Gespräch mit den Machern

Von links: Mutter Rose Just (Hannelore Hoger) und Tochter Nina (Marlene Morreis) kommen sich kurz wieder etwas näher.
Mutter Rose Just und Tochter Nina kommen sich kurz wieder etwas näher. | Bild: BR/ARD Degeto/ORF/Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH / Hendrik Heiden

Ein Gespräch mit der Autorin Gerlinde Wolf, dem Regisseur Richard Huber, dem Produzenten Boris Schönfelder und der Redakteurin des federführenden BR Claudia Simionescu

»Die Königin ist tot – lang lebe die Königin!«

Mutter und Tochter – liefert allein diese Konstellation viel Stoff für eine gute Komödie? Was macht das Verhältnis Ihrer beiden Frauenfiguren so schwierig?

Gerlinde Wolf: Sie haben dasselbe Geschlecht, es fehlt die Distanz, Spieglein, Spieglein an der Wand, eine erblüht, eine verwelkt. Heilige sind sie beide nicht, einander noch zu eng verbunden; aber sich abzunabeln will gelernt sein. Sie arbeiten sich an ihrer verstrickt-verfilzten Beziehung ab, sie schenken sich nichts bis zum Ende, bittersüß. Dass es um Liebe geht, muss man dazusagen.

Eine junge Frau befreit sich davon, den Erwartungen ihrer Mutter genügen zu müssen. Das ist ein universelles Thema. Was zeichnet die Geschichte von Gerlinde Wolf aus?

Claudia Simionescu: Das Besondere an dieser Geschichte sind die Charaktere. Selbst in den größten Krisen fallen alle in ihre üblichen Rollenmuster zurück: eine erwachsene Tochter, die sich trotzig und kindisch benimmt und eine Mutter, die, lässig, über alle Selbstzweifel erhaben wirkt, ihrer Tochter gegenüber aber defätistisch ist. Und doch kann man beide verstehen und Versöhnung ist möglich – am Ende. Wir kennen das alle, wie familiäre Verhaltensmuster sich gegenseitig bedingen und in einer Dauerschleife abgespult werden. Das hat viel Wahres und auch sehr viel Komisches. Und diese Kombination aus hoch emotionalen, zugleich aber unsentimentalen und auch absurden Situationen charakterisiert diese so lebensnahe Geschichte von Gerlinde Wolf.

Frau Wolf, Sie erzählen vom Abschiednehmen von einer geliebten Person. Das ist für gewöhnlich kein Komödienthema. Warum haben Sie Ihre Geschichte in diesem Genre erzählt?

Gerlinde Wolf: Trauer ist ein komplexes Phänomen, das jeder anders erlebt. Die Sicht auf das unfreiwillig Komische ignoriert nicht den Schmerz, macht ihn vielmehr erträglicher. Mordillo hat es so formuliert: "Humor ist die Zärtlichkeit der Angst."

Was sind die tragischen Elemente der Geschichte?

Gerlinde Wolf: Dass sie sich nicht entscheiden können, ob sie einander lieben oder hassen sollen.

In Ihrem Film ist München sehr präsent. Welche Rolle spielt diese Stadt als Ort der Geschichte? Verleiht Bayerns Metropole dem Film ein besonderes Flair?

Richard Huber: Ich hoffe, das Flair entsteht aus dem Erzählton, der Chemie der Figuren und dem Zusammenspiel von Marlene Morreis, Günther Maria Halmer und Hannelore Elsner. Gerlinde Wolf hat die Geschichte in Bayern verortet: München als urbanes Umfeld für Tochter Nina, das ländliche Familienhaus in Oberbayern als Universum von Mutter Rose. Und die Tochter im permanenten Notspagat zwischen diesen Welten.

Marlene Morreis spielt eine Moderatorin bei einem Münchner Verkaufssender. Im Film wird diese Welt in schrillen Farben gezeichnet. Ist das für Sie eine satirische Chiffre unserer modernen Konsumwelt? Wie sehen Sie diese Art Fernsehen?

Richard Huber: Verkaufssender sind sehr gut geölte, schrille Maschinen. Ich sehe die Sendungen immer mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis und kann da stundenlang kleben bleiben. Diese Welt mag in unserem Zusammenhang ungewollt satirisch wirken, wir haben uns bewusst an der Realität orientiert, die im Übrigen oft viel extremer ist. Das Drehbuch stellt nur die Frage, ob die Tochter dort an ihrem richtigen Platz im Leben ist; der Ort selbst wird nicht infrage gestellt.

Ist die Rolle der Mutter auf Hannelore Elsner zugeschrieben worden? Hat sich auch Hannelore Elsner für das Projekt stark gemacht?

Claudia Simionescu: Die Rolle wurde nicht auf Hannelore Elsner zugeschrieben, gleichwohl war sie schon sehr früh die Wunschbesetzung aller am Projekt beteiligten. Hannelore Elsner selbst hat schon sehr früh großes Interesse an der Rolle signalisiert und dies über die gesamte Zeit der Projektentwicklung aufrechterhalten.

Als die Dreharbeiten begannen, war die Schwere der Erkrankung der Hauptdarstellerin da bereits bekannt?

Boris Schönfelder: Wenn man einen Film produziert, so ist das Procedere klar definiert. Man besetzt die Rolle, dann erfolgt ein Termin beim Versicherungsarzt, der sich davon überzeugt, dass der/die Schauspieler/in gesund ist. Dabei muss auch der Versicherungsarzt ein wenig dem vertrauen, was er an Antworten zu seinem Fragenkatalog erhält, denn er kann ja den Schauspieler, dem er eine Approbation geben soll, nicht einer kompletten Untersuchung unterziehen. Diese Approbation gab es im Fall von Hannelore Elsner, und deshalb sind wir davon ausgegangen, dass Hannelore Elsner gesund war.

Die Dreharbeiten waren vier Monate lang unterbrochen. Was waren die größten Herausforderungen, die Sie bewältigen mussten, um den Film wieder aufzunehmen?

Boris Schönfelder: Damit Dreharbeiten stattfinden können, sind relativ komplexe Planungsvorgänge und -vorläufe notwendig. Bis klar war, dass Hannelore Elsner nicht mehr drehen kann, sind erstmal zwei Wochen alle auf Standby gehalten worden. Die anderen Schauspieler, das Team, die Motive, die Verabredungen, wann wo was zu tun sei. Danach wurde das Projekt abgewickelt, die Leihrequisiten wurden wieder zurückgegeben. Das Haus, in dem die Filmfigur von Hannelore Elsner wohnte, war durch das Szenenbild verändert worden. Der ursprüngliche Zustand musste wiederhergestellt werden. Nur um ein Beispiel von vielen zu erwähnen. Um dann wieder in den Dreh einsteigen zu können, brauchte es erst die Idee, wie man den Film ohne Hannelore Elsner zu Ende bringt. Die fünf Schauspielerinnen, die für sie einspringen sollten, mussten ausgewählt und gewonnen werden. Als feststand, wann die Damen gemeinsam Zeit hatten für den Dreh, musste das Team wieder zusammengestellt werden. Das Wissen, wie die Sets und die Kostüme zu sein hatten, war vorher sorgfältig dokumentiert worden. Und last but not least musste sichergestellt werden, dass die Filmausfallversicherung bei der ganzen Unternehmung mitmachen würde.

Ein Fragment fertigzustellen, stellt auch die Regie vor besondere Aufgaben. Was war für Sie die größte Herausforderung? Wie geht man mit einer solchen Situation um?

Richard Huber: Wir haben irgendwann die gedrehten Szenen geschnitten. Das Fragment hatte Kraft, einen Anfang und ein Ende. Daraus entstand der Gedanke einer Hommage, Hannelore Elsner durch fünf Kolleginnen durch den Film begleiten zu lassen. Fünf "Rosen" arbeiten sich an ihrer Stelle an der Tochter Nina ab. So aufgeladen sich das im Vorfeld anfühlte, so natürlich war es dann, als wir die Szenen drehten. Ich danke den fünf "Rosen" sehr für ihr Vertrauen in uns.

Fünf Schauspielerinnen sind für Hannelore Elsner eingesprungen. Wer ist auf diese Idee gekommen? Welche anderen Optionen hätte es gegeben, den Film fertigzustellen?

Claudia Simionescu: Hannelore Elsner hatte einen großen Teil ihrer Szenen gedreht, als uns die Nachricht erreichte, dass sie den Film nicht mehr wird abschließen können. Das Filmfragment trat erstmal in den Hintergrund. Erst nach Wochen des Stillstands haben wir uns Rechenschaft über die Tragweite des Ganzen gegeben. Hannelore Elsner hat ihre letzten Szenen so eindrücklich gespielt, als hätte sich das gespielte Leben plötzlich mit dem wirklichen überlagert. Den Film abzubrechen, war daher keine Option. Die fehlenden Szenen mit einer einzigen Schauspielerkollegin zu "ersetzen", erschien uns aber auch nicht richtig – wie sollte eine einzige dieses Vermächtnis erfüllen? Und so schlug die Autorin Gerlinde Wolf vor, die verbliebenen Szenen mit fünf Kolleginnen zu vollenden. Wir sind allen fünf Schauspierinnen sehr dankbar, dass sie sich sogleich dazu bereit erklärt hatten und es ermöglicht haben, den Film fertigzustellen.

Wie hat sich der Film durch das Einspringen der fünf Schauspielerinnen verändert?

Boris Schönfelder: Wir nennen dieses Einspringen Hommage. Das bedeutet auch, dass wir Hannelore nicht ersetzen können. Wir haben die Szenen nur ganz unwesentlich angepasst. Wir haben allerdings schon darauf geachtet, dass wir die Damen so aussuchen, dass sie jeweils zu ihren Szenen gut passen. Letztlich gehen wir davon aus, dass die meisten Zuschauer durch Presse und Programmzeitschriften auf die Besonderheit des Films vorbereitet sind. Dann ergibt sich sogar noch eine größere Allgemeingültigkeit des Themas. Denn die verschiedenen Schauspielerinnen scheinen einem zu sagen: Diese Mütter gibt es in verschiedenen Schattierungen überall.

Wenn man den fertigen Film sieht, hat man das Gefühl, Hannelore Elsner habe ihren eigenen Tod gespielt. Was empfinden Sie, wenn Sie sich diese Drehtage in die Erinnerung rufen? Sehen Sie bestimmte Szenen heute mit anderen Augen?

Richard Huber: Roses letzter Abschied von ihrer Tochter war schon beim Dreh ein sehr intimer Moment. Dass die Realität so massiv in die Fiktion einbrechen würde, war undenkbar. Es folgte Trauer und Wehmut. Heute bin ich Hannelore dankbar, dass sie diesen Moment mit uns geteilt hat. Und ich bewundere Marlene Morreis, Günther Maria Halmer und das Ensemble, wie sie diese Herausforderung angenommen und gemeistert haben.

Die Zuschauer sehen den Film in dem Wissen, dass sich das Schicksal der Figur und der Darstellerin überlagern. Bekommt die Komödie dadurch nicht auch etwas Unheimliches?

Boris Schönfelder: Ich glaube nicht an Schicksalhaftigkeit, eher an Koinzidenz. Hannelore Elsner war eine große Schauspielerin; sie wollte diesen Film machen und auch unbedingt zu Ende bringen. Das hat sie leider nicht mehr geschafft. Ihre letzte Filmaufnahme war: "Die Königin ist tot – lang lebe die Königin."

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.