Gespräch mit Veronika Kracher (Incel-Expertin)

Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Borowski (Axel Milberg) finden Interessantes.
Szene aus dem Film: Mila Sahin und Borowski finden Interessantes. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Die Journalistin und Wissenschaftlerin Veronika Kracher veröffentlichte 2020 die Publikation 'INCELS – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Onlinekultes'. Neben der Incel-Subkultur beschäftigt sie sich mit der Alt-Right-Bewegung und Rechtsterroristischen Imageboards. Sie wurde dabei auch selbst zur Zielscheibe von Angriffen: So findet sich z. B. sehr prominent im Netz in Anlehnung an das Online-Lexikon Wikipedia eine Seite des Portals: WikiMANNia, auf dem die Arbeit der Journalistin vorgestellt wird, mit dem Ziel, sie zu diffamieren und zu bedrohen.

Frau Kracher, Sie haben mehrere Jahre über die Incel-Subkultur geforscht und Ende 2020 das Buch "Incels" über den neuen Antifeminismus veröffentlicht. Zeichnet der "Tatort" ein realistisches Bild dieser Bewegung?

Was der "Tatort" sehr gut aufzeigt, ist die Verbindung von Manosphere, also dem Online-Netzwerk antifeministischer Männergruppen, und Rechtsradikalismus. Der Film macht deutlich, dass der Frauenhass der "Involuntary Celibates" – 'der unfreiwillig im Zölibat lebenden Männer' – ein Türöffner in rechtsradikales Denken ist. Auf rechten Internetforen und Imgageboards wie '8kun' oder 'Kohlchan' ist eine neue Generation von Terroristen herangewachsen, die alle den gleichen Tätertypus verkörpern: den narzisstisch gekränkten, in der Regel weißen Mann, der in einem Terroranschlag eine Wiedergutmachung seiner vermeintlichen Kränkung durch Frauen sieht. Ich finde es toll, dass der "Tatort" ein so wichtiges Thema aufgreift und Haltung zeigt.

Erfüllt die Filmfigur des Mario Lohse diesen Typus?

Mario ist ein typischer Incel. Auf der einen Seite evoziert er immer wieder Mitleid. Man denkt, ach, das ist doch nur ein schüchterner junger Mann, den man eigentlich nur in den Arm nehmen braucht, dann wird er schon begreifen. Auf der anderen Seite spürt man, Mario ist ein Frauenfeind, ein potenzieller Gewalttäter, und er ist kein Einzelfall. Der Film stellt sehr gut dar, dass Mario ein virtuelles Umfeld hat, das ihn in seinem Frauenhass bestätigt und dazu bringt, sich zu radikalisieren. Treffend finde ich auch geschildert, wie zynisch der Umgang der Mitglieder dieser Community untereinander ist. Mario wird im Online-Chat als Loser beschimpft, der nicht "herumnerven" soll, sondern sich erst einmal durch brutale Taten als Mann bewiesen muss, bevor ihn die Gruppe akzeptieren kann.

Woher kommt der Frauenhass der Incels?

Woher kommt der Frauenhass der Incels? Incels sehen sich als die größten Opfer unserer Zeit. Schuld an ihrem Status sind die Frauen, die ihnen das – nach ihrem Verständnis – naturgegebene Recht auf Sex verweigern, weshalb sie zu einem elendigen Leben in Jungfräulichkeit und Einsamkeit verdammt sind. Ihr absolutes Feindbild ist der Feminismus, der den Frauen die Möglichkeit zur freien Partnerwahl gegeben hat.

Die Incels glauben, sie hätten in der "genetischen Lotterie" den Kürzeren gezogen. Sie seien viel zu unansehnlich, um den oberflächlichen weiblichen Vorstellungen von Attraktivität zu genügen. Frauen würden ausschließlich so genannte "Chads", also groß gewachsene und muskulöse "Alphamänner" begehren. Deshalb blieben für Incels keine Frauen mehr übrig. Als Lösung schlagen sie eine staatliche Zuteilung von Frauen vor, was natürlich vollkommen lächerlich ist. Aber dahinter verbirgt sich eine gefährliche Ideologie, nach der Frauen nichts anderes als Sexobjekte sind, die dem Mann untertan gemacht werden müssen.

Wie der "Tatort" zeigt, wird diese Weltanschauung von Männerrechtsaktivisten und Pick-Up-Artists verbreitet, die Incels wie Mario in Videos und in Seminaren Tipps geben, wie man Frauen aufreißt. Und wie man sie dahin zurückdrängt, wo sie hingehören: in die Küche und ins Ehebett. Sie hängen dem Irrglauben an, dass wir in einer "Femokratie" leben, in der Männer gesellschaftlich unterdrückt, abgehängt und ihrer Männlichkeit geradezu beraubt sind. Ihren Anhängern verschreiben sie die sogenannte "Redpill"-Ideologie, wonach die "Femokratie" besiegt werden könne, indem sie ihre soldatische Männlichkeit wiederentdecken, Frauen unterdrücken und antifeministisch aktiv werden.

Wird das Problem von deutschen Behörden nicht ernst genug genommen?

Ja, dafür gibt es zwei Gründe. Erstens sind die Behörden nicht so internetaffin, wie es nötig wäre. Deshalb haben sie das Gefahrenpotenzial online radikalisierter Männer nicht im Blick. Der Prozess um den Attentäter von Halle hat die Versäumnisse aufgezeigt. Zweitens zeigt sich ein geringes Bewusstsein für das Problem der Gewalt gegen Frauen. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder von ihrem Ex getötet. Dennoch sind Femizide, die Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts, noch kein eigener Straftatbestand. Und die sexuelle Belästigung steht erst seit Ende 2016 im Strafgesetzbuch.

Wie groß ist die Terrorgefahr, die von Incels ausgeht?

Nicht jeder Incel ist ein potenzieller Terrorist. Um die Gefährdung zu beurteilen, finde ich aber den Begriff des stochastischen Terrorismus hilfreich. Wegen der permanenten Dehumanisierung der Frauen und der Glorifizierung der männlichen Attentäter in den Incel-Foren wächst die generelle Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand einen Anschlag begeht. Wenn man sich permanent in dieser Echokammer aufhält und gegenseitig aufstachelt, steigt die Chance, dass es irgendwann passiert.

Werden die Incels von rechtsextremistischen Gruppen instrumentalisiert?

Rechte Männergruppen wie die "Proud Boys", die ein faschistisch-soldatisches Männerbild propagieren, lehnen die Incels ab und verhöhnen deren Selbstmitleid. Es gibt aber eine Reihe von ideologischen Überschneidungen zwischen Incels und rechten Gruppen, vor allem in Bezug auf Antifeminismus und Antisemitismus. Und obwohl es viele nichtweiße Incels gibt, hängen sie doch häufig der rassistischen Ideologie der "Weißen Vorherrschaft" an. Außerdem bedienen sich inzwischen Mitglieder der "Identitären Bewegung" einer ähnlichen Sprache und ähnlichen Memes wie die Incels, um ein junges, auf Imageboards radikalisiertes Publikum zu erreichen

»Wie stoppt man diese Frauenhasser?«

Ich halte "Deplatforming", also das Schließen von rechten Foren und das Löschen dementsprechender Accounts, für eine zwingende Notwendigkeit und eine erste Strategie. Schon allein deshalb, weil diese Foren für die User selbst psychisch schädlich sind. Die Incels geben an, depressiv zu sein und unter Angststörungen zu leiden. Sie würdigen sich gegenseitig herab: Du bist hässlich, du bist nichts wert! Es dauert nur wenige Klicks, schon ist man mit Suizidandrohungen konfrontiert. Wenn sich ein Incel umbringt, heißt es dann, Frauen haben ihn ermordet: Hätten sie mit ihm geschlafen, würde er noch leben. Jede Minute, die junge Männer nicht an diesen Orten verbringen, ist eine Minute ohne psychische Gewalt. Dennoch setzt Deplatforming zu spät an. Der grundlegende Schaden ist bereits in ihrer männlichen Sozialisation angerichtet. Um von vornherein zu verhindern, dass aus Jungen Frauenhasser werden, brauchen wir eine genderspezifische Pädagogik, dann eine kritische Männerarbeit und eine feministische Gesetzgebung

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