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16.03.2010

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Rückschau: USA

Sterben in der Krise

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 8. November 2009

General Motors. Zu Füßen des Konzerns liegt die Stadt, die er mit in den Abgrund gerissen hat. In der ehemaligen Industriestadt ist schon jeder sechste arbeitslos, Obdachlosenheime und Suppenküchen sind voller ehemaliger Industriearbeiter, der Absturz aus der unteren Mittelklasse in die Gosse geht schnell in Amerika.
Wer hierhin kommt, hat das Elend hinter sich: Das Leichenschauhaus von Wayne County kümmert sich um Tote, die auf den Straßen aufgesammelt wurden, Menschen, die keine Papiere bei sich hatten. Das war schon immer so.
Doch seit ein paar Monaten hat Albert Samuels, der leitende Kriminalbeamte hier, ein ganz neues Problem: Familien, die ihre Angehörigen nicht mehr abholen und selbst beerdigen wollen.
„Diese Leichen hier sind nie von ihren Familien abgeholt worden, weil die das Geld einfach nicht haben und sich weigern. Wir bringen sie dann zum Tiefkühlen.“
Die Hälfte seiner 150 Toten, so Albert, gelten als „unclaimed“, niemand will sie bestatten.
„Es ist doch ein entscheidender Unterschied zwischen Menschen und Tieren, dass wir unsere Toten beerdigen. Aber offenbar können einige Familien selbst diese 500 Euro nicht mehr bezahlen, und ich verstehe das sogar in diesen schweren Zeiten.“
Nach endlosen Anträgen übernehmen irgendwann Stadt und Bezirk die anonyme Bestattung, doch auch die sind klamm, hier warten Leichen seit 2006.
Niemand kann in Michigan gezwungen werden, seine Angehörigen zu beerdigen. Aber: Was sind das für Situationen, in denen Familienmitglieder sich so verhalten?
Bei den Vickers war es die Tante, die 58-jährig starb.
„Ich hatte zwar etwas Geld, gibt der behinderte und arbeitslose Darrel zu. Aber nach der Identifizierung im Leichenschauhaus war mir nicht klar, wie man diese Zuschüsse bekommen konnte. Die Sozialversicherung zahlt etwas, ich weiß, dass der Bezirk dazu legt, aber ich hatte wirklich keine Ahnung, wie man das alles beantragen könnte.
Sie machen die Behörden verantwortlich für die makabre Situation.
„Als ich da in diesen Raum kam, wo all die Toten geradezu aufgestapelt waren, da war ich schon verblüfft, wie viele Leichen nicht von ihren Angehörigen abgeholt werden. So können wir das doch nicht machen, hier, in Amerika.“
Eine Beerdigung in Los Angeles. 90.000 Euro kostet eine Grabstätte auf diesem Friedhof. Es sind noch viele Plätze frei, auch hier, in Kalifornien, hat die Wirtschaftskrise den Umgang der Lebenden mit den Toten verändert.

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Diese Sargfabrik nicht weit von Hollywood hat sich auf Spezialanfertigungen spezialisiert, Verkauf direkt ab Werk. Übergrößen, Sonderwünsche – alles kein Problem, meint Inhaber Joey Conzevoy.
Doch seit einem Jahr sinkt sein Umsatz Monat für Monat, Einäscherungen dagegen erleben einen Boom, Urnen sind billiger als Särge.
„Die Leute können es sich nicht leisten, den Grabplatz zu kaufen, die Beerdigungsfeier zu bezahlen. Machen wir uns nichts vor: Viele in den USA sind jetzt arbeitslos.“
Er hat Leute entlassen müssen, verkauft erstmals direkt ab Werk an die Endkunden. Trotzdem:
„Wenn wir unser Geschäft in einem anderen, nicht so bevölkerungsreichen Bundesstaat hätten, wären wir längst pleite.“
Mehrere Tausende für einen handgefertigten Holzsarg? Joey zeigt uns seine neueste Konkurrenz, die eher der wirtschaftlichen Lage in den USA entspricht:
Billigketten bieten im Internet eine große Auswahl, oft aus Metall, meist klar unter eintausend Dollar.

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Wir sind zurück in Detroit. Alberts Angestellte holen Leichen ab, weil deren Familien sich keinen Bestattungsunternehmer leisten können. Oft werden sie auch gerufen, weil Leichen einfach auf der Straße abgelegt wurden. Etwa zehn Zugänge haben sie pro Tag.
Die Suche nach Familienmitgliedern, die vielleicht doch das nötige Geld für eine Bestattung aufbringen, ist eine mühevolle Aufgabe. Carl Schmidt, der Chef-Pathologe hier, sieht Tag für Tag eine zweite Auswirkung der großen Wirtschaftskrise.
„Durch diese Krise verlieren Leute ihre Krankenversicherung, sie sehen ihren Arzt nicht mehr. Und wenn sie ihn doch sehen, dann kaufen sie die verschriebenen Medikamente nicht weil sie sie nicht bezahlen können.“
In diesen Zeiten ist das Geld so knapp, dass Leute die bittere Wahl haben: Entweder Essen auf den Tisch bringen oder Großvater beerdigen.
Es war ein deprimierende Besuch, eine schwierige Drehreise hierhin. Aber dann hören wir doch noch einen Satz, der uns Mut gibt:
„Wir behandeln jeden hier so taktvoll wie möglich, denn ich will daran glauben: Irgend jemand liebte diese Menschen.“
Würde, auch nach dem Tod, Erinnerung, Gedenken - Werte, die leicht verloren gehen im krisengeschüttelten Amerika.

Bericht Udo Lielischkies

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 08.11.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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