Rückschau: Frankreich
Afghanische Kinderflüchtlinge in Calais
Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Sonntag, 24. Januar 2010
Eiseskälte in Calais

Bildunterschrift: Flüchtlinge unter einer Brücke ]
Es ist ein eisiger morgen in Calais. Die berühmte Statuen-Gruppe von Auguste Rodin vor dem Rathaus wirkt wie tief gefroren. Es wird ein harter Tag für die meist jugendlichen Flüchtlinge in der Stadt. Mit Minustemperaturen hatten sie hier nicht gerechnet. Und auch ansonsten hatten sie sich den Empfang etwas wärmer vorgestellt.
Im Hafen unter einer alten Schleusenbrücke hat eine Gruppe junger Afghanen zusammengekauert die Nacht hinter sich gebracht. Sie sind durchgefroren, dennoch begrüßen sie uns freundlich.
"Wart ihr die ganze Nacht hier unten?"
"Ja, die ganze Nacht, zu acht Leuten haben wir hier gelegen. Diese Nacht war extrem kalt, viel kälter als alle Nächte zuvor."
"Habt ihr keine Angst, hier zu erfrieren?"
"Doch haben wir, aber was sollen wir denn machen? Die Leute hier reden immer von Menschenrechten - aber für uns gibt es die nicht?"
Menschenrechte für die Flüchtlinge. Dafür kämpft Sylvie Copyans seit Jahren. Aus Gesundheitsgründen frühpensioniert ist sie den ganzen Tag in Calais unterwegs, um den hier Gestrandeten zu helfen. Diese freiwillige Arbeit ist für die frühere Bankkauffrau ein neuer Lebensinhalt geworden. Wie viele Einwohner von Calais ist sie vom Schicksal der jungen Heimatlosen tief berührt.
Sylvie Copyans, Flüchtlingsorganisation Salam:
"Ich habe im Moment jeden Morgen Angst, einen Toten zu finden. Zum Glück sind die meisten jung und widerstandsfähig, aber einige von ihnen sind jetzt ziemlich geschwächt, manche sind schon krank."
Die letzte Etappe: nach England

Bildunterschrift: Der Hafen von Calais ]
Der Fährhafen von Calais. Magischer Anziehungspunkt für die Flüchtlinge. Von hier geht es nach England, das ihnen die Schlepper zu Hause als gelobtes Land versprochen haben. Sylvies Hilfsorganisation Salam teilt im Hafen ein kleines Frühstück aus. Hier haben die jungen Männer auch die einzige Chance, auf ein winziges bisschen Körperpflege. Mensch bleiben - für viel mehr reicht es nicht. Der wärmende Tee und etwas zu essen - das hebt gleich die Stimmung.
"Hast Du nicht auch noch eine Tochter?", will einer von Sylvie wissen.
"Nein, ich habe nur zwei Jungs. Da kann ich Dir leider nicht helfen.
Nach dem Frühstück lernen wir Bober kennen, einen der Afghanen von der alten Schleuse. Er ist 14, der jüngste unter den afghanischen Flüchtlingen. Aus seiner Heimat ist Bober ganz allein geflohen. Die Taliban hätten seinen Vater getötet erzählt er uns. Ihn hätten sie zwingen wollen, für sie zu kämpfen. Seine Familie habe ein Grundstück verkauft, damit er sich nach Europa durchschlagen solle.
Bober:
"Ich bin mit ein paar anderen über den Iran und die Türkei nach Griechenland gekommen. Von da sollten uns zwei Boote nach Italien bringen. Meins hat es geschafft, das andere ist untergegangen."
"Und warum bis Du jetzt in Calais?"
"Ich will nach England - da ist alles besser."
Wünsche eines Jungen, der nichts zu verlieren hat. Und der die Hoffnung seiner ganzen Familie trägt.
Calais braucht ein Flüchtlingszentrum

Bildunterschrift: Sylvie Copyans vor den Resten des geräumten Flüchtlingslagers ]
Wir begeleiten Sylvie zu dem Ort, der die Flüchtlinge von Calais im letzten Jahr weltweit bekannt gemacht hat: Hier war der sogenannte Dschungel - das größte wilde Flüchtlingscamp in Frankreich. Als es Anfang September von der Polizei gewaltsam geräumt wurde, waren wir gemeinsam mit Sylvie dabei…
Sylvies Aufschrei vor laufenden Kameras machte sie damals in ganz Frankreich bekannt: "Das nützt doch nichts.", rief sie immer wieder, "das nützt überhaupt nichts."
Der Dschungel wurde mit Planierraupen eingeebnet. Nur die letzten Habseligkeiten seiner Bewohner sind als stumme Zeugnisse geblieben. Die Regierung wollte mit dem Dschungel ein Symbol beseitigen. Beweisen, dass sie den Flüchtlingsstrom nach Calais nicht tatenlos hinnimmt.
Sylvie:
"Aber das hat überhaupt nichts gebracht. Im Gegenteil: es sind seitdem immer neue Flüchtlinge gekommen. Und sie sind jetzt in der Stadt noch viel sichtbarer. Wir brauchen hier ein vernünftiges Flüchtlingszentrum."
Am Abend versammeln sie sich wieder bei der Essensausgabe im Hafen. Sylvie ist pausenlos am Telefon. Eine Gruppe von neun Afghanen wird seit ein paar Tagen von der Polizei festgehalten und soll nach Kabul abgeschoben werden. Das will Sylvie mit allen Mitteln noch verhindern.
Paris schiebt ab

Bildunterschrift: Mujahed ]
Ajuban und Mujahed zeigen uns, wo sie in Calais die nächste eiskalte Nacht überstehen wollen. Auch sie sagen, sie hätten vor den Taliban aus Afghanistan fliehen müssen. In einer Fabrikruine haben sie mit ein paar Landsleuten eine Art Lager aufgeschlagen. Sie waren in der Hoffnung auf ein besseres Leben gekommen. Jetzt leben sie im Müll.
Ajuban und Mujahed:
"Meiner Familie erzähle ich nicht, wie es hier wirklich ist. Sie wären zu traurig, wenn sie wüssten, wie wir hier hausen müssen."
"Aber wir haben keine andere Wahl, als das hier zu ertragen. Irgendwann wird es bestimmt besser."
Zurück im Hafen treffen wir auf eine verzweifelte Sylvie. Einer der Flüchtlinge aus dem Abschiebegefängnis hat angerufen: Keine Chance mehr. Sie sind schon auf dem Weg zum Flughafen.
Sylvie:
"Die afghanische Botschaft war dagegen, aber das war unserer Regierung völlig egal."
Es ist ihr ein Rätsel, wie sie den jungen Männern um sie herum erklären soll, dass Frankreich sie eigentlich alle abschieben will, aber gleichzeitig Soldaten schickt, um die Taliban zu bekämpfen.
Sylvie:
"Aber, so ist es .Und das nennen wir Demokratie."
Die Flüchtlinge sind deprimiert - aber klammern sich jetzt umso mehr an die Hoffnung, dass in England alles besser sei. Und glauben weiter fest daran, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie dort hin kommen werden.
Autor: Michael Strempel, ARD-Paris
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 24.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

