Gespräch mit Franziska Weisz

Grosz (Franziska Weisz) kann das Schlimmste verhindern.
Grosz zieht alle Register und prescht mutig nach vorne. Damit kann sie das Schlimmste verhindern.  | Bild: NDR

Julia Grosz wird zur Hauptkommissarin befördert und leitet zum ersten Mal einen Einsatz. Wird sie der Verantwortung gerecht?

Die Ernennung habe ich auch unseren Beratern bei der Bundespolizei zu verdanken. Sie meinten, es sei mal an der Zeit, dass Julia Grosz zur Polizeihauptkommissarin befördert wird. Unser Regisseur Niki Stein hat ihre Inauguration dann schön in die Handlung eingefügt. Ich finde, Julia Grosz ist dieser Verantwortung schon lange gewachsen. Trotzdem sieht man ihr in diesem Fall die Nervosität an, nicht weil sie Angst davor hat zu scheitern, sondern weil sie alles richtig machen will. Bei dem Einsatz gegen einen russischen Waffenhändler steht das Leben eines verdeckten Ermittlers auf dem Spiel, der in einem Koffer zwei Millionen Euro bei sich trägt. Ihre Chefin macht keinen Hehl daraus, dass Grosz gut auf das Geld aufpassen soll. Es war uns wichtig, diese Ambivalenz bei Grosz von Stolz und Respekt vor der Aufgabe zu erzählen.

Der fingierte Waffendeal schlägt fehl. Trägt die Kommissarin die Schuld daran?

Sie trägt die Verantwortung, und ich bin mir sicher, dass Grosz sich sogar die Schuld daran gibt, dass der Einsatz außer Kontrolle geraten ist. Sonst würde sie nicht ihren Rücktritt anbieten. Als später herauskommt, dass sie Falke eine für die Sicherheit des Einsatzes relevante Information vorenthalten hat, ist ihr Partner total schockiert. Doch sowohl ihre Chefin als auch der undercover ermittelnde Kollege waren eingeweiht und auf dem gleichen Wissensstand. Zum Glück verzeiht Falke ihr die Unachtsamkeit. Wie Grosz hier ihre Entscheidungen trifft und mutig nach vorne prescht, gefällt mir ansonsten sehr gut. Sie zieht alle Register.

Grosz hat jetzt den gleichen Rang wie Falke. Wie reagiert ihr Partner darauf?

Er gönnt ihr die Beförderung total. Aber die Situation ist ungewohnt für ihn, weil er nicht mehr die ganze Zeit wie selbstverständlich sagen kann, wo es lang geht. Beide müssen erst einmal in ihre neuen Rollen hineinwachsen. Dass Grosz die Einsatzleitung übernimmt, hängt auch mit Falkes doppelter Befangenheit zusammen. Er ist zum einen mit dem verdeckten Ermittler und dessen Frau befreundet, zum anderen ist er früher beim LKA der Vorgesetzte von Marija gewesen, die wir gegen ihre russische Mafiafamilie in Stellung bringen. An ihrem privatem Vertrauensverhältnis ändert das aber nichts: Beide wissen, was außerhalb des Jobs gerade bei dem anderen läuft.

Wie entwickelt sich das Privatleben von Julia Grosz?

Der Film gibt tatsächlich einen kleinen Einblick in das private Leben der Kommissarin. Sie hat sich mit einem Mann in einer Hotelbar verabredet, den sie aber allein an der Theke sitzen lässt. Das Rendezvous platzt in letzter Sekunde, weil die Bundespolizei dazwischenfunkt und Grosz mit einem Telefonanruf aus dem Privaten herausreißt. Weltretten geht immer vor. Und vielleicht kommt ihr das auch gerade recht.

Wie begegnet Grosz der Familie des Waffenhändlers, die in Hamburg wie an einem Fürstenhof residiert?

Sie lässt sich davon nicht blenden. Was Grosz erstaunt, ist die unglaubliche Bigotterie der Familie. Der Mann verdient sein Geld mit Waffen, mit Blutvergießen und Tod. Die Kinder sind so versponnen und abgehoben, dass sie die ganze Zeit aus den Romanen von Dostojewski und Tolstoi zitieren oder am Klavier Schostakowitsch aufführen. Und die Mutter, die den Tod eines Sohnes betrauert, sieht gleichzeitig darüber hinweg, dass der Verlust etwas mit den kriminellen Geschäften ihres Mannes zu tun haben könnte. Einerseits über Leichen gehen, andererseits auf Schöngeist machen. Diese Weltabgewandtheit schützt ja vielleicht davor, anerkennen zu müssen, womit man seine Millionen verdient.

Das Waffengeschäft ruft den russischen Geheimdienst auf den Plan. Ist dieser Gegner nicht eine Nummer zu groß für die Kommissare?

Eigentlich ist das Konzept des Sonntagsabendkrimis, dass erst alles durcheinander gerät und die Kommissare zum Schluss alles wieder in Ordnung bringen. Doch wenn ein Geheimdienst seine Finger im Spiel hat, oder eine Regierung seine Gegner im Ausland verfolgt, stoßen die Kommissare an ihre Grenzen. Dann nimmt man vielleicht die kleinen Täter fest, aber die Hintermänner kommen davon, weil ihnen die Hände gebunden sind. Einmal mehr werden sich die Kommissare ihrer Ohnmacht bewusst, was ich thematisch spannend finde. Für unsere Politiker ist es doch ähnlich frustrierend. Anschläge wie zuletzt auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny bestimmen eine Zeit lang die Schlagzeilen, aber meistens fehlt die Auflösung. Wer die Drahtzieher sind, bleibt im Verborgenen. Im Fall Nawalny ist mir vor allem das Lachen von Präsident Wladimir Putin in Erinnerung geblieben, als er auf der Jahrespressekonferenz eine Beteiligung des Kreml zurückwies: "Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir es auch zu Ende gebracht."

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