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Australien: Wie das Land unter Chinas Politik leidet

PlayHolzfässer mit Wein gefüllt.
Australien: Wie das Land unter Chinas Politik leidet | Bild: NDR

Wer einen Konflikt mit der chinesischen Regierung austrägt, muss mit politischen Konsequenzen rechnen – diese Erfahrung machen australische Landwirte seit einigen Monaten. Experten sind sich einig: Die chinesische Regierung will ein Exempel statuieren.

Wirtschaftliche Erpressung soll Außenpolitik Australiens verändern

Mann mit Cowboyhut im Interview.
Scott Waldron: Rinderzüchter und China-Kenner. | Bild: NDR

Rinderzucht und Chinesisch – das sind Scott Waldrons Leidenschaften. Der Agrarwissenschaftler hat im Reich der Mitte studiert und gearbeitet. Denn das importhungrige China war lange ein verlässlicher Absatzmarkt auch für die stolzen Rinderbarone Australiens. Doch nun gibt es seit Monaten Boykottmaßnahmen aus Peking – wegen angeblich falscher Etikettierung. Pure Willkür, so Scott Waldron. Er hat die Probleme kommen sehen: Australiens lautstarke Sympathie für Demokratie und Freiheit in Hongkong und Taiwan. Solch ein Auftreten lasse China nicht ungestraft. "Australien exportiert Rindfleisch im Wert von einer Milliarde Dollar nach China. Rindfleisch ist zudem ein ikonisches, australisches Markenprodukt und damit eine perfekte Wahl, wenn China zeigen will, dass es mit der Außenpolitik Australiens unzufrieden ist."

Das Ganze habe sich über Jahre hochgeschaukelt, sagt der China-Experte. Aber als Australien 2020 auch noch offen eine Untersuchungskommission über die Ursprünge des Coronavirus fordert, fühlt sich Peking düpiert und entschlossen, ein Exempel zu statuieren – weit über Australien hinaus. "Das Hauptmotiv ist natürlich durch wirtschaftliche Erpressung die Außenpolitik Australiens zu verändern, aber es soll auch eine Warnung an andere Länder sein: Im Chinesischen sagt man dazu: 'Töte das Huhn, um den Affen Angst einzujagen.' Australien ist das Huhn in dem Fall und Länder wie Deutschland die Affen, die das beobachten", sagt Waldron.

Angebliche Schwermetall-Belastungen und Strafzölle

Ein Mann hält einen Hummer in der Hand.
Andrew Ferguson kann seine Hummer zurzeit nicht nach China exportieren. | Bild: NDR

Und es bliebt nicht nur bei einer Branche. Für Hummer zahlen Kunden in Peking oder Shanghai umgerechnet bis zu 220 Euro – normalerweise. Doch jetzt suchen Hummer-Händler Andrew Ferguson und Francis Wong vom Australisch-chinesischen Wirtschaftsverband verzweifelt nach Neukunden. Denn aus China heißt es seit Neuestem: Der australische Hummer sei zu stark belastet mit Schwermetallen wie Cadmium. Beweise dafür hat Andrew Ferguson nie gesehen: "Sie sagten, sie könnten den Hummer nicht freigeben. Ich fand das irgendwie komisch. Alle möglichen Länder importieren diese Art Hummer, aber ausgerechnet der aus Australien wurde beanstandet. Obwohl wir dort seit Jahren hinliefern." Und sein Kollege Francis Wong ergänzt: "Das ist ein Missverständniss. Ich glaube, dieser schöne Hummer liebt China auch."

Doch die Missverständnisse häufen sich. Das Barrosa Valley in Südaustralien ist bekannt für seine berühmten Rebsorten Shiraz und Cabernet Sauvgnon. 40 Prozent der Exporte gingen bis 2020 ins Reich der Mitte. Doch nun hat China Strafzölle von bis zu 212 Prozent verhängt, wegen angeblicher Dumpingpreise. Hamish Seabrook ist das richtig sauer aufgestoßen. Sein Vertrieb war völlig auf China ausgerichtet. Doch die Strafzölle machen den Wein so teuer, dass er sich nicht mehr verkaufen lässt. 60.000 Flaschen hat der Weinbauer einlagern müssen: "Wir waren über Jahre so beschäftigt und jetzt erleben wir fast eine tödliche Stille."

Fünf Jahre sollen die Strafzölle gelten. So viel Zeit habe er nicht, sagt der Winzer. Er findet: Die Regierung Australiens hätte im Interesse seiner Wirtschaft den Ton etwas zurückschneiden sollen, damit Peking sein Gesicht wahren kann: "Die australische Regierung sollte sich daran erinnern, dass wir nur ein kleiner Fisch in einem großen Teich sind. Wir müssen uns politisch gefasst verhalten und unsere Worte weise wählen und nicht so viel Aufhebens machen."

Diplomatische Eiszeit zwischen Australien und China

Mann im Interview.
Handelsminister Dan Tehan hofft auf Kommunikation mit China – bisher vergeblich. | Bild: NDR

Doch die Regierung in Canberra will nicht klein beigeben. Sie hat den Fall zur Klärung an die Welthandelsorganisation (WTO) weitergereicht. Diplomatische Eiszeit, aber Handelsminister Dan Tehan betont: "Ich habe meinem chinesischen Kollegen geschrieben und vorgeschlagen, dass wir das Ganze persönlich miteinander besprechen. Ich habe den Brief im Januar abgeschickt und warte noch.

Australien kann es sich leisten zu warten, glaubt China Experte Scott Waldron. Noch ist das Reich der Mitte von Rohstoffen und Produkten aus Australien abhängig, sagt er. Deshalb seien 2020 insgesamt die Exporte nach China nur leicht gesunken. Australien dürfe sich jetzt nicht vom Powerplayer China einschüchtern lassen: "China hält sich seit Langem und in vielen Bereichen nicht an internationale Normen. Es ist im Interesse Australiens, dass internationale Gesetze eingehalten werden, ob das nun im Südchinesischen Meer ist, bei den Menschenrechten oder im Handel."
Obwohl einzelne Unternehmen Down Under wirtschaftlich ins Abseits geraten, ist Australien derzeit fest entschlossen, dem Reich der Mitte die Stirn zu bieten.

Autorin: Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

Stand: 02.08.2021 13:55 Uhr

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