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Rückschau: Palästina

Gaza ein Jahr nach dem Krieg

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 20. Dezember 2009

Zerstörtes Haus in Palästinalupe Bildunterschrift: ]
Wir dürfen Radwan Mardi und seine Familie begleiten. Er fährt durch die Straßen von Gaza, wo der Krieg tiefe Narben hinterlassen hat. Es ist eine schwierige Fahrt für ihn und seine Familie.

Vor einem Jahr während des Krieges ist unser palästinensisches Team dabei, als er voller Panik in das Schifa-Krankenhaus von Gaza-Stadt rennt, um seine Tochter Nada zu finden. Ein Schuss eines israelischen Soldaten hat sie im Kopf getroffen. Die Ärzte kämpfen verzweifelt um das Leben der Fünfjährigen. Tagelang bangt Radwan um das Leben seiner Tochter.

Trauer um die tote Tochter

Wir sind angekommen. Auf dem Friedhof, wo die kleine Nada beerdigt wurde. Die Familie kommt ständig hierher, um der toten Schwester, Tochter, Enkelin zu gedenken. Es ist ein stummer Schmerz - seit dem Tod Nadas hängt über dem Leben der Familie ein tiefer, dumpfer Schatten: „Wofür wurde sie bestraft? Sie war ein Kind. Was hat sie falsch gemacht? Ich weiß es nicht. Sie hat niemals eine Rakete oder eine Panzerfaust abgefeuert. Ihr Bild hängt über unserem Bett und jedes Mal, wenn wir es sehen, beginnen wir zu weinen. Es ist, als ob wir einen Teil unseres Körpers verloren haben. Was hat sie falsch gemacht?“

Radwan lebt mit seiner Familie in Beit Lahia. Beit Lahia liegt gerade mal einen Kilometer von der israelischen Grenze entfernt. Das Haus, das Radwan gehört, ist seit dem Krieg zerbombt. Radwan hat kein Geld, um es wieder instand zu setzen.
Die Familie muss improvisieren. So wie sie, leben Zehntausende seit Kriegsende in Gaza. Ohne Dach ist im Sommer die Hitze kaum zu ertragen und jetzt im Winter wird es nachts bitterkalt. Doch das sind noch die kleinsten Probleme: „Meine Kinder wachen nachts ständig auf. Ich sehe in ihren Augen dann ihre Panik. Sie sahen im Krieg mehrmals den Tod. Sie sahen, wie ihre Schwester niedergeschossen wurde. Sie können das nicht vergessen.“

60.000 Familien leben in Baracken oder Hütten

Wir bitten Radwan uns die Umgebung zu zeigen. Wir kommen an einem Zeltlager vorbei, in denen Familien, deren Häuser völlig zerstört sind, seit nunmehr einem Jahr leben. Nach Angaben der UNRWA teilen etwa 60.000 Familien dasselbe Schicksal. Manche richten sich in Baracken oder Hütten ein: „Das ist eines der vielen zerstörten Häuser. Man hat hier nur notdürftige Reparaturen durchführen können. Schuld sind die Israelis. Sie lassen ja nichts rein. Es gibt keinen Zement, keinen Stahl, man kann nichts reparieren.“

Radwan arbeitet als Taxifahrer. Doch er verdient so gut wie nichts. Wir fahren mit ihm nach Gaza-Stadt. Dort hofft er heute, wegen der großen Hamas-Kundgebung ein paar Fahrgäste zu bekommen. An eine bessere Zukunft glaubt er nicht: „Ich verdränge viel. Aber jeder hat die Schnauze voll. Jeder ist müde. Und niemand kann etwas ändern. Schau mich an. Das Haus zerstört, meine Welt zerstört. Wo kann ich leben? Natürlich denke ich ans Auswandern. Wir lebten hier in Frieden, niemand dachte daran Gaza zu verlassen. Aber wenn du alles verloren hast?“

Gaza - Landstrich ohne Hoffnung, ohne Zukunft

Das Bild, das die islamistische Hamas am 22. Jahrestag ihrer Gründung präsentieren will, ist natürlich ein anderes. Wir haben uns von Radwan verabschiedet, um bei dieser Demo dabei zu sein. Auf Befehl wird hier gejubelt. Doch außer den üblichen Durchhalte- und Siegesparolen hat die Hamas nichts anzubieten. Präsident Ismail Hanije redet ohne Unterlass. Natürlich wird der Jihad beschworen: „Die islamische Widerstandsbewegung Hamas wird sich nicht vom Widerstand und dem Heiligen Krieg zurückziehen, bevor wir nicht die Freiheit für unser Volk, das Rückkehrrecht und unsere Freiheit erreicht haben.“

Wir blicken zurück. Eine Bombennacht vor einem Jahr in Rafah an der ägyptischen Grenze. Die Israelis bombardieren die Tunnel, durch die die Hamas ihre Waffen schmuggelt. Unser Team verbringt mit Subhi Shuaib und seiner Familie traumatische Stunden.

Das alles scheint heute so gut wie vergessen. Ist das so? Auch wenn die Familie finanziell abgesichert ist, da Subhi als Schuldirektor einen gutbezahlten Job hat, die Bombennacht ist für sie immer noch gegenwärtig: „Das Bombardement, das war das schlimmste. Der Lärm, danach bist du in einem schrecklichen Zustand: Verwirrung, Anspannung, Angst. Angst ist auch das Grundgefühl der Kinder. Du kannst ihnen nicht helfen, du kannst ihnen keine Sicherheit geben, wenn sie sich fürchten, da du selber Angst hast.“

Der Schmuggel blüht

Trotz der vielen israelischen Angriffe, der Schmuggel hier hat nie aufgehört. Von seiner Terrasse aus kann Subhi direkt an der Mauer zu Ägypten die Tunnel sehen. Nach wie vor schmuggelt die Hamas hier Waffen hinein. Waffen, die aus dem Iran kommen. Die Zukunft der Islamisten sieht Subhi eher skeptisch: „In der Politik geht es um Machtinteressen. Selbst wenn hier alles gut ginge, selbst wenn die Hamas auf Gewalt verzichten würde, sie würde dennoch islamisch regieren. Die Welt würde aber niemals akzeptieren, dass so ein islamisches System Erfolg hat.“

Doch im Moment hat die Hamas keinen Erfolg. Israels Grenzen sind dicht, ebenso die zu Ägypten. Legal kommt so gut wie nichts hinein. Also blüht der Schmuggel. Durch die Tunnels gelangen nicht nur Waffen nach Gaza, sondern auch alles andere. In mittlerweile über 3.000 Tunneln arbeiten über 50.000 Palästinenser. Und man staunt, welchen Überfluss es zu geben scheint: „Es ist zwar alles zu bekommen, aber kaum jemand hat Geld, das alles hier zu kaufen. Und so kauft man nur, was man wirklich braucht. Die Preise sind wahnsinnig hoch.“

Doch es gibt sogar in Gaza einige Wohlhabende Familien. Hier entsteht gerade ein Tunnel, durch den Autos geschmuggelt werden sollen. Vielleicht aber auch richtig große Raketen, die Tel Aviv treffen können? Ägypten hat angekündigt, eine Stahlmauer entlang der Grenze in die Erde einzulassen, um der Hamas endgültig die Waffenzufuhr abzuschneiden. Dann kommt gar nichts mehr nach Gaza hinein, absolut gar nichts.

Autor: Richard C. Schneider

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 20.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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