Gespräch mit Tom Wlaschiha

Tatort Kiel – Borowski und die Kinder von Gaarden: Sarah Brandt (Sibel Kekilli) und Polizist Rausch (Tom Wlaschiha)
Der für den Bezirk zuständige Polizeibeamte Torsten Rausch hat angesichts der sozialen Verwahrlosung des Viertels längst kapituliert. | Bild: NDR / Christine Schroeder

»Rauschi hat seine eigene Auffassung von Gerechtigkeit.«

Wie war Ihr Eindruck von Kiel-Gaarden? Inwieweit steht der Bezirk für vergleichbare Bezirke in anderen deutschen Städten?

An Gaarden hat mich überrascht, dass es ein in sich funktionierender Stadtteil so nah am Zentrum von Kiel ist. Die jetzige Situation war ja auch nicht immer so. Dass es dazu gekommen ist, hat mit dem Verschwinden von Arbeit zu tun, mit dem Verschwinden von Chancen auf jeder Ebene. Was dort passiert ist, hat nichts mit den Kindern zu tun – die müssen es nur ausbaden. Ich weiß leider auch nicht, wie man das durchbrechen kann. Ich habe in den vergangenen Jahren für "Game of Thrones" viel in mittelgroßen Städten in Großbritannien gedreht. Dort sehen ganze Städte teilweise so aus wie Gaarden – Sheffield, Glasgow. Soweit sollten wir es wirklich nicht kommen lassen.

Ein Angebot für einen Tatort" zu erhalten ist eine große Sache. Relativiert sich das ein wenig, wenn man schon mit Steven Spielberg, Tom Cruise und in der internationalen Kult-Serie "Game of Thrones" gespielt hat?

Spielberg und Cruise hören sich natürlich großartig an. Und so toll das auch war, dabei gewesen zu sein, so waren es letztendlich nur Tagesrollen, und als Schauspieler möchte man was spielen. Einem Charakter Leben verleihen. Da ist die Episodenhauptrolle in einem "Tatort" natürlich tausendmal interessanter. Durch meine Rolle in "Game of Thrones" wurden mir in den vergangenen Jahren einige deutsche Bücher angeboten, und das "Tatort"-Buch war eines der besten. Es hat mir sofort gefallen, da es sehr vielschichtig ist und auf die dargestellten Probleme keine einfachen Antworten gibt. Das Ausschlaggebende ist immer die Figur, und ein gebrochener Charakter wie Rauschi ist für einen Schauspieler ein großartiges Geschenk, weil er etwas spielen kann.

Was für ein Typ ist der Polizist Thorsten "Rauschi" Rausch?

Rauschi ist Polizist, er arbeitet im Kiez, er kennt alle und alle kennen ihn. Er stammt selber aus ärmlichen Verhältnissen und hat sich scheinbar aus ihnen heraus gekämpft. Aber er trägt noch immer einen großen Rucksack mit sich herum. In dem Rucksack sind Dinge und Erlebnisse aus seiner Kindheit, die er zwar zu verdrängen versucht, die aber längst nicht bewältigt sind. Dadurch baut er sich die Welt so, wie er glaubt, dass sie funktioniert. Irgendwie kennt es jeder von uns, dass man sich den Problemen nicht stellt, wenn es angebracht ist, sondern versucht, sie wegzuschieben und weiterzumachen.

Rauschi und den Kindern ist gemein, dass sie nicht die Aufmerksamkeit bekamen bzw. bekommen, die Kinder brauchen und sich wünschen. Wie geht es Ihnen, wenn Sie darüber nachdenken?

Persönlich habe ich es glücklicherweise nicht erlebt, aber man sieht im Alltag ja regelmäßig, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Familie ist eine wichtige Sache, aber die Idealvorstellungen, wie Familie funktioniert, sind ehrlicherweise selten umzusetzen. Eltern müssen so viel bewältigen, dass immer irgendwas zu kurz kommt. Insbesondere Eltern in schwierigen sozialen Verhältnissen, die sich ständig Sorgen um Geld und Arbeit machen müssen. Ich glaube nicht, dass Kinder willentlich vernachlässigt werden. Das sieht man auch an Inga, der Mutter der beiden Jungs, die von Julia Brendler gespielt wird. Sie ist alleinerziehend und mit zwei pubertierenden Jungs heillos überfordert. Dass die sich dann eine Clique und einen Raum suchen, wo sie sich wohl und akzeptiert fühlen und etwas zu sagen haben, ist wenig verwunderlich.

Da bietet sich jemand wie Onno Steinhaus geradezu an, weil die Jungs ihn kontrollieren.

Das hat mir im Buch auch so gut gefallen: Hier findet ein gegenseitiger Missbrauch statt. Wenn die Jungs als Clique auftreten, nutzen sie ganz gezielt auch den Schwächsten aus.

Was für eine Haltung hat Rauschi zu Kinderarmut?

Dadurch, dass er diese Situation in gewisser Weise selbst erlebt hat und weiß, wo die Kinder herkommen, denkt er, dass man mit der Situation anders umgehen muss, als es von offizieller Seite empfohlen werden würde. Deshalb drückt er oft ein Auge zu, und da es ja "sein" Kiez ist, glaubt er, alles unter Kontrolle zu haben. Er hat seine eigene Auffassung von Gerechtigkeit, und die ganz ohne schlechte Absichten. Rauschi weiß, dass es für die Kids schwierig ist, in dem Umfeld zu überleben, weshalb er viel toleriert.

Überhaupt scheint Rauschi sehr eng mit den Leuten im Kiez zu sein, teilweise enger, als man es von einem Polizisten möchte. Wie fließend darf so eine Grenze sein?

Es gibt kein Gut oder Böse. Die Grenzen sind fließend, und es ist nicht immer klar, wo die Legalität aufhört und die Illegalität anfängt. Rauschi hat eine schwierige Kindheit gehabt und jetzt stellt er was dar. Aus einer Sicht hat er es zu etwas gebracht im Leben. Das will er sich nicht wegnehmen lassen. Aber ist er korrupt? Es hat seine eigene Auffassung von Gerechtigkeit, die nicht immer gesetzeskonform ist, aber korrupt? Klar ist, dass alles, was er macht, mit den besten Intentionen geschieht.

Was für ein Verhältnis hat Rauschi zu Sarah Brandt?

Im Prinzip hatte Rauschi auf seine Vergangenheit einen Deckel drauf gemacht. Als Sarah Brandt auftaucht, verrutscht dieser Deckel. Für ihn besteht nun das Problem, dass er herausfinden muss, ob sie etwas weiß, womit sie ihm schaden kann. Andererseits findet er sie auch ganz attraktiv. Da entsteht die Ambivalenz, dass er sich zu ihr hingezogen fühlt, sie aber auch eine Bedrohung für ihn ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit Regie und den Kollegen?

Gut. Ich kannte Florian schon aus einer vorangegangenen Arbeit. Ich mag es sehr, mit ihm zu arbeiten, weil er ein sehr sensibler Regisseur ist, der eine klare Vorstellung von dem fertigen Film hat, dir als Schauspieler aber auch Freiräume gibt. Und wenn man eine überzeugende Idee einbringt, ist er durchaus bereit, sich darauf einzulassen. Axel Milberg schätze ich sehr als Kollegen. Ich sehe ihm gerne zu, weil er es schafft, selbst in die dunkelsten Figuren, die er spielt, noch einen gewissen Witz zu bringen, und er schafft es vor allem, den Zuschauer immer wieder zu überraschen. Man weiß nie, was als nächstes kommt, weshalb man beim Spielen immer wach sein muss – großartig! Sibel ist auch eine tolle Kollegin. Wir kennen uns zwar von "Game of Thrones", allerdings haben wir dort nie zusammen gespielt, weil unsere Charaktere in verschiedenen Welten leben. Daher war es schön, endlich mal gemeinsam mit ihr vor der Kamera zu stehen.

Und nicht zu vergessen, die Kinder. Da muss man auch ziemlich wach sein, weil sie eher intuitiv spielen – oder?

Allerdings. Das hat großen Spaß gemacht! In dem Alter hätte ich nicht vor der Kamera stehen und so spielen können.

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