Rückschau: Norwegen
Knast de luxe - Verurteilt zum schönen Leben
Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 25. Juli 2010

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Der Oslo-Fjord - ein gutes Stündchen entfernt von der Hauptstadt. Hier versteckt sich ein Ausflugsziel mit einem der schönsten Strände Norwegens: die Insel Bastøy ein kleines Paradies. Im alten Leuchtturm kann der Gast sogar übernachten.
Martin Røren genießt schon seit Mai die Sonne hier. Früher hat er auf einer Bohrinsel geschuftet, jetzt kümmert er sich auf dem Bauernhof um die Pferde. Andere Bewohner bleiben gleich mehrere Jahre - müssen hier bleiben. Denn die Menschen auf Bastøy sind Mörder, Vergewaltiger, Drogen-Dealer - Bastøy ist ein Knast: "Wenn du mal eingesehen hast, dass du einsitzen musst, dann ist das ein wirklich schönes Gefängnis. Du kannst viel draußen sein, in der Natur. Es ist ein Gefängnis, aber ich bin hier echt zufrieden."
Wohnen fast wie in einer WG

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Bastøy ist ein offenes Gefängnis. Nach der Arbeit kann Martin mit seinem Freund Kjetil, der hier sonst die Kühe füttert, über die ganze Insel streifen. 18 Tage pro Jahr, verrät ein Insasse, dürfe er sogar da rüber. Urlaub also, da drüben, vier Kilometer entfernt, in der Freiheit. Doch Freiheit - die gibt es in Norwegen auch im Knast: "Bei schönem Wetter gehen wir Baden. Wenn das Wetter nicht so doll ist, spielen wir Billard oder Tischtennis. Oder wir gehen ins Fitness-Studio. Wir können in unserer Freizeit viele verschiedene Sachen machen."
Keine Mauern, keine Gitter, keine Wachen. Martin und Kjetil leben hier zusammen mit sechs anderen Gefangenen in einer Art WG. Jeder hat sein eigenes Zimmer, kann es ausschmücken, wie es ihm gefällt. Und wie in jeder WG, muss jeder einmal zum Putzen ran.
So will es der Chef von Bastøy, Gefängnis-Direktor Arne Nilsen. Die Kriminellen sollen aber bitte nicht mehr gestraft werden als unbedingt nötig: "Wir stellen die Insassen ganz in den Mittelpunkt. Menschlichkeit steht im Zentrum. Wir geben ihnen die Chance, sich zu entdecken, Selbstvertrauen zu entwickeln und ihren Lebensstil zu ändern."
Jeder bekommt eine zweite Chance

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Die Gefangenen, doziert er, sollen hier wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel beim Streicheln und Striegeln der Tiere. Oder im Bio-Gewächshaus: "Als Gefängnis-Direktor habe ich nur einen Wunsch: Die Gefangenen sollen mir nicht sagen, dass es hier besonders schön ist oder sie besonders viele Freiheiten haben. Ich freue mich, wenn sie mir sagen, dass sie hier mehr Respekt bekommen als in anderen Gefängnissen."
112 Insassen zählt Bastøy. Und auf die passen nach Feierabend ganze fünf Wachleute auf. Wachmann Jørn Willy Wilhelmsen erzählt: "Wenn ich zu diesen Jungs hier komme, dann laden sie mich zum Kaffee ein. Und dann plaudern wir ein bisschen. Das ist also kein Verhältnis Wachmann - Gefangener. Es ist weit davon entfernt."
Kaffeeklatsch mit den Insassen. Das gefällt auch dem Direktor. Nilsen ist eigentlich Psychotherapeut. Der traut sich was, schenkt selbst einem Menschen sein Vertrauen, der erst seine Eltern umbringt und sie dann in Stücke teilt: "Ja, diesen Kettensägen-Mörder hatten wir mal hier auf Bastøy. Der hat hier nach einiger Zeit die Erlaubnis bekommen, im Wald zu arbeiten. Auch mit Kettensägen. So sind wir hier. Egal, was du gemacht hast, du sollst eine zweite Chance bekommen."
Der vielleicht liberalste Strafvollzug der Welt

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Und die Zahlen geben Nilsen Recht. Nur etwa zehn Prozent der Gefangenen werden nach dem offenen Vollzug rückfällig. Im geschlossenen Strafvollzug dagegen kommen 30 Prozent wieder ins Gefängnis. Das schöne Leben im Knast - Norwegen hat den vielleicht liberalsten Strafvollzug der Welt.
Soziologin Hedda Giertsen hat dafür eine Erklärung: "In Norwegen sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich ziemlich gering. Und wir sind insgesamt nicht so viele Menschen. Die Chancen sind also groß, dass viele von uns jemanden kennen, der mal kriminell war." Deswegen bringen sie vielleicht mehr Verständnis für eine gute Behandlung von Gefangenen auf.
Das Gefängnis Halden. Das neuste und modernste in ganz Norwegen. Ein Hochsicherheits-Knast. Auch hier tragen die Wachen keine Waffen. Auch hier: keine Gitter. Auch hier tut die Belegschaft alles dafür, dass sich der Gast wohl fühlt, auch abends im Aufenthaltsraum, in dem die Gefangenen gemeinsam dinieren. Danach geht es über Nacht in die Einzelzellen. Von halb neun bis acht morgens sind sie eingeschlossen. Ungestört.
Vorbereitung auf ein Leben ohne Kriminalität

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Gefängnis-Direktor Jan Strømnes sagt: "Das Ziel ist klar, die Regierung hat es vorgegeben: Die Gefangenen sollen als bessere Menschen rausgehen als sie hier reingekommen sind. Es geht um Strafen, die wirken. Die Insassen sollen auf ein Leben ohne Kriminalität draußen gut vorbereitet sein. Und mit dieser Vorbereitung fangen wir gleich am ersten Tag an."
Zur offiziellen Einweihung im April gibt sich sogar Norwegens König Harald die Ehre. Er eröffnet das vielleicht humanste Gefängnis der Welt - für Mörder, Vergewaltiger und Drogen-Dealer.
Wach-Leiterin Aina Fredriksen: "Im Normalfall arbeiten wir Wachen nur mit positiver Körpersprache. Wenn es unbedingt nötig ist, können wir natürlich auch anders."
Norwegen hat beim Bau von Halden tief in die Tasche gegriffen - eine Million Euro allein für die Kunst-Installationen. Insgesamt hat das Land 170 Millionen Euro angelegt.
"Die maximale Strafe in Norwegen beträgt 21 Jahre. Die kommen also alle irgendwann raus. Wir können uns fragen: wen möchten wir dann als Nachbarn haben? Einen Resozialisierten oder einen, mit dem wir nichts unternommen haben", erzählt Jan Strømnes, der stellvertretender Gefängnis-Direktor von Halden.
Die große Freiheit hinter Mauern und dann früh zurück ins neue Leben - es funktioniert. Mit einigen anderen Ländern freut sich Norwegen traditionell über die niedrigsten Gefangenen-Raten in Europa.
Autor: Jürgen Kreller, ARD-Studio Stockholm
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 25.07.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

