Gespräch mit Stephan Wagner (Regie und Drehbuch) und Mark Monheim (Drehbuch)

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) versucht herauszufinden, was ihr Vater Otto Winkler (Uwe Preuss) mit Nazarian zu tun hatte.
Szene aus dem Film: Leonie Winkler versucht herauszufinden, was ihr Vater Otto Winkler mit Nazarian zu tun hatte. | Bild: MDR

Sie haben beide auch schon für den "Tatort" Dresden "Déjà-vu" zusammengearbeitet. Für "Nemesis" arbeiten Sie nun wieder zusammen. Wie kamen Sie auf die Idee zum Drehbuch?

Mark Monheim: Was "Déjà-vu" auszeichnete, war die emotionale Spannung, die der Blick in die Seele eines Kindermörders beim Publikum ausgelöst hat. Für "Nemesis" haben wir wieder nach einem Thema mit einer großen emotionalen Fallhöhe gesucht.

Stephan Wagner: Ausgangspunkt unserer Überlegungen war, eine Geschichte aus dem kleinsten Kern der Gesellschaft zu erzählen: einer Familie. Jeder Mensch war oder ist Kind, hat Eltern, kennt das Spannungsfeld von äußerem Schein und innerem Sein. Folglich sollte doch die emotionale Identifikationsfläche im Publikum entsprechend groß sein.

Wie kann man sich Ihre gemeinsame Arbeitsweise vorstellen? Haben Sie schon eine bewährte Vorgehensweise oder gestaltet sich der Prozess immer neu?

Mark Monheim: Stephans große Stärke ist die Stoffentwicklung, er kann aus einer Idee eine Geschichte formen und spannende dramatische Bögen skizzieren. Mir liegt besonders die Entwicklung der Figuren, mich in Menschen und Situationen einzufühlen, Dialoge zu schreiben und den Charakteren eine eigene Sprache zu verleihen. Trotzdem gestaltet sich der Prozess jedes Mal ein bisschen anders, es ist ein sehr lebendiges und kreatives Ping-Pong-Spiel.

Stephan Wagner: Unsere Grundregel ist, dass es keine Grundregel gibt. Wir kennen unsere Stärken und schaffen es doch jedes Mal aufs Neue, uns gegenseitig zu überraschen. Das ist es, was die gemeinsame Arbeit für uns so spannend macht.

In "Nemesis" ermittelt das Team in Richtung Schutzgelderpressung und Geldwäsche. Wie haben Sie zu diesen Themen recherchiert? Konnten Sie sich an realen Fällen orientieren?

Mark Monheim: Mit der Globalisierung sind nicht nur die Warenströme gigantisch groß geworden, auch die Milliarden fließen über Grenzen hinweg. Die Universität Halle schätzt, dass 2015 etwa 100 Milliarden Euro in Deutschland gewaschen wurden, Tendenz stark steigend. Kriminelle Banden aus Süd- und Osteuropa investieren illegal erworbene Gelder in Immobilien, Kunstwerke, Autos, in Spielcasinos, Wettbüros, Rotlichtbetriebe und Restaurants – denn der deutsche Staat macht es ihnen leicht. Die legale Herkunft von Geldern muss nämlich in Deutschland erst nachgewiesen werden, wenn es ausreichend Verdachtsmomente gibt, die für die Illegalität sprechen. Anders als beispielsweise in Italien. Interessant war für uns vor allem, wie unauffällig und professionell die Geldwäsche heutzutage betrieben wird. Kriminelle Organisationen vermeiden Gewaltkriminalität und treten fast schon seriös auf, als Geschäftsleute und Investoren.

Stephan Wagner: Auch die blühenden Landschaften der neuen Bundesländer wären ohne das Investment aus der Schattenseite der Wirtschaft weniger ertragreich. Wir wollten die Geschichte auf sämtlichen Ebenen des Dresdner Lebens authentisch verankern.

Der aktuelle "Tatort" beschäftigt sich auch mit Psychosen und emotionaler Manipulation. Was hat Sie daran gereizt?

Mark Monheim: Wie schon erwähnt, hat uns die emotionale Fallhöhe gereizt, die Beziehung zwischen einer Mutter und ihren Kindern, die mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben verliert und sich und die Kinder im Kampf mit einer feindlichen Welt sieht. Ist sie das Opfer der Machenschaften ihres Mannes, der sich mit den falschen Leuten eingelassen hat? Verliert sie durch den Mord an ihrem Mann den letzten Halt im Leben? War sie gar das Opfer häuslicher Gewalt?

Stephan Wagner: Unsere Welt ist zunehmend hysterischen Kommunikationsmustern ausgesetzt. Nicht nur in der Politik erleben wir den Übergang von rationaler Handlung zu manischen Reflexen tagtäglich. Vernunft scheint eine Größe zu sein, die immer weniger als Grundlage des Handelns gilt. Unsere Geschichte ist insofern auch eine Echokammer dieser Entwicklung: Was passiert, wenn das Misstrauen übernimmt?

Wodurch zeichnet sich für Sie das Format des "Tatorts" aus? Was ist das Besondere daran?

Mark Monheim: Der "Tatort" ist eines der letzten klassischen TV-Formate, das noch die ganze Breite der Gesellschaft erreicht. Der "Tatort" ist ein Spiegel unseres Landes und seiner Vielfalt, seiner föderalen Struktur, seiner regionalen Besonderheiten. Der "Tatort" verbindet Menschen in Ost und West, über Milieu- und Generationengrenzen hinweg und sorgt immer wieder für Gesprächsstoff. Seit 50 Jahren loten Filmemacher die Grenzen des Formats aus, verhandeln anhand von Kriminalfällen zeitaktuelle wie universelle Themen, wagen neue Erzählformen und Experimente – und noch ist kein Ende in Sicht. Eine Stadt, ein Mord, ein Ermittlerteam, 90 Minuten – die Klarheit des Konzepts ist bestechend und dadurch zeitlos.

Stephan Wagner: Deutschland liebt Geschichten, in denen Geheimnisse und deren Aufklärung im Mittelpunkt stehen. Krimis haben diese Sehnsucht formatiert. So sehr diese Formatierung das Erzählen beschränkt, bietet der Tatort hinter dieser Grundverabredung die größtmögliche Freiheit in der Erzählung, da hier noch alle Altersstufen der Gesellschaft erreicht werden können. Das macht den "Tatort" für Filmemacher so attraktiv.

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