SENDETERMIN Mo, 24.08.15 | 04:50 Uhr | Das Erste

Syrien – Ein schwarzes Loch

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Syrien: Ein schwarzes Loch | Bild: WDR

Es ist Anfang 2014. Hubertus Koch hat nichts: kein Equipment und nicht gerade viel Erfahrung. Aber der 24-Jährige will einen Film machen, über eine Hilfsaktion für Syrien. Er will über echte Krisen berichten. Doch nach nur fünf Stunden in Syrien ist der 24-Jährige am Ende. Die Wirklichkeit des Krieges und das Leid der Flüchtlinge treffen ihn mit voller Gewalt.

Hubertus Koch sitzt mit Mahmoud Dahi im Hilfs-Konvoi auf dem Weg nach Syrien. Der 53-jährige Deutsch-Syrer ist Hilfsaktivist. Er fährt die 3.000 Kilometer nach Syrien zum elften Mal. Seine Heimat stirbt, da bleibt kein Platz für Zweifel: "Ich muss den Menschen helfen, ganz einfach!“

Junge mit Zigarette und Tablet
Mit 11 Jahren ist Saad Kämpfer der freien syrischen Armee. | Bild: WDR

Da ist Saad: Der kleine Rambo hat das Mittagessen bei Mahmouds Freunden gecrasht. "Also ich habe ihm gesagt: Wenn Du in die Schule gehst, gebe ich Dir 10.000 Lira monatlich", sagt Mahmoud Dahi. "Er hat gesagt: Nein, ich will weiterkämpfen. Er ist der kleinste Junge in der freien Armee!" Er kämpft? "Er kämpft", antwortet Mahmoud Dahi. Er hat schon mal geschossen? "Ja, ja", sagt Mahmoud Dahi. "Seine Mutter und sein Vater sind ums Leben gekommen und die Freie Armee hat ihn entdeckt. Und seitdem ist er bei denen."

Wie Kinder zu Soldaten werden

Kinder im Schlamm
Im Schlamm stehen die Kinder an, und hoffen auf Essen – jeden Tag. | Bild: WDR

Hubertus Koch wusste von Kindersoldaten. Aber mit einem dazusitzen ist was anderes. Er sieht Saad – und er sieht die AK47. Beides in Einklang zu bringen, fällt schwer. Der IS steht vor der Tür. Und überall sind Kinder. Über vier Jahre Krieg haben sie in den Knochen, sind traumatisiert. Und schwerbeschäftigt: Wäsche waschen, Wasser holen. Das Urlaubsparadies Türkei liegt nur fünf Minuten Fußweg entfernt. Aber in Syrien gibt es nur stinkendes Wasser, überall Fäkalien, Dreck und Krankheitserreger. Die Folge: Aleppobeule, die Leishmeinose. Dazu Durchfall, Tuberkulose und viele andere Krankheiten. Eine medizinische Versorgung existiert in Syrien nicht.

Die Kinder hier rufen "Allahu akbar". "Ihr braucht keinen Gott, ihr braucht was zu essen!", denkt Hubertus Koch. Aber wenn Dir niemand Essen bringt, oder Medizin, oder irgendeine Form der Anteilnahme, dann greifst Du nach dem letzten Strohhalm. Nach anfänglicher Scheu merkt Hubertus Koch: 'Die Jungs, die hier kämpfen, sind Jungs wie ich. Irgendwie verpeilt und witzig.' Sie wollen doch alle das Gleiche wie er – Liebe, Freude, gute Laune – Musik eben.

Die paar Lebensmittel, was ändern die schon?

Kinder im Flüchtlingslager
Für Kinder ist das Elend in den Flüchtlingslagern unzumutbar.

Sie fahren woandershin. Raus aus dem Lager, vorbei am Checkpoint. Ihr Ziel ist die Stadt Azaz, zehn Minuten Autofahrt entfernt. Eine Stadt, die leiden musste. Bis kurz vor diesem Ausflug vom IS besetzt. Außerdem Opfer von unzähligen Luftschlägen von Bashar Al Assad. Eine vergessene Welt. Hubertus Koch steht nun da, wovon man immer nur in den Nachrichten hört. Wenn man sich denn dafür interessiert und nicht wegschaltet. Eine Fassbombe hat dafür gesorgt, dass das Einzige, was hier noch lebt, eine Katze ist! Bis sie in dieser Geisterstadt ein Anwohner überrascht.

Ein alter Mann in der Stadt ruft: "Lass ihn hier filmen! Zeig allen mein Schicksal! Ich bin sowieso schon tot!" Und Hubertus Koch filmt: "Doch selbst das beste Bild kann nichts von dem transportieren, was hier abgeht und was die Menschen durchleiden."

Autor: Hubertus Koch

Sendungs-Tipp:

Am Dienstag, den 25.08.2015, sendet das Erste um 22:47 Uhr ein "Weltspiegel extra" zur Situation der Kurden in Syrien und dem Nordirak:

Stand: 09.07.2019 05:05 Uhr

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