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Frankreich: Neues Leben als Salzbauern

PlaySalzbauer im Gegenlicht.
Frankreich: Neues Leben als Salzbauern | Bild: NDR

Seit Jahrhunderten produzieren auf der Île de Ré liegt vor La Rochelle an der französischen Atlantik-Küste die Menschen dort Salz in großen Salzbecken. Lange drohte der Beruf der Salzbauern auszusterben, doch nach Corona kommen plötzlich immer mehr Interessenten auf die Insel, um den Beruf zu lernen.

Muskelkater hat Laurent Miccoli inzwischen nicht mehr. Kiloweise Salz holt er aus den mit Meerwasser gefüllten Becken. Hin und her – mit seinem vier Meter langen Holzschieber, den ganzen Tag: "Ich hatte das ja noch nie gemacht. Auch nicht solche Handarbeit. Als Forscher hab ich viel Erfahrung. Aber das ist ja keine körperliche Arbeit. Das ist bei weitem nicht so schwierig wie das hier."

Salzgarten auf der Île de Ré statt Schreibtisch in Paris. Jetzt arbeitet 52-Jährige nur noch barfuß. Laurent ist eigentlich Biochemiker und forscht für die Atomindustrie. Vor einem halben Jahr hat er ein neues Leben begonnen: "Mich fasziniert, dass sich ständig alles verändert. Dabei machen wir eigentlich die ganze Zeit das gleiche. Aber die Natur ist großartig, jeder Tag ist anders. Die Farben ändern sich ständig." Die Idee, Salzbauer zu werden, kam ihm während des Corona-Lockdowns. Die 800 Jahre alte Technik muss er erst lernen. Momentan ist Laurent in der Ausbildung.

Wieder über 100 Salzbauern auf der Insel

Ein Mann spicht in die Kamera.
Laurent Miccoli: Salzgarten auf der Île de Ré statt Schreibtisch in Paris. | Bild: NDR

Hugues Leprince kümmert sich für die Kooperative der Salzbauern um den Nachwuchs. Die meisten Salzbauern auf der Insel vermarkten ihre Ernte über die Kooperative gemeinsam – und bilden zusammen aus. Hugues hat gerade zwei Auszubildende. Vor Kurzem ist auch ein 32 Jahre alter Koch aus Lyon eingestiegen. "Wir bilden eher reifere Leute aus, die schon etwas Berufserfahrung haben. Ich glaube, Erfahrung auch in anderen Bereichen hilft, weil wir als Salzbauern alle unsere eigenen Chefs sind", sagt Leprince.

Die Île de Ré ist für ihre Salzgärten bekannt. Inzwischen gibt es wieder über 100 Salzbauern auf der Insel. Wie die beiden Auszubildenden kommt der Großteil inzwischen von außerhalb. Durch Corona ist das Interesse noch einmal gestiegen. Auf der Insel freuen sie sich, weiß Leprince: "Wir wollen unser Können weitergeben, damit das Handwerk weiterlebt. Es ist hier relativ leicht reinzukommen. Man muss halt hart arbeiten, aber das ist ja klar."

Laurent hofft, dass es auch nach Ende der Salz-Saison im Oktober für ihn weitergeht: "Ich würde mich gerne bald um meine eigenen Salzgärten kümmern. Als echter Salzbauer, und nicht nur als Azubi." Seine Ausbildung hat Laurent jedenfalls schon fast geschafft.

Salzgewinnung ist hochgradig wetterabhängig

Ein Mann arbeitet in einem Salzgarten.
Die Île de Ré ist für ihre Salzgärten bekannt.  | Bild: NDR

Die Salzbauern heute haben mit anderen Problemen zu kämpfen als ihre Vorgänger. Die Île de Ré ist eine beliebte Urlaubsinsel. Durch die hohen Immobilienpreise finden die Neuen kaum Wohnungen. Und die Witterung macht Schwierigkeiten. Die Ernte von Salzbauer Hervé Rault ist dieses Jahr eher mäßig – viel Regen, wenig Sonne. Die Salzgewinnung ist hochgradig wetterabhängig. An den Becken stand Hervé schon als Kind. Er gehört zu denen, die hier geboren wurden. Der 39-Jährige ist in den Job hineingewachsen. Bereits Vater und Großvater waren Salzbauern.

"Mein persönlicher Eindruck, dass sich mit der Zeit etwas verändert. Es gibt mehr Niederschlag, die Saisons sind nicht mehr so klar abgrenzbar wie vorher." Hervé macht sich Gedanken über die Zukunft. Die Salzgärten liegen unter dem Meeresniveau. Wenn der Meeresspiegel steigt, würden nicht  nur sie, sondern ganze Teile der Insel überflutet. Halbtags arbeitet Hervé für die Kreisverwaltung im Deichschutz. Zweimal im Jahr muss er alle Deiche der Insel überprüfen: "Es geht ja um die Grundlage meiner Arbeit. Schützen, was mir wichtig ist."

Er ist auf der Ostseite der Île de Ré unterwegs. Ein Deich dort ist erst vor vier Jahren fertiggeworden – und viel höher als vorher. Bei dem schlimmen Orkan Xynthia 2010 war alles überflutet. Jetzt werden nach und nach die Deiche erhöht, um die Insel zu schützen. Hervés Chef, Lionel Quillet, erklärt: "Wir haben damit auf den Klimawandel reagiert. Damit die nächsten ein bis zwei Generationen geschützt sind und das Ganze dann noch einmal neu denken können." In etwa sechs Jahren werden die Deiche fertig sein.

Autorin: Friederike Hofmann, ARD-Studio Paris

Stand: 12.09.2021 19:51 Uhr

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