Ein Gespräch mit den Drehbuchautoren Benjamin Hessler und Florian Oeller

Einbrechepärchen Kolya (Tilman Pörzgen) und Maja (Michelle Barthels).
Szene aus dem Film: Im Hamburger Stadtteil Neugraben treibt eine Einbruchbande ihr Unwesen.  | Bild: NDR / Christine Schroeder

»Für uns ist die Geschichte eine Zustandsbeschreibung unserer politischen Kultur.«

Der Ausgangspunkt in dem Film ist nicht die Suche nach einem Mörder, sondern die Angst der Menschen in einem bestimmten Milieu. Was hat Sie dazu bewegt, diesen Ansatz zu wählen?

Wir sind nicht die ersten, die besorgt wahrnehmen, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der den Rechtsstaat infrage stellt. Phänomene wie die Einbruchswelle, um die es in unserer Geschichte geht, bringen diese Tendenzen sehr virulent an die Oberfläche. Ganze Stadtteile verwandeln sich in Festungen. Die Betroffenen glauben, Polizei und Justiz können uns weder effektiv beschützen noch die Täter effektiv einer Strafe zuführen oder auch bloß von Wiederholungstaten abhalten; sie fühlen sich auf sich allein gestellt, und manche leiten daraus die Berechtigung ab, der Rechtsordnung ihre Gültigkeit abzusprechen, oder, im schlimmsten Fall, das Gewaltmonopol des Staates anzuzweifeln. Als friedliebender Mensch lehnt man diese Haltung natürlich aufs Schärfste ab, sie ist fatal. Als empathischer Mensch aber wäre es unredlich, jedes Verständnis für diese Frustration abzuleugnen.

Das Einbrecher-Duo bietet durchaus die Möglichkeit zur Identifikation. Warum haben Sie sich für diese Sichtweise entschieden?

Die Einbrecher gehen ihrem Handwerk mit kalter, routinierter Brutalität nach; wir zeigen gleich am Anfang, wie sie ein Familienidyll zerstören und sich um das Trauma, das sie damit hinterlassen, nicht sonderlich scheren. Sind die Skimasken aber runter, sind das plötzlich ganz normale junge Leute, die Beziehungen führen, glücklich sind, nachvollziehbare Bedürfnisse haben. Je näher man jemandem kommt, desto schwieriger wird es, ihn oder sie als Monster, Feindbild, "böse" oder sonstwie undifferenziert zu betrachten. Unsere Absicht für den Film war, beiden Seiten so nah zu kommen, dass ein einfaches Urteil schwierig wird.

Wie kommt es, dass scheinbar normale Bürger im Internet zur Hetze aufrufen?

Bernd hat ein sehr individuelles Motiv für diese Treibjagd auf die Zeugin des Mordes. Er instrumentalisiert dafür die sozialen Medien, peitscht gezielt eine Welle des Hasses auf und lenkt sie in Richtung der Ermittler. Bernd kann sich absolut darauf verlassen, dass da ein gigantisches Reservoir an Ressentiments und vor allem an verbaler Gewaltbereitschaft jederzeit anzuzapfen ist und dass die Geschichte, wie er sie darstellt, ihm auch abgenommen wird.

Sind das neue gesellschaftliche Phänomene?

Das, was vor zehn Jahren noch unsagbar war, nämlich "den müsste man mal erschießen" oder "„ich wünsche mal, dass dich jemand heimsucht", ist durch das Internet Teil unseres Alltags geworden – es ist, so schrecklich es ist, das konstatieren zu müssen, das "neue Normal." Das gleiche gilt natürlich auch für Äußerungen gegenüber der Polizei. Der Respekt vor dieser Staatsgewalt qua ihrer Funktion durch die Verfassung ist sehr erodiert. Für uns ist die Geschichte auch eine Zustandsbeschreibung unserer politischen Kultur. Alle scheinen ihrer Wut und ihrem Hass hinterherzulaufen.

Geraten Grosz und Falke in diesem Fall wieder aneinander?

Wir wussten, dass beim Thema Wutbürger und Einbruchswelle die beiden sehr verschiedenen Kommissar-Charaktere eine unterschiedliche Haltung zu dem Phänomen einnehmen würden. Über die beiden konnten wir sehr gut die unterschiedlichen Positionen erzählen, wie man mit Menschen umgeht, die nicht mehr an den Rechtsstaat glauben. Darüber geraten sie natürlich auch am Rande des Falls in Konflikt. Falke macht es sich relativ einfach, indem er wenig Verständnis aufbringt. Grosz sieht eher das große Ganze und versucht auch ein bisschen die Haltung der anderen Seite anzunehmen. Aber das beschädigt nicht ihre Partnerschaft. Wir wollten zeigen, dass sie in den Ermittlungen an einem Strang zielen, gut zusammenarbeiten und ein gemeinsames Ziel haben.

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