Warum einen Film über Ludwig van Beethoven machen

Niki Stein - Drehbuchautor & Regisseur

Regisseur Niki Stein
Regisseur Niki Stein | Bild: ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek

Ludwig van Beethoven begleitet mich seit der Kindheit: Als Komponist von Klavierstücken, denen ich auf den Grund zu gehen suchte, ohne je in der Lage zu sein, ihnen pianistisch gerecht zu werden, als Schüler eines nach ihm benannten Gymnasiums in Bonn, als Zuhörer, übermannt von einer Musik, die so genial war, dass man sich fragte, welches menschliche Wesen kann denn so etwas ersinnen. – Und seine vollständige Taubheit, als er seine späten Meisterwerke komponierte, die die Zeitgenossen überforderten, die erst hundert Jahre später, wie die späten Streichquartette, werkgerecht aufgeführt werden konnten, deren Modernität uns heute noch sprachlos macht, die hatte ich da längst ausgeblendet und nicht mehr als Handikap wahrgenommen ...

Der Entschluss, mich ihm in einer großen Filmerzählung zu nähern, kam ebenfalls recht früh, nachdem ich Milos Formans "Amadeus" Film Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gesehen hatte, der plötzlich dem verkitschten "Wolferl" ein überraschendes, neues Gesicht gab. Warum das nicht auch mit Beethoven machen, dessen Musik fast noch bekannter ist auf dem ganzen Erdball. Und der ebenfalls in der Wahrnehmung von einem Klischee erdrückt wird: Der wirsche, sture Grantler, unnahbar, ein Misanthrop, seiner Taubheit geschuldet, aber auch seinem Genie, das so weit über den Zeitgenossen stand.

Ich begann mich mit Beethoven zu beschäftigen, suchte die Spur in seinem Leben, die den größten dramatischen Mehrwert verspricht. Wie findet man diese vielleicht zehn entscheidenden Jahre im Leben eines großen Mannes, die ihn und seinen Genius erklären und die ein breites Publikum interessiert?

Beethoven verkörpert, wie kein Zweiter, die Emanzipation des Künstlers von einem an Leibeigenschaft grenzenden Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Brotherren hin zum selbstständig handelnden, vom Ertrag seiner künstlerischen Tätigkeit lebenden, freien Bürger. Beethoven steht damit stellvertretend für die gesellschaftliche Entwicklung seiner Zeit, die vor allem durch den ungeheuren Umbruch durch die Französische Revolution geprägt ist. Woher aber kommt dieser revolutionäre Geist, dieses ungeheure Selbstbewusstsein, das heute vielleicht normal, in seiner jedes Standesdenken auf den Kopf stellenden Konsequenz aber für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich war?

Der Film "Louis van Beethoven" erzählt im Wesentlichen die Kindheit und Jugend Ludwig van Beethovens in Bonn: Es ist eine "Coming of Genius"-Geschichte. Und man könnte vermuten, es ist die alte Story des unerkannten Genies in der Provinz, dem die Enge seiner Stadt zu klein wird und der deshalb in die große Welt, nach Wien aufbricht.

Aber weit gefehlt: Bonn, am Vorabend der Französischen Revolution, mit seinem reformfreudigen, liberalen jungen Kurfürsten Max Franz, bildet eine Kulisse, die in ihrer Modernität und Freigeistigkeit Beethoven prägen und das heutige Publikum genauso überraschen wird wie mich, als ich mich intensiver mit den Lebensumständen des jungen Beethoven zu beschäftigen begann. – Tatsächlich stand diese kleine, unbedeutende Residenzstadt am Rhein, nahe der französischen Grenze, Weimar in dieser Zeit in nichts nach: Schiller wurde hier gespielt, als er in anderen deutschen Landen noch verboten war. Der musikbegeisterte Kurfürst, ein begeisterter Fan Mozarts, förderte dessen Musik am Hofe und ermöglichte dem in der Provinz schlummernden Genie Beethoven sich schon früh mit der Musik seines großen Vorbilds auseinanderzusetzen. – Und nicht nur musikalisch fand er hier ein anregendes Umfeld, auch geistig: Der Kurfürst holte Querdenker in die Stadt, wie den später auf dem Schafott der sich entfesselnden Französischen Revolution endenden Altphilologen und Germanisten Eulogius Schneider, der ihn mit Schiller zusammenbrachte. Schauspieler gaben sich die Klinke in der Hand, wie Tobias Pfeiffer, der dem noch kindlichen Ludwig einen nie wieder auszutreibenden Widerstandsgeist einhauchte. Und nicht zuletzt Christian Gottlob Neefe, ein nur durchschnittlich begabter Komponist, der sich aus dem humanistischen Erziehungsideal der Freimaurer dem hochbegabten Jungen annahm und schnell erkennen musste, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichten, dieses Genie wirklich zu formen.

Dieser in der Provinz explodierende Weltgeist, der den jungen Beethoven erfasst, stellvertretend für eine Zeit, die im Aufbruch ist, wie wohl keine mehr nach ihr, war für mich letztlich der Schlüssel, um Beethoven zu dramatisieren. Sein Ringen mit sich, sein fast prekäres Umfeld, noch vollständig unter der Knute der Standesgesellschaft, sein Rebellieren dagegen, sein Resignieren, nachdem er dann endlich dem verehrten Vorbild gegenüberstehen darf: Mozart! – Die Begegnung der beiden im Jahr 1787, die, wenn auch nicht dokumentiert, so doch musikwissenschaftlich inzwischen als sehr wahrscheinlich gilt, bildet den Midpoint der Geschichte, die Frage, welchen Weg unser Held einschlagen wird.

Es ist aber auch eine "Coming of Age"-Geschichte: Die erste Liebe, die man in ihrer Tiefe nicht erkennt. Und der man ein Leben lang nachhängt, als die vertane Chance. Sie bildet gleichzeitig die Brücke zur Rahmenhandlung.

Für mich ist diese Geschichte hochaktueller denn je: Die Neuerungen, der Aufbruch der achtziger und neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts zeigen durchaus Parallelen zu dem Geist der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Auch musikalisch waren diese Jahre, nach der Klassik und ihren Fortläufern, wohl die prägendsten Jahre der Musikgeschichte.

Und wieder sind wir in einer Zeit angekommen, die alles zurückdrehen will, die den Freiheitsgedanken diskutiert, die in Frage stellt, ob wirklich alle Macht vom Volke ausgehen muss.

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