Fragen an Drehbuchautorin Kristin Derfler

Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Kommissariatsleiter Peter-Michael Schnabel (Martin Brambach) am Tatort in der Gärtnerei Teichmann.
Karin Gorniak und Kommissariatsleiter Peter-Michael Schnabel am Tatort in der Gärtnerei Teichmann. | Bild: MDR/MadeFor / Hardy Spitz

Inwiefern haben wir es bei diesem „Tatort“ mit einem Familiendrama zu tun?

Die Kriminalstatistik besagt, dass fast in einem Drittel der Fälle von Mord und Totschlag der Täter ein Verwandter ist. Eheprobleme, Eifersucht und finanzielle Not stehen häufig im Hintergrund blutiger Tragödien, bei denen ganze Familien ausgelöscht werden.
In ‚Totes Herz‘ wurde die Täterin selbst bei ihrer Geburt vor über 35 Jahren ‚ausgelöscht‘. Jetzt tötet sie, um sich ein Leben zurückzuholen, das ihr einst unter bis heute ungeklärten Umständen gestohlen wurde. Und sie tötet weiter, als ihr klar wird, dass auch ihr ‚zweites Leben‘ nicht sicher ist und ihr wiederholt genommen werden könnte.

Ein Crime-Thriller, der ‚character driven‘ erzählt ist, denn alles, was sich im Laufe der Handlung ereignet, hat einzig und allein mit der Täterin selbst zu tun. Oder – um Seneca zu zitieren: ‚Das Leben kann nur rückwärts betrachtet verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden.‘

Auch die anderen Figuren und Nebenfiguren, die im Laufe der Ereignisse zu Recht oder zu Unrecht unter Verdacht geraten, agieren stets aus dem Moment heraus und verstricken sich dabei in immer größere Widersprüche.
In der Mitte des Falls gibt es eine 180-Grad-Wendung, als eine völlig neue Figur die Bühne betritt, die aber schon die ganze Zeit – sichtbar oder unsichtbar – da gewesen ist. Aus Sicht des Kripoteams ergeben jetzt all die bis dahin ermittelten Widersprüche in diesem uneindeutigen Familiendrama doch noch einen Sinn: Handelt es sich in Wahrheit um einen perfiden Rachefeldzug einer für tot erklärten Person, die in das Leben der Familie Teichmann eingedrungen ist?

Ob es sich dabei um zwei Täterinnen mit einem Gesicht oder um eine Täterin mit zwei Gesichtern handelt, ist bis zum bitteren Ende hin offen. Trotz all der zu Grunde gelegten und sorgfältig recherchierten Thematik um die ‚gestohlenen Kinder in der DDR‘, geht es mir im emotionalen und universellen Kern der Geschichte um Interpretation und Selbsttäuschung: Janusköpfige Menschen zeigen immer nur die Seite, die andere sehen sollen, verstecken dabei ihr wahres ICH. Nadine Teichmann und ihr Ehemann Patrick finden durch Nadines ermordete Mutter Heike Teichmann neu zusammen. So scheint es, weil wir gerne das glauben wollen, was wir sehen und das Gehirn bestimmte Bilder verbindet, selbst wenn diese nicht zusammengehören. Wir beurteilen die Vertrauenswürdigkeit einer Person innerhalb von Millisekunden, nachdem wir sie getroffen haben, und obwohl wir unseren ersten Eindruck irgendwann revidieren könnten, gibt es starke psychologische Tendenzen, die uns daran hindern. Tendenzen, die noch stärker zutreffen, wenn wir, wie im Fall von Patrick und Nadine Teichmann, schon viele Jahre zusammenleben und uns längst zu kennen glauben. Erst ganz zum Schluss löst das Ermittlerteam das Rätsel und das Gesamtbild ihrer Tätersuche vervollständigt sich: Dazu müssen Gorniak, Winkler und Schnabel genau hinschauen, denn ein ‚zweites Gesicht‘ kann auch die nahezu perfekte Kopie des ersten sein und jegliche Interpretation des Gehirns auf den Kopf stellen.

Das Opfer wurde nicht nur ermordet, sondern litt auch am „Broken-Heart-Syndrom“. Was genau bedeutet dies? Wie verbreitet ist dieses Syndrom?

Ein gebrochenes Herz ist tatsächlich eine Krankheit. Und sie hat auch einen Namen: ‚Broken-Heart-Syndrom‘, das im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Es wird ausgelöst durch traumatische Erlebnisse. Wer an einem ‚Broken-Heart-Syndrom‘ leidet, hat im wahrsten Sinne des Wortes ein gebrochenes Herz. Die Symptome eines ‚Broken-Heart-Syndroms‘ sind von denen eines Herzinfarktes nicht zu unterscheiden. Die Betroffenen leiden an Atemnot und verspüren ein Engegefühl in der Brust, teilweise begleitet von Schweißausbrüchen, Übelkeit und Erbrechen. Das ‚Broken- Heart-Syndrom‘ ist eine plötzlich auftretende Funktionsstörung der linken Herzkammer, die in vielen Fällen durch starken Stress oder Schmerzen ausgelöst werden kann. Etwa zwei Prozent aller Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt leiden in Wirklichkeit am ‚Broken-Heart-Syndrom‘, einem plötzlichen Funktionsverlust des Herzens, der ebenso lebensbedrohlich wie ein Herzinfarkt sein kann. Anders als beim Herzinfarkt ist beim ‚Broken- Heart-Syndrom‘ jedoch kein Gefäß verschlossen. Behandelt wird die Durchblutungsstörung von Kardiologen und Psychotherapeuten. Betroffene erholen sich recht schnell. In vielen Fällen ist nach einigen Wochen bereits keinerlei Fehlfunktion des Herzens mehr festzustellen, das Herz heilt von selbst.

Im Gegensatz zu Familie Teichmann wirkt das Dresdner Ermittlerteam harmonisch in seiner Zusammenarbeit. Ein gewollter Kontrast? Wie ist die Dynamik im Team?

‚Totes Herz‘ folgt auf den am 20. November 2022 ausgestrahlten Fall ‚Katz und Maus‘, in dem Chefermittler Schnabel Opfer einer Entführung wird und am Ende schwer verletzt von Gorniak und Winkler doch noch gerettet werden kann. Diese Gemengelage greife ich im aktuellen Fall subtil auf, denn diese zu ignorieren, wäre den Hauptfiguren gegenüber sträflich. So erfahren wir in ‚Totes Herz‘ gleich zu Beginn, dass Schnabel seine schwere Schussverletzung nicht nur überlebt, sondern auch psychisch gut weggesteckt hat, sonst wäre er nicht in gewohnter Hemdsärmeligkeit im Einsatz. Den erlittenen Schock hat er offensichtlich verdrängt. Er stürzt sich in die Arbeit, sein lakonischer Humor scheint ungebrochen. Gorniak und Winkler machen sich Sorgen um ihren Chef, mal nur mit stummen Blicken, mal sprechen sie aus, wie sie wirklich über Schnabels angeschlagene Psyche denken. Momente, die erahnen lassen, dass sich der goldene Mittelweg zwischen Verdrängen und Vergegenwärtigen alles andere als einfach gestaltet.

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