Andreas Herzog

Regie

Kommissarin Fina Valent (Anne Schäfer, li.) und ihr Partner Xavi Bonet (Clemens Schick, re.) ermitteln gemeinsam in Barcelona.
Kommissarin Fina Valent und ihr Partner Xavi Bonet ermitteln gemeinsam in Barcelona. | Bild: ARD Degeto / Lucia Faraig

Herr Herzog, Sie haben Erfahrung mit hochkarätigen Krimiproduktionen. Was ist für Sie das Besondere am Barcelona-Krimi, was gab den Ausschlag für Ihre Zusage?

Erst mal Anne Schäfer und Clemens Schick. Ich mag die unaufgeregte und dialogreduzierte Art, mit der Fina und Xavi im „Barcelona-Krimi“ miteinander umgehen. Mit Anne hatte ich bereits zwei schöne Filme gedreht, und Clemens stand schon länger auf meiner Liste von Schauspielern, mit denen ich unbedingt irgendwann mal arbeiten wollte. Dazu kommen zwei völlig unterschiedliche Stoffe, die, jeder auf seine Art, ein breites Spektrum an Möglichkeiten geboten haben, die Geschichte über Bilder und Stimmungen zu erzählen. Die Hauptfiguren in ihrer Entwicklung zu begleiten, und das alles im Rahmen einer erfolgreichen Reihe unter einen Hut zu bringen, war eine schöne Herausforderung. Und: In Barcelona arbeiten zu dürfen, hat die Entscheidung zusätzlich leicht gemacht.

Welche Ideen haben Sie in die Entwicklung der beiden Hauptfiguren eingebracht? Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Anne Schäfer und Clemens Schick erlebt?

Anne, Clemens und ich haben in der Vorbereitung akribisch an den private lines der Figuren gearbeitet. Wir haben uns dafür auf das Thema „Schuld“ geeinigt. Beide Figuren haben in ihrer Vergangenheit Fehler gemacht die sich nicht einfach so „wieder gut machen lassen“. Und das spiegelt sich parallel in den Motivationen und Handlungen der Antagonisten in beiden Filmen. Wie gehen wir mit unserer Schuld um? Können wir uns selbst verzeihen und können wir denen verzeihen, die sich uns gegenüber schuldig gemacht haben? Die Suche nach der Antwort auf diese Fragen schafft in beiden Filmen emotionale Tiefe, weil alle Figuren, die Guten genauso wie die Bösen, diese Konfliktebene gemeinsam haben.

„Totgeschwiegen“ und „Absturz“ haben jeweils eine ganz eigene Dynamik in Bezug auf Bildsprache und Kameraführung. Wie wichtig ist beides für die Geschichte der jeweiligen Folge?

Mich hat von Anfang an die Idee fasziniert, die beiden Filme ausschließlich auf Grund von inhaltlichen Aspekten vollkommen unterschiedlich zu Gestalten. Ralf Noack, mit dem ich schon öfter kompromisslos an Projekte herangegangen bin, war dann derjenige, der, mit eiserner Disziplin und enormem Einfallsreichtum mit seiner Kameraarbeit den stilistischen Rahmen geprägt hat.

In „Totgeschwiegen“ ist die Kameraführung statisch, beobachtend und ruhig. Die vierte Wand bewegt sich nicht, weil sich in der Geschichte auch die Figuren innerlich nicht bewegen. Die Kirche mauert, zwingt zum Schweigen über die traurige Vergangenheit. Das ist kalt und unbarmherzig, und das spiegelt sich auch in den Farben. Gleichzeitig lädt uns die unbewegte Kamera dazu ein, die Figuren in Ruhe zu beobachten und sich auf ihre inneren Vorgänge einzulassen. „Abgestürzt“ ist genau das Gegenteil: Die Kamera klebt an den Figuren, folgt ihnen auf Schritt und Tritt und tanzt mit ihnen. Der Film ist auf allen Ebenen voller Leben, in den Farben, in der Musik und im exaltierten Verhalten der Charaktere. Fina und vor allem Xavi, bewegen sich in ihrem Privatleben auf einem Drahtseil und drohen abzustürzen. Die Antagonisten suchen Erlösung im Exzess und bewegen sich gemeinsam auf einen Abgrund zu. Wortwörtlich …

In beiden Filmen werden die Bildsprache und das Erzähltempo in ihrer Unterschiedlichkeit von der Musik unterstützt. Während Conrad Oleak sehr zurückhaltend, erst mit düsteren, stimmungsvollen Flächen, dann mit immer mehr Bewegung und Melodie, „Totgeschwiegen“ langsam zu einem unerwartet versöhnlichen Ende führt, hat Chris Bremus in „Abgestürzt“ einen Score komponiert, der uns manchmal gnadenlos durch die Geschichte treibt und gleichzeitig an den richtigen Stellen zur Ruhe kommen lässt. Zwei Tonebenen so unterschiedlich wie die Filme: Omerta und Tanz auf dem Vulkan.

Aber auch die Montage von Gerald Slovak hatte entscheidenden Einfluss auf das Gelingen des Experiments. Leider wird in der Analyse von Filmen die Bedeutung des Schnitts zu oft vergessen oder nur am Rande erwähnt. Ohne einen Editor, der die richtigen Momente im perfekten Rhythmus zusammenfügt, ein sicheres Gefühl für die Balance von Musik, Sounddesign, Dialog, laut und leise hat, ist das ganze Konzept nichts wert. Im Schneideraum werden die Karten neu gemischt. Ich brauche dort jemanden, der alles mit neuen Augen und Ohren wahrnimmt und mir hilft „out of the box“ zu denken, alles zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu erfinden. Kein Autor, kein Regisseur und kein Kameramann kann während der Entwicklung und der Dreharbeiten erahnen, wie viel Magie dem Film im Schneideraum hinzugefügt wird.

Welchen Herausforderungen standen Sie sich vor Ort gegenüber? Welche Szene hat Sie bei der Inszenierung emotional besonders berührt?

Ich dachte zuerst, es könnte schwierig werden mit einem zu 90% spanischen Team in englischer Sprache zu kommunizieren. War es aber nicht. „Lost in translation“ war nie ein Problem. Wenn es Missverständnisse gab, dann hat das eher zur allgemeinen Erheiterung beigetragen. Ralf Noack und ich sind meistens mit dem Fahrrad zu Set gefahren, wir hatten Spaß bei der Arbeit, permanent schönes Wetter, und wir sind immer noch mit der ganzen spanischen Truppe über eine Insta-Gruppe in Kontakt. Nein, ehrlich gesagt gab es vor Ort keine erwähnenswerten Herausforderungen.

Am stärksten berührt haben mich die Schicksale der Frauen und Kinder in „Totgeschwiegen“. Es gibt in dieser Geschichte eine Erzählebene die sich, von der eigentlichen Handlung losgelöst, wie ein roter Faden durch den Film zieht. Mehr darf ich hier nicht verraten, weil Fina und Xavi sonst nichts mehr zu ermitteln hätten. Auf jeden Fall war das eine geniale Drehbuchidee von Catrin Lüth und Florian Hanig, die dem Film dadurch auf ungewöhnliche Weise zusätzlich Relevanz und emotionale Tiefe verliehen hat.

Barcelona ist für viele Menschen vor allem eine mondäne Urlaubsmetropole mit sehenswerter Architektur und endlosen Stränden. Wieviel erfährt man während der Dreharbeiten von den politischen Sorgen und gesellschaftlichen Wünschen der Bewohner Barcelonas?

„Wir Deutschen“ haben von unserem Team in Barcelona sehr viel über die katalanische Autonomiebewegung und den Konflikt mit der spanischen Zentralregierung gelernt. Das ist dort ein sehr viel ernsteres Thema als wir es uns hier allgemein vorstellen. Katalanisch ist eine eigene Sprache mit um die zwanzig verschiedenen Dialekten. Im Team wurde neben Englisch natürlich auch viel Katalanisch und Spanisch durcheinander gesprochen. Ich habe von Anfang an versucht, durch Zuhören Vokabeln aufzuschnappen, Redewendungen zu verstehen und dadurch Spanisch zu lernen. Was in meinem Kopf hängen geblieben ist, ist ein ziemlicher Wirrwarr aus zwei verschiedenen Sprachen. Aber in Barcelona bin ich damit ganz gut zurechtgekommen.

Was war ihr „Barcelona“-Moment? An welche Begegnung, welchen Ort werden Sie noch lange zurückdenken?

Die Sagrada Familia. Antoni Gaudis unglaubliche, atemberaubende und hundert Jahre nach seinem Tod immer noch nicht vollendete Kathedrale. Mit Worten ist dieser Ort und seine Wirkung nicht zu beschreiben. „Must see!“ bei einem Besuch in Barcelona.