Ein Gespräch über die Jubiläumsfolge

Mit dem Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stuber, dem Drehbuchautor Clemens Meyer, der Produzentin Iris Kiefer, der MDR-Redaktionsleiterin Fernsehfilm

Olaf Berger (Sebastian Weber), Silke Berger (Tilla Kratochwil) und Rainer (Thomas Gerber) im Verhör.
Koitzsch und Lehmann sind mit einer Vielzahl an Aussagen und möglichen Zeugen konfrontiert. In den Fokus geraten drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. | Bild: MDR/filmpool fiction / Felix Abraham

Zum 50-jährigen Jubiläum des "Polizeiruf 110" haben Sie sich für ein neues Ermittlerteam entschieden und damit ja bereits ein starkes Signal gesetzt, aus diesem Anlass etwas Herausragendes auf die Beine stellen zu wollen. Galt das auch bei der Auswahl des Autorenteams? Und was gab den Ausschlag für Clemens Meyer und Thomas Stuber, der zudem Regie geführt hat?

Johanna Kraus: Unsere ehemalige Hauptabteilungsleiterin und heutige Programmdirektorin aus Halle, Jana Brandt, hatte gemeinsam mit der Produzentin Iris Kiefer die Idee, eine Krimireihe mit Peter Kurth als Ermittler zu erzählen.

Iris Kiefer: Ja, genau. Und wir dachten, wenn Peter Kurth, dann fragen wir Thomas Stuber und Clemens Meyer, ob sie Lust haben, diese Reihe zu etablieren und zu erzählen.

Meike Götz: Dann lag dieses wunderbare Konzept vor, in dem Michael Lehmann alias Peter Schneider gemeinsam mit Henry Koitzsch alias Peter Kurth in Halle ermittelt. Den Film zum 50-jährigen Jubiläum zu setzen, kam erst nach der Entscheidung für den Film. Aber das Konzept, die Erzählweise, die Kreativen – all dies ließ uns etwas Außergewöhnliches erwarten, so dass diese Entscheidung nahelag. Herausgekommen ist ein ganz besonderer Film – und ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass sich das Publikum auf ein überraschendes Ende freuen kann.

Welche Rolle hat es für Sie gespielt, dass Sie sich mit ihrer Folge in eine lange "Polizeiruf 110"-Tradition einschreiben? Welche Akzente wollten Sie mit Ihrer Folge zum Jubiläum setzen? Hatten Sie Vorbilder, an die Sie beim Schreiben gedacht haben?

Clemens Meyer: Wir haben uns sofort gedacht: Wenn wir einen "Polizeiruf" machen, dann möchten wir uns erstens auf die Tradition des "Polizeiruf 110" beziehen, in der es nicht immer um die großen "Who-Done-It-Geschichten" geht, sondern bei denen es sich eher um die Geschichten des Alltags dreht. Um die kleinen Tragödien und Komödien, auf die die Kommissare hier stoßen. Was passiert eigentlich, wenn man einen Täter sucht? Wenn man akribisch versucht, mit den letzten Möglichkeiten, die man hat, einem Phantom auf die Spur zu kommen? Was entdeckt man während der Ermittlungen noch? Womit hat es eigentlich die Polizei die ganze Zeit über zu tun? Hier geht es nicht um die großen, spektakulären Action-Geschichten, sondern eher um die kleinen, in denen Zeugenaussagen, akribische Arbeit und Funkzellenauswertung eine Rolle spielen. Und es geht auch um lauter falsche Spuren und Sackgassen, in die man geführt wird und die dann doch wieder woanders hinführen. Das war die Idee, die wir umsetzen wollten, mit diesem tollen Kommissarsduo im Mittelpunkt. Und natürlich haben wir versucht, ein Buch zu schaffen, das einfach auch eine Mischung aus Kaurismäki, "Fargo" und eben guter, alter "Polizeiruf 110"- Tradition ist.

Wie sind Sie auf den Fall gekommen und was hat Sie an der Thematik besonders interessiert? Haben Sie damit auch eine gewisse "Botschaft" senden oder eine Aussage treffen wollen über unsere Gesellschaft heute?

Clemens Meyer: Vor einigen Jahren geriet ich selbst in eine Funkzellenauswertung, ein ungeklärter Mordfall. So hatte ich, weil ich zufällig in der Nähe telefonierte, plötzlich Einblick in das Procedere. Da wusste ich schon, daraus werde ich mal was machen, einen Tatort hatte ich ja schon mit Thomas Stuber geschrieben. Und was das Thema Stromdiebstahl betrifft, auch da kenne ich mich aus. Und nein, an Aussagen denkt man als Schriftsteller und auch als Autor eines Drehbuchs nicht. Es müssen gute Geschichten erzählt werden, kleine und große Figuren genau in ihrem Kosmos gezeichnet werden.

Sie bringen eine große Erfahrung in Sachen Sonntagskrimi mit. Was macht diesen Film aus Ihrer Sicht als Produzentin zu einem "Polizeiruf 110", auch in Abgrenzung zu anderen Krimis? Und welche Rolle spielte die Tatsache, dass es sich um den Jubiläums-Film der Reihe handelt, bei der Entwicklung und Produktion der Geschichte?

Iris Kiefer: Wir hatten von Beginn an die gemeinsame Vision, mit diesem Format keine spektakulären Verbrechen zu erzählen. Uns ging es nicht um Überhöhung, sondern um Realismus und Alltäglichkeit. Im Mittelpunkt steht Halle mit seinen ganz "normalen" Menschen, die Clemens Meyer und Thomas Stuber mit einer feinen Beobachtung und großer Zärtlichkeit erzählen. Entsprechend haben wir ein großes Ensemble, das wir gerne auch fallübergreifend weiter entwickeln möchten.

Der Jubiläums-"Polizeiruf 110" arbeitet mit Zwischentiteln, die die Erzählung in Kapitel gliedern. Was hat es mit diesen Überschriften auf sich? Worauf spielen sie an?

Meike Götz: Für diese Gliederung hat sich Thomas aus künstlerischen Gründen entschieden. Einer der Titel war seit jeher "Der Teufel hat den Schnaps gemacht". Ein alter "Polizeiruf 110"- Episodentitel von 1981. Da lag es für Thomas und mich nahe, zum 50-jährigen Jubiläum mit ehemaligen Episodentiteln des "Polizeiruf 110" zu experimentieren. Es ist ein kleines, aber feines Schmankerl für alle Fans der Reihe!

Das neue Kommissarsteam ist ein ganz besonderes Duo – wie kam es zu der Zusammenstellung und was war ausschlaggebend bei der Entwicklung dieser beiden Charaktere?

Clemens Meyer: Peter Kurth ist bei uns natürlich erste Wahl. Und viele der Schwächen und Brüche seiner Figur Henry Koitzsch sind mir nicht fremd. Er fährt ja sogar mein Auto, nur dass meins noch ein bisschen älter ist. Er ist fast eine Figur aus einem Film Noir, aber mit DDR-Vergangenheit. Der einsame Wolf, aber auch ein akribischer, unorthodoxer Ermittler. Peter Schneider als Michael Lehmann ist da ganz anders, aber kein Antipode. Der ist in seiner Familie verankert, hat scheinbar Halt. Es gab in Sachsen tatsächlich mal ein Programm, bei dem die Polizei Quereinsteiger gesucht und gefördert hat. Und da wird dann bei uns in SachsenAnhalt aus dem Krankenpfleger Lehmann der Bulle Lehmann. Koitzsch geht in Richtung Rente, Lehmann ist erst Ende Vierzig. Das schien uns eine interessant zu erzählende Konstellation.

Thomas Stuber: Mit Peter Kurth verbindet mich eine lange Zusammenarbeit. Wir haben verschiedene Filme für das Kino, aber auch das Fernsehen gemeinsam realisiert. Auch mit Peter Schneider, Leipziger wie ich, habe ich bereits zusammengearbeitet. Es war Intuition und einfach die erste und spontane Idee, diese beiden Schauspieler als Duo vorzuschlagen.

In dem Film fällt insgesamt die besondere Visualität und Kameraführung auf, die sich aus den unterschiedlichen Rückerinnerungen der Figuren an die Tatnacht in der einen Straße ergibt. Eine Art Perspektivismus. Was war Ihnen vor allem wichtig bei der Entwicklung der Bildsprache und der Erzählweise durch das Auge der Kamera?

Thomas Stuber: Von Perspektivismus würde ich nicht sprechen. Ich arbeite grundsätzlich nach dem Prinzip "form follows function", das heißt eine Geschichte, ein Drehbuch bestimmt die Art, wie es visuell umgesetzt werden muss. Und ich versuche, und da mache ich bei der Arbeit für das Kino oder das Fernsehen keinen Unterschied, jedem Film, den ich mache, eine ganz eigene, besondere Bildsprache mitzugeben. Natürlich erfinden wir den Film dabei nicht neu, aber beschäftigen uns durchaus mit Fragen, wie wir die Rückblenden erzählen wollen, wie wir Szenen mit viel Dialog filmen wollen, usw.

Das Halle, das Sie zeigen, was ist das für eine Stadt? Was sind das für Menschen – gibt es Figuren oder Elemente der Inszenierung, in denen das "Hallische" besonders zur Geltung kommt?

Thomas Stuber: Halle ist sehr speziell, sehr besonders. Architektur oder die Verortung einer Geschichte – wo spielt sie, wie leben die Menschen, die wir porträtieren? – spielt bei meiner Arbeit immer eine große Rolle. Halle ist keine Großstadt und doch sehr vielfältig. Es hat eine verwinkelte Altstadt und eine breite Magistrale, die sich durch oder über die Stadt zieht. Und Halle erzählt sich natürlich am allerbesten über die Menschen, die in dieser Stadt leben. Der neue "Polizeiruf 110" ist ein Ensemblefilm, mit vielen Figuren. Diese haben wir auch stark mit Schauspielern und Personen aus der Region Halle/Leipzig besetzt. Ein Prinzip, das wir gerne fortführen möchten.

Sie sind in Halle geboren und haben hier in Ihrer Kindheit viel Zeit verbracht. Hat sich diese enge Bindung an die Stadt im Drehbuch, das Sie zum Jubiläums-"Polizeiruf" geschrieben haben, niedergeschlagen? Wo lagen da die Anknüpfungspunkte? Und warum ist die Stadt gerade für diesen "Polizeiruf"-Fall ein besonders geeigneter Handlungsort?

Clemens Meyer: Halle ist meine zweite Heimat, nach Leipzig. Halle habe ich wirklich im Herzen, gerade Kröllwitz, die Burg Giebichenstein mit der Saale, Trotha, den Zoo, aber auch die Pferderennbahn und die Neustadt. Oder die Viertel um den Bahnhof herum. Halle ist Großstadt, hat aber auch was Dörfliches. Und der Hallore ist schon eigen. In Halle gibt es viel Skurriles, beinahe märchenhafte Charaktere und Ecken, das bot sich regelrecht an. Hier kann man nochmal anders erzählen als in dem großen Leipzig, das ja immer hipper wird. Halle ist nochmal, auch für den "Polizeiruf 110", persönlicher, die Leute sitzen näher zusammen. Man kennt sich. Aber gleichzeitig kann ich Urbanität und Wandel erzählen.

Einen Jubiläums-"Polizeiruf 110" unter Corona-Bedingungen zu drehen, war sicher eine besondere Herausforderung. Was macht Corona mit Dreharbeiten? Und wie haben Sie das in einem Ensemblefilm wie diesem organisiert?

Thomas Stuber: Man gewöhnt sich auch daran, stellt sich darauf ein. Es erfordert eine noch größere Planung von Seiten der Produktion. Ich würde sagen, wir haben viel Glück gehabt. Ich war immer wieder während der Dreharbeiten überrascht, dass es uns "noch nicht erwischt" hat. Einschränkungen bei meiner Arbeit als Regisseur habe ich nicht gespürt, vielleicht dauern bestimmte Abläufe naturgemäß etwas länger. Ich habe bestimmte Figurenkonstellationen gleich mit Schauspielerpaaren besetzt, die also auch im wirklichen Leben in einem Haushalt zusammenleben. Das hat geholfen.

Frau Kraus, Sie sind seit Anfang des Jahres neue Redaktionsleiterin der Abteilung Fernsehfilm des MDR. Ein Jubiläum gibt auch die Möglichkeit, nicht nur zurück, sondern nach vorn zu blicken. Wie sehr liegt Ihnen persönlich die "Polizeiruf 110"- Reihe am Herzen?

Johanna Kraus: Wir sind froh und glücklich, mit unseren "Tatort"- und "Polizeiruf 110"-Produktionen eine Vielfalt an Krimis zu erzählen. Mit unserer Krimifamilie liefern wir Premiumformate für das Gemeinschaftsprogramm der ARD und können damit die Unterschiedlichkeit unseres Sendegebietes spiegeln und Geschichten aus verschiedenen Blickwinkeln und Regionen erzählen. Der Krimi "An der Saale hellem Strande" ist ein außergewöhnlicher Film, der nicht nur das Format in Charakteristik, Erzählweise und tiefer regionaler Verankerung bereichert, sondern in seinem Facettenreichtum auch auf die Geschichte des "Polizeiruf 110" eingeht. Er wird innerhalb der "Polizeiruf 110"-Reihe auffallen, sie aber auch wunderbar ergänzen.

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