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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch | Video verfügbar bis 12.09.2027 | Bild: DasErste.de

Platz 10) Gnu mit Lisa Ludwig: "Du schaffst das – nicht"

Die Autobiographie einer Gamerin, Influencerin und, so die Eigenbeschreibung, "Content Creatorin". Weniger ein Buch als eine Ansammlung von völlig inhaltsfreiem Gefasel, tauglich höchstens, einem Gustave Flaubert als Material für sein "Wörterbuch der Gemeinplätze" zu dienen. Ein Triumph der Nabelschau, dachte ich zunächst. Gnu aber zielt tiefer, Zitat: "Ihr fragt euch, warum die Haut um eure Polöcher dunkler ist als die, die man in Pornos sieht? Weil eure nicht gebleacht sind!" Danke für die Aufklärung.

Platz 9) Christiane Hoffmann: "Alles, was wir nicht erinnern"

Flucht und Vertreibung bestimmen unsere Gegenwart, aber auch unsere Geschichte. Christiane Hoffmann ist die Fluchtroute abgewandert, die ihren Vater im Winter 1945 aus Schlesien in den Westen brachte. Ein Buch der notwendigen Erinnerung in Zeiten der Ost-West-Polarisierung. Der vielleicht beste Satz darin markiert die Grenzen des Verfahrens: "Ich gehe Deinen Weg, aber ich finde Dich nicht."

Platz 8) Catherine Belton: "Putins Netz"

Die langjährige Russland-Korrespondentin der "Financial Times" zerstört in ihrem erkenntnisreichen Buch jede westliche Illusion über Wladimir Putin und porträtiert ihn als skrupellosen Rädelsführer einer KGB-Bande, die sich einen ganzen Staat unter den Nagel gerissen hat. Eine beängstigende Lektüre.

Platz 7) Peter Hahne: "Das Maß ist voll"

Eine bessere Stilschule als die völlig wirre Peinlichkeitsprosa Peter Hahnes lässt sich kaum denken. Achten Sie nur mal darauf, wie der Autor binnen zwei, drei Sätzen die Verkehrsmittel wechselt – von der Eisenbahn zum Mokassin: "Pleiten, Pech und Pannen säumten ihren Weg bis zur Abwahl. Doch die neue Ampel-Regierung fährt auf diesen alten Gleisen fröhlich fort. Und doch hinterlassen sie besonders eindrückliche Spuren." Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Platz 6) Pati Valpati: "Schlechtes Vorbild, gute Vibes"

Auf Seite 2 schreibt der mir unbekannte Social-Media-Star Pati Valpati: "Immerhin habe ich es geschafft, dieses Thema über ganze fünfzehn Kapitel hinweg auszuweiden". Valpati schreibt dieses Verb allen Ernstes mit "d" statt mit "t", also statt "ausweiten", was man mit Plänen, Büchern und Fußgängerzonen tun kann, "ausweiden", was man mit erlegten oder geschlachteten Tieren macht. Ob ausweiden oder ausweiten, lesen sollte man diese auf Buchlänge gepimpte Eiterpustel schlecht alphabetisierter Imbeziler lieber nicht.

Platz 5) Marietta Slomka: "Nachts im Kanzleramt"

Die langjährige Moderatorin des "heute-journals" plaudert aus dem journalistischen Nähkästchen und liefert eine Einführung in den deutschen Politikbetrieb mit Seitenblicken auf die EU, die Ökonomie und die internationale Bühne. Eher ein Jugendbuch – ich hätte mir da mehr erwartet.

Platz 4) Kurt Krömer: "Du darfst nicht alles glauben, was du denkst"

Es erfordert Mut, über ein jahrzehntelanges Leiden an Depressionen und den Weg in die Therapie zu schreiben. Kurt Krömer hat diesen Mut aufgebracht, und dafür ist er zu bewundern. Was mir an seinem Buch nicht behagt, ist seine derbe, unnötig vulgäre Sprache, die sich in Sätzen manifestiert wie: "Wir definieren uns ja über nicht so viel: Fressen, ficken, fernsehen – wenn eine Sache davon wegfällt ..." Ein solcher Stil offenbart gefallsüchtige Anwanzerei an ein Prollpublikum, das es zu tatzeln, nicht aber auch noch zu bauchpinseln gilt, und ich glaube, Kurt Krömer hat das nicht nötig.

Platz 3) Thilo Sarrazin: "Die Vernunft und ihre Feinde"

In diesem Buch steht viel Richtiges, Wahres und durchaus auch Kluges. Allerdings auch nicht wenige Sätze, die ich für undifferenziert und schlichtweg falsch halte wie: "Die Begriffe und Organisationsformen von Ehe und Familie werden ihrer biologischen Fundierung beraubt, um jede sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen erfassen zu können. Selbst die Begriffe von Vater und Mutter werden ihrer biologischen Bedeutung entkleidet." Excuse me, möchte ich mit Joschka Fischer sagen, I am not convinced. Erstens wurde Homosexualität im Tierreich jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendelang verdrängt. Und zweitens kenne ich Kinder, die pumperlgsund in einem Haushalt mit zwei Müttern leben und denen weder ein biologischer Vater noch Thilo Sarrazin fehlt. Aber wer weiß, die Welt ist groß genug, dass wir beide darin unrecht haben können.

Platz 2) Elke Heidenreich: "Ihr glücklichen Augen"

Auf den ersten fünf Seiten ihres Buchs übers Reisen zitiert Elke Heidenreich Johann Wolfgang von Goethe, Hans Neuenfels, Vilém Flusser, Teresa von Àvila, Jacques Lacan, Martin Heidegger, Paul Theroux, D.H. Lawrence, Sven Regener, Cees Nooteboom, Paolo Conte und Gottfried Benn. Diese Zitierwut fällt nicht nur als Symptom eines intellektuellen Minderwertigkeitskomplexes auf. Man merkt an diesen Zitaten vor allem: Alle diese Autoren schreiben besser als Elke Heidenreich.

Platz 1) Brianna Wiest: "101 Essays, die dein Leben verändern werden"

Mitunter reicht dieser angenehm differenzierte Lebenshilfe-Ratgeber an die Profundheit von Max Frischs berühmten Fragenbogen heran, etwa mit Fragen wie: "Wenn du an die Menschen aus deiner Vergangenheit denkst: Wessen Respekt versuchst du dir nach wir vor zu verdienen?" Oder: "Wenn du gestern gestorben wärst, was würdest du am meisten bedauern?" Ein Buch wie ein Wetzstahl zur Schärfung des eigenen Bewusstseins.

Stand: 11.09.2022 18:00 Uhr

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