Gespräch mit Almila Bagriacik

Mila Sahin (Almila Bagriacik) als Seminarleiterin.
Mila Sahin hält, gemeinsam mit Kommissar Borowski, ein Seminar an einer Polizeischule. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Mila Sahin wird gespielt von Almila Bagriacik

Mila Sahin ist Kriminalkommissarin, und als Kommissarin arbeitet man auch in der Ausbildung. Mit einer gehörigen Portion Autorität in der Stimme bittet sie die Auszubildenden zum Rollenspiel. Sie ermahnt, sie gibt Anweisungen, sie lobt, als würde sie nie etwas anderes machen. Aber es passiert etwas ganz anderes. Vor ihren Augen wird ein Polizeischüler erstochen. Sie reagiert professionell, aber sie ist erschüttert. War sie unaufmerksam? Hat sie sich zu viel vorgenommen?

Mila Sahin leidet nicht unter Selbstzweifeln. Sie will mit aller Macht herausbekommen, was der Hintergrund der schrecklichen Tat ist. Die Nähe zu den Auszubildenden – sie ist nicht viel älter – könnte ein Vorteil sein. Sie gehören zu einer Generation, da braucht sie nicht viel Einfühlungsvermögen. Aber bei Borowski weiß sie nie, ob er sie wirklich ernst nimmt. Außerdem ist da Nasrin Erkmen. Jung, ehrgeizig, erfolgreich. Fast erkennt Mila Sahin in ihr sich selbst. Beide mit türkischem Hintergrund, beide Boxerinnen. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Nasrin hat einen Menschen getötet, Mila Sahin nicht.

Gespräch mit Almila Bagriacik

»Zwischen Fallen und Fliegen liegt nur ein schmaler Grat.«

Bei einem Workshop, den Mila Sahin in der Polizeiakademie leitet, wird ein Schüler vor den Augen der Kommissare erstochen. Trägt sie die Schuld daran?

Der Fakt, dass diese brutale Tat in der Polizeiakademie und somit in einem Safe Space geschieht, haut Mila absolut um. Es trifft sie persönlich, weil es unter ihrer Aufsicht passiert und sie es nicht verhindern kann. Außerdem kennt sie die Täterin und das Opfer, aber sie steht mit leeren Händen da, weil sie das Motiv nicht kennt. Diese Hilflosigkeit ist sie nicht gewohnt. Sie ist involviert in den Tatverlauf, aber nicht mitschuldig, da keiner mit diesem Ausbruch von Gewalt rechnen konnte.

Ihr Partner Borowski sagt, er hätte ihr die Übung nicht anvertrauen dürfen. Fällt er ihr in den Rücken?

Diese Äußerung trifft Sahin in einer ohnehin angespannten Situation. Sie fühlt sich bevormundet und nicht ernstgenommen.

Sieht sich der erfahrene Kommissar Borowski gegenüber seiner jungen Partnerin als Lehrmeister?

Die Spannungen zwischen Borowski und Sahin sind nicht darin begründet, dass er als Lehrmeister auftritt. Sie sind das Resultat eines Ausnahmezustandes. Selbst im Moment ihres Rededuells verteidigen sie ihre unterschiedlichen Interessen auf Augenhöhe. Das bereichert die Ermittlungen in vielerlei Hinsicht. Beide begegnen sich mit großem Respekt und lernen voneinander. Er lehrt sie, die Ruhe zu bewahren, gerade in Ausnahmezuständen. Und er lernt, dass man durch Provokationen des Täters gegebenenfalls einstecken muss und dass es besser ist, seinen Partner zu involvieren.

Haben die gezeigten Polizeischüler mit großen Idealen bei der Polizei angefangen? Welche Ideale hat sich Sahin bewahrt?

Sicherlich stumpft man mit der Zeit ab. Aber dieser Fall war definitiv ein Wake-Up-Call für alle. Und es stellt sich unter Beweis, dass Sahin ihre Empathie und den Drang nach Gerechtigkeit bewahrt hat.

Ihr Regisseur Hüseyin Tabak sagte zu Ihrer Rolle: "Mila ist eine Frau mit einem Messer zwischen den Zähnen." Ist das Bild stimmig?

Dass sie ein Messer zwischen den Zähnen hat, finde ich durchaus zutreffend. Mila akzeptiert kein "es geht nicht". Sie kann eine großzügige und freundliche Kameradin sein, aber man will sie nicht als Feind.

Tragen Sie viel von Ihrer Figur in sich?

Ich privat bin eher sensibel und schüchtern. Ich trage meine Päckchen, bis ich nicht mehr kann. Ich versuche dann, Probleme so ruhig wie möglich anzusprechen, weil ich davon ausgehe, dass andere genauso verletzlich sein könnten wie ich. Ich bin halt Sternzeichen Krebs. Sollte ich aber etwas beobachten, was anderen schadet, nehme ich kein Blatt vor den Mund und warte auch nicht lange, bis ich sage, was ich denke.

Sie haben in der Serie "4 Blocks" an der Seite von Kida Ramadan gespielt – als Schwester des Clanchefs Tony Hamady. Wie war es, ihm hier in der Rolle als Polizistin wieder zu begegnen?

Ich habe mich extrem gefreut, als ich seinen Namen in der Besetzungsliste gelesen habe. Als wir dann gedreht haben, wie ich Kida vernehme, fand ich es anfangs etwas seltsam, weil wir ja über drei Jahre wie Geschwister zu einander gestanden hatten. Aber es war kein Hindernis, vielmehr eine Bereicherung, da wir ein sehr vertrauliches Verhältnis haben. Es war aber auch schön, die zwei Asphalttiere Axel und Kida beim Spielen zu beobachten.

Sie haben mit dem Rapper Sero, der einen der Polizeischüler spielt, einen Song für den "Tatort" aufgenommen. Wie kam es zu diesem Crossover?

Ich kenne Sero seit der Oberschule. Wir sind gut befreundet und tauschen uns immer wieder über die Höhepunkte unserer Karriere aus. Weil wir wissen, woher wir kommen und wie hart unser Weg gewesen ist. Dieses Gefühl, dass man ständig gegen den Strom schwimmen muss, um etwas zu erreichen, hat uns zusammengeschweißt. Und jetzt standen wir gemeinsam vor der Kamera. Irgendwie hat sich ein Kreis geschlossen. Der Song ist eigens für den "Tatort" produziert worden, er erzählt genau von diesem Gefühl: "Als wir anfingen loszurennen, wussten wir selbst nicht mal wohin." Das Spannende ist, dass er sich inhaltlich gut in unseren "Tatort" einfügt, aber gleichzeitig unsere persönliche Geschichte erzählt. Und es wird unmittelbar klar, dass zwischen Fallen und Fliegen nur ein schmaler Grat liegt.

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