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China: Angst um Liu Xia, die Witwe des Nobelpreisträgers

China: Angst um Liu Xia, die Witwe des Nobelpreisträgers
Hao Jian
Hao Jian

Ihr blieb nur die Trauer: Liu Xia, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo bei der Seebestattung ihres Mannes Mitte Juli. Seitdem wird sie von der Außenwelt abgeschottet. Ihre Freunde machen sich Sorgen, so auch Hao Jian: "Wenn sie weiter isoliert gehalten wird, dann wird sich ihre Situation noch sehr verschlimmern. Ich bin sehr besorgt, dass Liu Xia diesen Druck, die Depression und Einschränkung ihrer Freiheit nicht durchsteht, besonders nach dem Tod von Liu Xiaobo."

Viele Freunde und Unterstützer wären zu der Trauerfeier gekommen - eine potentielle Gefahr für Peking; es hätte zu Protesten kommen können. Doch kurz nach Lius Tod veröffentlichen die Behörden dieses Schreiben der Witwe: Sie wünsche sich eine schnelle Seebestattung im engsten Familienkreis. An der Echtheit des Schriftstücks gibt es keine Zweifel, an der Botschaft schon. Freund Hao Jian ist überzeugt: "Wenn sie mich fragen: das war doch nicht ihr Wille!"

Der Friedensnobelpreis

Liu Xia
Liu Xia

2010: Der leere Stuhl in Oslo. Als ihr Mann, der Bürgerrechtler Liu Xiao Bo, den Friedensnobelpreis verliehen bekam, war er schon im Gefängnis. Seine Frau Liu Xia konnte nicht für ihn nach Oslo fahren. Peking nahm sie in Sippenhaft, stellte sie unter Hausarrest, bis heute. Nur selten gelangen Interviews mit ihr wie damals: "Ich habe wirklich nicht erwartet, dass er den Nobelpreis gewinnt. Und ich kann das Haus nicht verlassen. Das ist doch absurd. Absurder hätte Kafka das nicht schreiben können."

Seit sieben Jahren lebt sie unter ständiger Überwachung. Die Haare rasierte sie sich selber ab; sie leidet unter schweren Depressionen - eine gebrochene Frau. Damals versuchte auch der Freund Hao Jian, Liu Xia zu sprechen. Er nutzt zur Kontaktaufnahme einen Laserpointer: wenn sie den Lichtstrahl sieht, erscheint sie am Fenster auf der Rückseite des Hauses, das von vorne streng bewacht ist. Hao Jian beschreibt: "Sie kam zum Fenster und wir hörten nur, wie sie weinte und uns bat zu gehen, obwohl sie eigentlich mit uns reden wollte. Aber sie hatte Angst, uns in Schwierigkeiten zu bringen."

Liebe als Verbrechen

Die Regierung in Peking behandelt sie wie eine Kriminelle, dabei hat sie nichts verbrochen, nur ihn geliebt, den Dissidenten Liu Xiao Bo. Sie heiratet ihn, als er seine Haftstrafe für die Teilnahme an den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens absitzt. Sie, die Poetin und Künstlerin, die sich als unpolitisch bezeichnet, jedoch etwa durch ihre Serie "häßliche Babies" ein düsteres, verstörendes Bild auf die Gegenwart zeichnet. Ihr Mann, der zu Demokratie aufrief und dafür seit 2009 im Gefängnis saß - Gefangenschaft bis zum Tod. Nur am Ende durfte Liu Xia bei ihrem Mann im Krankenhaus sein. Da war bei ihm schon Leberkrebs im Endstadium diagnostiziert worden. Die Ausreise zur ärztlichen Behandlung verbot Peking. Sie begleitete ihn beim Sterben. Dann war sie allein - und weiter gefangen.

Deutschland hatte der chinesischen Regierung angeboten, Liu Xia aufzunehmen. Doch die Behörden spielen den Fall herunter; Liu Xia werde nach chinesischem Gesetz behandelt, wie auch Lu Kang, Sprecher des Außenministeriums bestätigt: "Wir verbitten uns in diesem Fall jegliche Einmischung aus dem Ausland."

Shang Baojun
Shang Baojun

Liu Xias Rechtsanwalt Shang Baojun verurteilt die Vorgehensweise. Auch nach chinesischem Recht kann man keinen Menschen grundlos festhalten: "Die besondere Situation von Liu Xia ist, dass sie gar nichts dafür kann. Liu Xia hat keine Straftat begangen, es gibt keine gerichtliche Entscheidung von juristischer Stelle, es ist illegal, dass man sie in ihrer persönlichen Freiheit einschränkt."

Vor kurzem: ein Youtube-Video von Liu Xia taucht auf, aber nicht von ihr selbst gepostet, offensichtlich adressiert ans Ausland, denn Youtube ist in China gesperrt. Das Video ist in Südchina gefilmt. Mittlerweile soll sie zurück in Peking sein.

Hu Jia
Hu Jia

Aktivist Hu Jia ist sich sicher: "In dem Video sagt sie, sie brauche Zeit zum Trauern und dass die Ärzte alles getan hätten, um Liu Xiaobo zu retten. All diese Aussagen braucht die Staatssicherheit, um die Bedenken des Auslands zu zerstreuen. Liu Xia wurde dazu gezwungen."

Liu Xia und ihr Mann - gedruckt auf ein T-Shirt. Hu Jia und andere Aktivisten wollen damit die Menschen aufzurütteln. Aber in China kennt kaum einer das Schicksal der beiden. Die Regierung griff durch, hat sieben Dissidenten vorläufig festgenommen, die in dem T-Shirt eine Gedenkfeier für die beiden abgehalten hatten.

Protest in Hong Kong

In Hong Kong geschieht das, was im Rest Chinas unmöglich ist: Zu Tausenden zeigen sie ihre Trauer um Liu Xiaobo und die Angst um seine Frau, in aller Öffentlichkeit. Der Appell an die Regierung in Peking: Lasst Liu Xia frei! Vermisstenanzeigen gegen das Vergessen.

Lo Wai Ming, Aktivist des Patriotic Democratic Movement in China: "Wir hoffen, dass alle Chinesen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten für Liu Xia, und wir hoffen, dass die chinesische Regierung sie frei lässt, so dass sie selbst entscheiden kann, wo sie leben will."

Amnesty International hat von Hong Kong aus schon viele Aktionen für Liu Xiaobo und seine Witwe initiiert: 70.000 Unterschriften haben sie für Liu Xias Freiheit gesammelt und an den chinesischen Staatschef Xi Jinping geschickt.

Patrick Poon von Amnesty International Hong Kong: "Wir glauben, dass in solchen prominenten Fällen wie Liu Xiaobo und Liu Xia ununterbrochener internationaler Druck nicht schadet, sondern die Aufmerksamkeit noch erhöht und Liu Xias Situation verbessern hilft."

Liu Xia - bei ihrem Mann kannte Peking keine Gnade. Wie lange muss sie noch auf ihre Freiheit warten? Diese Frage wird immer dringender.

Autorin: Sascha Storfner, ARD Peking

Stand: 17.09.2017 17:25 Uhr

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