Gespräch mit Regisseur Florian Gärtner

Tatort Kiel – Borowski und die Kinder von Gaarden: Die Kinder (Samy Abdel Fattah, Zoran Pingel, Mert Dincer) konfrontieren Timo Scholz (Bruno Alexander) mit dem Handy-Video.
Auf einem Handy kommt ein Video zu Tage, das Timo in einer verfänglichen Situation mit Onno Steinhaus zeigt. Die anderen Jungs konfrontieren Timo damit. | Bild: NDR / Christine Schroeder

»Die Not muss spürbar werden.«

Sie haben bisher unter anderem für den NDR die Siegfried-Lenz-Verfilmung "Das Feuerschiff" gedreht und Komödien für Privatsender. Ist ein "Tatort" nun die Bestätigung der bisherigen Arbeit?

Irgendwie schon. Als ich im Freundeskreis erzählt habe, dass ich einen "Tatort" mache, hieß es immer: "Wahnsinn! Toll! Gratuliere!". Einer sagte sogar, das sei "wie ein Ritterschlag". Den "Tatort" gucken die Menschen, das ist einfach eine Marke, die jeder kennt. Und es ist einfach schön, für eine Reihe arbeiten zu dürfen, von der man weiß, dass sie so stark wahrgenommen wird. Umso mehr hat mich gefreut, dass es ein Borowski ist. Axel Milberg und Sibel Kekilli finde ich als Ermittlerduo immer wieder neu und spannend, da habe ich das Gefühl, da kann ich mehr beitragen, als einen weiteren Fall von zwei Herren zu bebildern, die ihre Witze machen und nebenbei einen Fall aufklären.

"Die Kinder von Gaarden" hat Züge eines Sozialdramas. Ist es dieser Aspekt, nämlich über einen Krimi hinausgehen zu können, der Sie an dem Stoff gereizt hat?

Natürlich ist ein guter Krimi immer auch Drama, der Krimiplot hält die Geschichte am Laufen. Aber die emotionale Wucht entwickelt sich dadurch, wie tief man in die Figuren, die Schicksale, die Welt der Geschichte eintauchen kann. Beides fand ich im Buch sehr geglückt, den Krimiplot toll gestrickt, gleichzeitig hat es mich beim Lesen sehr berührt. Zudem arbeite ich gerne mit jungen Darstellern. Und das Buch fühlte sich für mich authentisch an. Mir ist eine authentische Atmosphäre in meinen Filmen immer sehr wichtig. Wenn man als Zuschauer spürt, dass es um etwas Echtes geht – dass die Geschichte mit einem selber zu tun hat – entwickelt sich ein ganz besonderer Sog.

Kiel-Gaarden und die Menschen, die dort leben, sind ein Milieu, ein Universum für sich. Wie nähert man sich diesem Thema an, um es so wahrhaftig hinzubekommen wie möglich?

In der Vorbereitung sind wir einige Male nach Gaarden gefahren, haben es auf uns wirken lassen und haben mit Menschen dort gesprochen. Wir haben Reportagen und Berichte zum Thema gesehen und gelesen. Ganz wichtig war mir das Casting. Ich wollte, dass die jungen Darsteller einen Bezug zu dem Milieu haben.

Das heißt, Sie haben mit Laiendarstellern gearbeitet, die aus diesem Viertel kamen?

Die Jungs, die wir in Hamburg und Berlin gefunden haben, sind eine Mischung aus erfahrenen Darstellern und Neulingen, aber alle kannten sie das Leben auf der Straße. Die wissen, wie man sich dort bewegt, welche Sprache dort gesprochen wird, wie man miteinander interagiert. Die reproduzieren nicht etwas, was sie nur aus dem Fernsehen kennen. Wichtig war mir, den Titel "Kinder von Gaarden" ernst zu nehmen. Ich wollte unbedingt Kinder besetzen, und nicht 16-Jährige, die jünger spielen. Das hat die Produktion ziemlich ins Schwitzen gebracht, denn mit Darstellern, die nach dem Arbeitsschutzgesetz als Kinder gelten, darf man nur 3 Stunden am Tag drehen. Vor allem bei der Besetzung des Timo haben wir lange gerungen. Da hatten wir die Wahl zwischen einem 16-Jährigen und Bruno Alexander, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 14 war. Die Entscheidung für Bruno hat uns einigen Schweiß gekostet, aber jedes Mal, wenn ich ihn sehe, freue ich mich darüber. Neben Brunos großem Talent hat sein Gesicht gerade durch das Alter, in dem er steckt, eine große Kraft.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Kindern?

Bruno hat lange in einer Kinderserie mitgespielt und ist schon fast so etwas wie ein alter Hase. Für Amar Saaifan, der Leon, den kleinen Bruder spielt, ist es die erste größere Rolle. Für die Jungs aus der Gang ist es teilweise die erste Rolle, teilweise hatten sie schon Erfahrung. Mir ging es darum, dass sie gute Typen sind, die authentisch wirken. Im Vorfeld habe ich viel mit ihnen geprobt und improvisiert. Davon ist dann einiges in den Film eingeflossen. Mir war wichtig, dass sie als Gruppe glaubwürdig funktionieren. Das macht mangelnde Schauspielerfahrung mehr als wett.

Wie in der Szene, in der die Gang Borowski aufmischt.

Eine Szene, bei der ich mir schon beim Lesen gedacht hatte: Das ist ja geil, Borowski dabei zuzusehen, wie er von Halbstarken in die Mangel genommen wird und er keine Antwort hat. Das ist eine Situation, die sich jeder vorstellen kann. Keiner möchte in eine solche Situation kommen. Beim Drehen haben wir der "Gang" sehr viel Freiheit gelassen. Jeffrey Tormekpey, der den Kevin spielt, hat das super hinbekommen. Der ruft einmal von hinten zu Borowski: "Bist du dumm?!". Das stand nicht im Drehbuch, das hat ihm keiner gesagt. Und er ist zum ersten Mal überhaupt bei einem Film dabei. Mir gefällt an der Gang, dass sie nicht die große Bedrohlichkeit ausstrahlt, sondern dass sie auch noch eine gewisse kindliche Unschuld hat. Was auch heißt, dass man noch Einfluss auf sie haben kann, bevor sie in eine kriminelle Karriere abrutschen.

Um improvisierte Szenen mit mehreren Leuten filmisch hinzubekommen, braucht man eine flexible Kamera und einen guten Kameramann ...

... weswegen ich mir Gunnar Fuß gewünscht habe, der eine sehr dynamische Handkamera macht und dabei ganz nah an den Figuren bleibt. Ich hatte mal einen "Tatort" von ihm gesehen, wo er sehr frei, fast dogmamäßig, gearbeitet hatte. Ich habe mir schon seit Jahren gewünscht, auch einmal so drehen zu können, und hier passte es perfekt. Wir haben mit zwei Kameras gefilmt und mehrere Komplettdurchläufe der Szene gemacht, Darsteller und Kameras konnten sich frei bewegen. Axel Milberg war da ganz bei uns. Er hatte sich sogar gewünscht, mit den Jugendlichen improvisieren zu können. Es gibt einen Satz von Eric Rohmer, an den ich immer wieder denken muss: "Die Kunst des Filmemachens ist ganz einfach: Sie besteht darin, nicht das zu töten, was man filmt." Der dokumentarische Ansatz hat uns sehr geholfen, die Lebendigkeit und die Energie der Jungs zu bewahren, die sie so auszeichnet.

Und nicht zu vergessen die Musik, die ebenfalls ein wichtiges Gestaltungsmittel ist. Wie wurde sie eingesetzt?

Mit der Musik wollten wir unterschwellig die Atmosphäre von Bedrohlichkeit und Verwunschenheit unterstützen, um weg zu kommen von dem Eintoönig-Depressiven. Auch den Ton haben wir sehr bewusst eingesetzt, zum Beispiel hört man in Gaarden selten die Vögel zwitschern. Wie gesagt, wir wollten kein Sozialdrama machen, und der Film hat ja auch viele humorvolle Szenen, wie sie für einen Borowski auch typisch sind.

"Die Kinder von Gaarden" schaut den Figuren in die Seele. Wie stark ergänzen sich hier Drehbuch, Schauspielführung, Dramaturgie, Regie und vor allem der Schnitt als letzte Instanz der Gestaltung?

Ein gutes Drehbuch als Basis macht die Arbeit schon mal sehr viel leichter. Das gibt einem die Sicherheit, sich auch mal ein wenig davon entfernen zu können. Fast alle Figuren sind hier in Konflikten gefangen, aus denen sie nicht raus können, weil sie sich sonst selbst belasten würden. Meine Aufgabe ist es, dies glaubwürdig mit den Schauspielern umzusetzen. Die Not muss spürbar werden. In den Gesichtern, im Verhalten. Wir haben dafür sehr frei gearbeitet, viel gedreht, viel probiert. Der Schnitt war eine besondere Herausforderung: Bei einer Geschichte, wo viel von der Bedrohung und der Spannung unterschwellig ist, bekommt der Rhythmus eine zentrale Bedeutung. Wenn man da mal zu lang oder zu kurz ist, besteht schnell die Gefahr, dass das ganze Gebäude in sich zusammenfällt.

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