Gespräch mit Axel Milberg

Tatort Kiel – Borowski und die Kinder von Gaarden:
Axel Milberg ermittelt im "Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden". | Bild: NDR / Christine Schroeder

»Borowski macht Ungerechtigkeit wütend.«

Kiel wird in der Republik mit der Förde, Segelbooten und Regatten in Verbindung gebracht – also Geld. Jetzt lernen wir, dass die Stadt durch den Verlust der Werft- und Fischereiindustrie schwer getroffen wurde. Wie sehen Sie als Kieler Ihre Stadt und deren Entwicklung?

Kiel war und ist arm. Es hat ein paar Reiche, einen gediegenen Mittelstand, aber in dem Viertel Gaarden zum Beispiel auch viele Arbeitslose oder gelegentlich Beschäftigte. Einwandererfamilien leben hier, wo früher die Werftarbeiter oder die Beschäftigten der Zulieferfirmen für den Schiffbau wohnten. Schiffbau ist seit den 60er Jahren ein subventionierter Industriezweig. Die Lebenshaltungskosten, Mieten und so weiter sind in Teilen Kiels entsprechend günstig. Als ich übrigens Kiel Ende der 70er Jahre verlassen habe, lag die Bevölkerung bei 275.000. Heute bei 241.000. Dabei ist Kiel doch sooo schön!

In "Borowski und die Kinder von Gaarden" kommt Borowski an seine Grenzen, als ihn eine Gang Minderjähriger provoziert, die genau wissen, dass er keine Handhabe gegen sie hat. Später findet er ein Mittel, um an sie ranzukommen. Wie psychologisch geschult müssen, sollten Ermittler sein?

In der Tat wird die Polizei schon geschult, damit sie mit aggressiven Gruppen deeskalierend kommunizieren kann. Allerdings – Borowski alleine kann physisch bedrängt und verbal attackiert nur manches hinnehmen. Die Kids in diesen Szenen sind jedoch noch nicht komplett verloren – eher in einer Vorstufe sozialer Verwahrlosung und daher noch zugänglich.

Wie geht es Borowski, wie geht es Ihnen, wenn Sie die Kinderarmut sehen und die damit einhergehende Hoffnungslosigkeit?

Die Gesellschaft darf durch Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung Kinder und Jugendliche nicht verlieren. Das ist inzwischen bekannt. Gewalt, Terrorismus, Radikalisierung in jede Richtung wären die – übrigens auch kostspieligen – Folgen für uns alle. Aber wie kann man das konkret verhindern? Gesellschaftliche Gruppen mischen sich nicht ein, wollen es nicht.

Borowski hat eindeutig etwas gegen den Revierbeamten Thorsten "Rauschi" Rauch. Woher kommt diese Antipathie?

Borowski weiß, dass Polizisten eine besondere Verantwortung zukommt, und es provoziert ihn deswegen extrem, dass der Kollege Rausch sich wie ein Platzhirsch aufspielt und die Notlage einzelner ausnutzt, um in seinem Revier zu herrschen, und er sich sogar sexuell "bedient". Anstatt zu helfen, zu verstehen, zu verhindern.

Borowski ist erst irritiert, dann beeindruckt von dem 15-jährigen Timo, der über das Leben philosophiert und ihn fragt: "Macht Ihnen das eigentlich Spaß, immer nur Leichen und Mörder?" Was ist Borowskis Motivation für seinen Job?

So eindeutig parat hat Borowski die Antwort nicht. Er hat es vielleicht auch nur vergessen, warum er sich mal dafür entschieden hat. Aber er will Timo nicht zynisch antworten, und ihm gefällt die Vorstellung, dass der Junge sich für den Beruf des Polizisten interessiert. Nun ja, Borowski macht Ungerechtigkeit wütend. Überheblichkeit auch und Machtmissbrauch. Er ist fasziniert von dem Bösen, er kann sich gut hineindenken.

Warum kümmert sich Borowski um Timo?

Timo ist genau an einem entscheidenden Moment seines Lebens. Sein verletzter Blick, seine Not, sein Alleingelassensein machen klar: Er kann jetzt ein zorniger Krimineller werden oder mit etwas Hilfe und Aufmerksamkeit seine guten Ansätze weiterführen. Es lohnt sich, nachzudenken, zu reden, um Hilfe zu bitten – all das kann er durch Borowski erfahren.

Die Szenen mit den Jugendlichen waren improvisiert. Wie hat sich hier die Dynamik im gemeinsamen Spiel mit der "Gang" entwickelt?

Die Jungs waren sehr gut gecastet. Sie waren locker, spielfreudig, lustig – auch untereinander entstand schnell eine Hierarchie. Ich musste aufpassen, dass wir nicht zu viel Spaß hatten, dass es in den Szenen noch echt zur Sache geht.

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