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Platz 10
Kerstin Gier: Rubinrot
Zu dieser Zeitreisegeschichte und ihren beiden Fortsetzungen werde ich mich in naher Zukunft äußern …
Zuvor aber zu einem alten Bekannten auf Platz 9
Paolo Coelho: Die Schriften von Accra
Der Urvater aller esoterischen Schwachsinnsschwurbler ist wieder da. Jetzt noch dümmer, noch plakativer, noch abgeschmackter. "Versuche nicht, nützlich zu sein. Sei nur du selbst! Das allein zählt", schreibt Coelho allen Ernstes, als müsste irgend jemand im Kapitalismus noch zur Kultivierung des eigenen Egos ermutigt werden. Coelhos im Predigerton verfasste Maximen, Trostofferten und Sinnsprüchlein häufen Dummheit auf Dummheit: "Das Schlimmste ist, zu fallen und nicht wieder auf die Füße zu kommen." "Die Augen sind der Spiegel der Seele", "In der äußeren Schönheit wird die innere Schönheit sichtbar." Ich aber sage Euch: Doof ist doof, da helfen keine Pillen.
Platz 8 und Platz 7: Kerstin Gier "Samaragdgrün" und "Saphierblau", der schon erwähnte Auftaktband der Jugendbuch-Trilogie "Rubinrot" steht auf Platz 10:
Gwendolyn entstammt einer mehr als schrulligen britischen Familie, kann Geister sehen, die für andere unsichtbar bleiben, und ist 16 ½ Jahre alt, als sie herausfindet, dass sie zudem Trägerin eines seltenen Gens ist, das ihr Zeitreisen in die Vergangenheit erlaubt. Es geht um einen uralten Geheimbund, die erste große Liebe, einen finsteren Plan des Grafen von Saint Germain und um den Unsterblichkeit versprechenden Stein der Weisen. Ich habe durchaus eine Schwäche für Zeitreisegeschichten, aber keine so große, um dieser schwachen Zeitreisegeschichte ihre Geschichtsbilder und Geschlechterklischees zu verzeihen, die mindestens so antiquiert sind wie die Stummelsprache der Autorin.
Platz 6
Jussi Adler-Olson: Das Washington Dekret
Zum ersten Mal muss ich diesen Autor loben: loben für seinen Ehrgeiz. Adler-Olson versucht in seinem neuen Thriller nämlich zu beschreiben, wie die Etablierung einer Diktatur in den Vereinigten Staaten ablaufen könnte. Leider erweist sich der Autor sowohl dramaturgisch wie auch stilistisch komplett von seinem Thema überfordert: das Innenleben meines Staubsauger wirkt aufregend im Vergleich zu dem Bild, das Adler Olson von der Psyche des amerikanischen Präsidenten und seinem Umfeld zu zeichnen vermag. Niemals hätte dieses auf jämmerlichem Niveau gescheiterte Buch ein halbwegs ordentlich arbeitendes Verlagslektorat passieren dürfen.
Platz 5
Anne Gesthuysen: Wir sind doch Schwestern
Verklemmt und verdruckst, katholisch und kinderreich sowieso: Das Leben der Menschen am Niederrhein wurde selten so anrührend genau geschildert wie in diesem Roman über drei sehr unterschiedliche Schwestern, die alle Facetten einer grandiosen deutschen Landschaft repräsentieren. Erzählanlass ist der hundertste Geburtstag der ältesten Schwester Gertrud, Anne Gesthuysen erzählt von Organisation der Feier und breitet angenehm gelassen die Vorgeschichte der Schwestern aus, doch der eigentliche Held in ihrem besonderen Familienroman ist der Niederrhein und seine Bewohner.
Platz 4
Sabine Ebert: 1813. Kriegsfeuer
Es bedarf durchaus literarischen Muts, wie Sabine Ebert in Tolstois Fußstapfen zu treten und einen historischen Roman über Napoleon und die Völkerschlacht von Leipzig zu schreiben. Dieser Mut weckt meine Sympathie. In der Wahl ihrer literarischen Darstellungsmittel bleibt Sabine Ebert aber vollkommen mutlos konventionell, dafür reitet sie der Übermut, wenn sie in ihrem Roman ein ständiges Promi-Schaulaufen veranstaltet und neben Zar, Franzosenkaiser und Prinz Eugen sogar noch den Säugling Richard Wagner auf den Armen seiner Mutter in Leipzig nach Brot greinen lässt. Endgültig den Todesstoß versetzt diesem historischen Schinken sein trendiger Vulgärfeminismus, der auch nicht besser ist als der Hurrapatriotismus, mit dem frühere Autoren dieses Sujet behandelt hätten: "Männer nehmen Leben, Frauen schenken Leben. So ist es seit Anbeginn der Zeit." Ja, und Frauen schreiben seit Anbeginn der Zeit aufgeblähte Liebesromane über Stoffe, die keine literarische Naivität verzeihen. Aber so muss es ja nicht auf ewig bleiben.
Platz 3
Volker Klüpfl, Michael Kobr: Herzblut
"Low-carb, low-fat, low-salt": Der Allgäuer Kriminalhauptkommissar Kluftinger hat wirklich nichts zu lachen in diesem Fall um eine rätselhafte Mordserie – seine Leser dafür um so mehr, denn die Angst vor einem dräuenden Herzinfarkt zwingt den Kässpatzen-Fanatiker dazu, Diät zu halten und Tofu und Joghurt statt Leberkäs'semmeln zu futtern, ein Testament aufzusetzen und sogar seinem cholerischen Naturell Zügel anzulegen. Kluftingers schwerblütiger Inspector-Clouseau-Charme ist sicher nicht jedermanns Sache, immerhin aber steigern sich Klüpfl und Kobr von Buch zu Buch.
Platz 2
Dora Heldt: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!
Die Lektüre dieses in einlullelnder Phlegma-Prosa verfassten Romans gleicht einer Selbsteinweisung in die Geriatrie. Ich kenne Friedhöfe, unter deren Grassoden mehr reflektiert wird als in diesem Buch: Nach 70 Seiten kommt es während einer Autofahrt zu einem Reifenwechsel, 60 Seiten weiter wird die Suppe serviert, am Ende kulminiert der tranige Plot um eine Rentner-Abzocke mit gefaketen Immobiliendeals in einem leichten Herzinfarkt. Dora Heldt schreibt für jene Sorte Mensch, der schon mit 30 auf den Tag genau weiß, wieviel Zeit er noch zur Rente braucht.
Platz 1
Timur Vermes: Er ist wieder da
Was für ein großartiges Comeback hat der deutsche Comic-Künstler Walter Moers Hitler in seinen Comic-Bänden "Adolf", "Adolf Teil Zwei" und "Adolf – Der Bonker" verschafft. Und was für ein lahmes Machwerk ist dieser schwache Roman um einen im Berlin des Jahres 2011 wiederaufgetauchten Adolf Hitler. "Da hätte ich mir den ganzen Krieg ja schenken können", ruft Hitler, als er von der Fortexistenz Polens "teilweise sogar auf ehemaligen Reichgebiet!" erfährt. Solche Sparwitzchen kennzeichnen diesen Roman und machen ihn eher zum Partygag als zur Kunst. So muss ich dem Romantitel widersprechen: der Schmonzes "Er ist wieder da" ist sofort wieder weg.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 28.04.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.