Dr. Rainer Erices (Medizinhistoriker)

zum historischen Hintergrund

Ungereimtheiten bei der Leichenschau (Petra Schmidt-Schaller, links)
Szene aus "Die Toten von Marnow" | Bild: NDR/Polyphon / Philipp Sichler

»In den 1980er-Jahren stand die DDR-Wirtschaft vor dem Abgrund. Das DDR-Geld war jenseits der Grenzen wertlos, dem System drohte der Bankrott. Im Frühjahr 1983 verpflichtete der Ministerrat sämtliche DDR-Wirtschaftsbereiche dazu, mehr Devisen zu erwirtschaften. Daran musste sich auch das Gesundheitswesen beteiligen. Von zwei Strategien erhofften sich die Verantwortlichen im Gesundheitsministerium den größten Erfolg: vom Verkauf von Blut und Blutprodukten sowie von Medikamententests für westliche Hersteller. Diese Pharmatests für den Westen hatte es nachweislich bereits seit dem Mauerbau gegeben – doch nun wurden die Testreihen systematisch durchgeführt. Die Tests sollten anfangs nur im 'ausgewählten und geringen Umfang' durchgeführt werden. Insgesamt testeten über 100 Kliniken, es gab eine fünfstellige Zahl an beteiligten Patienten. Getestet wurde die gesamte Bandbreite moderner westlicher Medikamente – Mittel für den Kreislauf, gegen Allergien, Hormone, Psychopharmaka an Jungen und Alten, an Kindern, an Schwerstkranken oder Pflegebedürftigen und Dementen.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine solche klinische Testung, und das ist ein wesentlicher Punkt, waren in der DDR ähnlich denen in der Bundesrepublik. Man könnte sogar sagen, es war in der DDR schwieriger, da jede Prüfung vom Gesundheitsministerium abgesegnet werden musste. Im Wesentlichen sah das so aus, dass der westliche Hersteller einen detaillierten Prüfplan einreichen musste, und dieser musste die staatlichen DDR-Gremien durchlaufen. Zwingend vorgeschrieben war bei jeder Testreihe, dass die Probanden aufgeklärt werden mussten. Das war sowohl von westlicher als auch von DDR-Seite vorgeschrieben. Die unzähligen Akten zu den Tests geben keinen Nachweis darüber, dass oder ob die Patienten tatsächlich aufgeklärt wurden. Es gibt jedoch Nachweise, dass die Prüfärzte an den Kliniken mit ihren Patienten über die Tests sprachen. Auch wenn in der Öffentlichkeit nicht über die klinische Erprobung von westlichen Mitteln diskutiert wurde – und schon gar nicht über die Hintergründe dafür – so waren die Tests doch nicht geheim oder sollten etwa systematisch verheimlicht werden.

Tatsächlich starben bei einigen Tests etliche Patienten. Die Offiziellen führten darüber Buch und es gab Auswertungen der Vorfälle. Soweit nachweisbar, waren die Opfer schwerstkranke Patienten, vor allem mit einem bösartigen Bluthochdruck oder nach einem Schlaganfall. Dass die Probanden durch die Teilnahme an den Tests verstarben oder wegen deren Nebenwirkungen dauerhaft geschädigt wurden, ließ sich, soweit ich das weiß, nicht nachweisen.

Und die Staatssicherheit? Es stimmt: Die Stasi sammelte zu den klinischen Tests erstaunliche Mengen an Informationen. Doch im Gegensatz zur üblichen fiktionalen Darstellung tat sie das nicht als dunkle eigenständige Macht, sondern für ihren Auftraggeber, die Partei. Vorrangig ging es der Stasi darum, die Westkontakte zu überwachen. Eine maßgebliche Rolle spielte die Abteilung Kommerzielle Koordinierung, kurz KoKo. Die KoKo agierte wie ein westlicher Konzern und saß bei allen Verhandlungen zwischen Gesundheitsministerium und Pharmaunternehmen mit im Boot. Die KoKo interessierten die Deviseneinnahmen, sie überwachte die Geldflüsse und diktierte die Verträge. Die klinischen Testungen wurden klar von Wirtschaftsinteressen dominiert. Die DDR brauchte dringend Westgeld. Die deutlich mehr als fünfzig Firmen aus dem Westen profitierten also von einer Willfährigkeit ihres Partners. Die DDR tat alles, um die Testreihen in einem knapp kalkulierten Zeitrahmen zu erfüllen. Mit Widerständen war in einem Land ohne Pressefreiheit und damit ohne aufgeklärte Öffentlichkeit nicht zu rechnen. Das große Fragezeichen: Waren die Tests ethisch vertretbar? Das sehe ich ausgesprochen kritisch. Wenn eine westliche Firma mit einem diktatorischen System Verträge eingeht, dann akzeptiert sie dieses System und profitiert davon.«

Dr. med. Rainer Erices ist Medizinhistoriker und arbeitet seit 2010 am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er leitet die Arbeitsgruppe für Medizingeschichte der DDR. Seine Hauptforschung gilt der Gesundheitspolitik und dem Gesundheitswesen der DDR, u. a. den Medikamententests westlicher Hersteller.

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