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20.03.2010

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Rückschau: Haiti

Das Erdbeben und die Korruption

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 7. Februar 2010

Viele Einwohner sind obdachlos nach dem Erdbebenlupe Bildunterschrift: ]
Wenn er durch seine Nachbarschaft geht, dann weiß er jedes Mal - er hat Recht gehabt, schrecklich Recht gehabt. Claude Prépetit ist Haitis Geologe, der schon seit Jahren vor einem schweren Erdbeben in seinem Land warnt. 7,2 auf der Richter-Skala hatte er vorhergesagt, 7,0 waren es dann. "Zwischen der Vorhersage und der Wirklichkeit gibt es einen riesigen Unterschied. Ich hätte nie gedacht, dass so eine Katastrophe sein wird. Ich glaubte an ein kleineres Erdbeben, doch die jetzige Bilanz ist verheerend."

Das geologische Institut in Port-au-Prince: Zusammen mit französischen Wissenschaftlern hat Prépetit schon vor Jahren 40 Sonden in Haiti angebracht und die Spannung zwischen den tektonischen Platten gemessen. Das Datum eines Erdbebens können die Seismologen nicht prognostizieren, aber auf die bestehende Gefahr hinweisen.

In Pressekonferenzen hat das Prépetit versucht - die Resonanz war dürftig. "Ich hatte nur drei Personen im Publikum. Die Leute in Haiti haben für so etwas kein Interesse. Sie behaupteten vielmehr, es gab nie ein Erdbeben und es wird auch keines geben. Sie haben mir einfach nicht geglaubt."

Warnungen wurden ignoriert

Auch jetzt sind wieder Geologen-Teams unterwegs, um Messungen vorzunehmen - angeführt werden sie vom Franzosen Eric Calais, der das Know-How und die Spezialgeräte mitbringt.

Port-au-Prince liegt genau auf einer Erdbeben-Falte zwischen der amerikanischen und karibischen Erdplatte. Deswegen bleibt die Stadt weiter extrem gefährdet.

Die Seismologen gehen davon aus, dass es noch ein zweites schweres Beben geben wird, dieses Mal eher im Norden des Landes. "Es besteht jetzt die gleiche Gefahr wie vor dem Erdbeben. Deswegen muss man nicht in Panik ausbrechen oder überhastete Entscheidungen treffen. Jetzt muss dieses Land endlich lernen, mit der Gefahr zu leben."

Die Geologen vermessen riesige Risse in einer Landstraße. Wir sind beeindruckt von der Gewalt der Natur, aber der Franzose Calais meint nüchtern, dass diese Risse wohl eher mit einem anderem haitianischen Phänomen zu tun haben - der Korruption. Schlechter Straßenbelag habe beim Beben dazugeführt, dass sich die Erde hier so dramatisch geöffnet hat.

Beim Erdbeben am 12. Januar war nicht die Stärke von 7,0 das Problem. Entscheidend war, dass dieses Beben einen extrem schwachen und korrupten Staat getroffen hat. Fast alle öffentlichen Gebäude sind eingestürzt, Schulen, Universitäten und auch Ministerien. Kaum ein Gebäude war Erdbeben sicher konstruiert, Pfusch am Bau eher die Regel. Auch das Bauministerium ist eingestürzt.

Proteste vor dem Regierungssitz

In seinem provisorischen Büro treffen wir Bauminister Jacques Gabriel, einen netten älteren Herrn, der die ganze Hilflosigkeit seines Landes verkörpert. Man habe durchaus Bau-Normen entwickelt, betont er uns gegenüber, nur habe sich leider keiner daran gehalten. Die Leute bauen hier einfach, ohne die Behörden zu konsultieren, sagt der Minister, sie fragen weder die zuständige Stadtverwaltung noch unser Ministerium.

Das Erdbeben, kombiniert mit dieser fahrlässigen Einstellung - das war für Port-au-Prince eine tödliche Mischung. Auch hier an der Schule Canape Verde, deren Direktorin Franck Paul noch immer nicht ganz begreifen kann, was passiert ist.

Das Schulgebäude ist vollständig eingestürzt und hat vermutlich über hundert Lehrer und Schüler unter sich begraben. "Die Behörden wollten nie an Prépetits Prognose glauben, dass hier so etwas passieren könnte. Man hat keinerlei Vorkehrungen getroffen, und es gab auch keine Rettungspläne."

Tägliche Proteste vor dem Regierungsitz - innen drin gibt es Pressekonferenzen. Auch Claude Prépetit wird nun ernst genommen. Man diskutiert, ob die Hauptstadt nicht woanders aufgebaut werden sollte. "Ich befürchte, dass die Hauptstadt vielleicht verlegt wird, damit die Regierung auf sicherem Boden ist, aber dass der Rest der Bevölkerung einfach zurückgelassen wird."

Forderung nach mehr Kontrolle und Planung

Haiti ist keine besonders solidarische Gesellschaft - das erleben wir täglich. In einem Stadtteil treffen wir auf eine wütende Menschenmenge - die Bürgermeisterin soll hier die Gutscheine für Lebensmittel-Lieferungen der UN gegen Bargeld verkauft haben.
"Die Bürgermeisterin wollte die Coupons verkaufen."
"Die Frau sollte sich von nun an besser in Acht nehmen."

Ein Zeltlager ist auch rund um das geologische Institut entstanden. Innen treffen wir noch einmal Claude Prépetit. Er weiß, dass nicht die Erdbebenfalte das Problem ist, sondern es ist das Verhalten seiner Gesellschaft. Er formuliert das als Wissenschaftler. "Wir sind Opfer unserer Verwundbarkeit, denn es gibt keine Pläne für Erdbeben sicheres Bauen. Die Leute bauen, wie sie wollen. Jetzt brauchen wir mehr Kontrolle, mehr Planung."

Zuhause prüft er die Risse in den Wänden, die Struktur seines Hauses hat das Erdbeben anscheinend gut überstanden. Seine Familie hat Prépetit aufs Land geschickt, er selbst schläft nachts in einem Zelt. Der Wissenschaftler hat alles richtig gemacht, aber ob sein Land künftig wirklich auf ihn hören wird, dass darf eher bezweifelt werden.

Autor: Stefan Schaaf

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Video zum Beitrag

Links in der ARD

  • Erdbeben in HaitiEin Land im Chaos und vor dem Nichts - umfangreiches Dossier bei tagesschau.de

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