreibung ganz legal in Montenegro, so wie in den meisten westeuropäischen Ländern. Doch die Entscheidung, weibliche Embryos abzutreiben, gilt auch hier als Missbrauch medizinischer Information. Svetlana nimmt uns mit ins Krankenhaus von Berane, einem kleinen Ort im Norden Montenegros. Die Gynäkologin Ceca Balać ist oft mit dem Problem konfrontiert, dass Frauen vor allem Jungen gebären wollen. "Erst vor kurzem besuchte mich eine Patientin, die bereits 4 Mädchen hat. Sie erzählte mir unter Tränen, dass ihr Mann ihr ein Ultimatum gestellt hat: entweder bekommt sie jetzt einen Jungen, oder er verlässt sie."

Viele illegale Abtreibungen

1.500 Abtreibungen gibt es offiziell jedes Jahr in Montenegro. Doch inoffiziell liegt die Zahl – laut Dr. Balac – viel höher. Sie schätzt, dass bis zu 20.000 Abtreibungen jährlich stattfinden. Viele davon illegal in Privatkliniken und oft nur, weil die Eltern unbedingt einen Jungen wollen. Verlässliche Zahlen existieren nicht. Inzwischen verschärft sich die Problematik wieder, denn seit knapp zwei Jahren ist auch in Montenegro ein nicht-invasiver Test möglich: NIFTY. Aus dem Blut der Mutter wird das Genmaterial des Kindes gewonnen und so das Geschlecht bestimmt. Eine Methode, bei der der Embryo nicht geschädigt werden kann.

Broschüre zum NIFTY-Test
Ein neuer Test erhöht die Zahl der Mädchenabtreibungen.

Überall finden sich Broschüren und Anzeigen zum NIFTY. Alles bunt - und schön erklärt.  "Wir können nur schätzen, wie stark sich die Zahl der Mädchenabtreibungen durch diese nicht-invasiven Tests erhöht", sagt Dr. Ceca Balać. "Erhöhen wird sie sich auf jeden Fall."

Eigentlich hatte man das Problem schon zu den Akten gelegt, erklärt Svetlana Slavujevic. Die Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahre hätte gefruchtet, die Zahl der Mädchenabtreibungen sei gesunken. Mit dem neuen Test würde nun eine überholte Tradition wieder aufleben.  "Es ist Mode geworden, dass Frauen in Privatkliniken gehen, einen einfachen, schmerzlosen Test machen und dann wie auf dem Markt entscheiden, ob sie Äpfel oder Birnen kaufen und fast völlig gefühllos abtreiben."

Immer höherer Männerüberschuss

Mädchenabtreibungen führen langfristig zu einer Verschiebung der Bevölkerungsstruktur. Das Geburtenverhältnis Mädchen zu Jungen liegt europaweit bei etwa 100 zu 103, in Montenegro dagegen – laut offiziellen Studien – bei 100 zu rund 110. Schon jetzt gibt es in einigen Dörfern Montenegros einen Männerüberschuss und dieser Trend wird sich wohl noch verstärken.

Kinder spielen auf Straße
Vor allem in den Dörfern: Mehr Jungs als Mädchen.

Mit ihrer Aufklärungsarbeit kämpft Svetlana als Fernsehjournalistin zugleich auch für ihre eigene Tochter. Erster Erfolg: ein Kongress des Gesundheitsministeriums, auf dem die Landärzte besser aufgeklärt werden sollen. "Die betroffenen Frauen können nicht in die Öffentlichkeit gehen und das Problem ansprechen, weil sie damit ihre Familie bloßstellen würden. Deshalb muss ich das machen."

Svetlana steht einer starken Lobby gegenüber: Ärzte, Labore und private Kliniken verdienen gut an der Geschlechts-Bestimmung. Bis zu 600 Euro kostet ein Test – das ist viel Geld hier. Doch auch arme Familien treiben es auf, sagt Amela; denn nur männliche Kinder gelten als echte Stammhalter.

Stand: 20.11.2017 12:55 Uhr

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