Gespräch mit Wotan Wilke Möhring

Wotan Wilke Möhring (Torsten Falke)
Wotan Wilke Möhring  | Bild: NDR

In Ihrem neuen "Tatort" geht es um illegalen Waffenhandel. Ist der Fall nicht eine Nummer zu groß für die Bundespolizei?

Die Mittel, die Falke und Grosz als Bundespolizisten zur Verfügung stehen, reichen allgemein nicht aus, um solche Fälle vollständig aufzuklären. Beim Waffenhandel mischen Geheimdienste mit, das Innenministerien schaltet sich ein, es geht um Handelsabkommen, um politische Verquickungen und manchmal sogar Absprachen, die mit Rechtsstaatlichkeit nichts zu tun haben. Da wird man als Ermittler irgendwann zurückgepfiffen. Ein Beispiel: Wir machen uns abhängig vom russischen Gas und können deshalb mit der Regierung Putin nicht mehr so ergebnisoffen agieren, wie es notwendig wäre. Wir nehmen uns selber die Mittel. Diese politische Ebene ist für Kommissar Falke, der das Herz auf der Zunge trägt und niemals aus Kalkül handelt, eine Nummer zu hoch. Nichtsdestotrotz leistet er mit seiner Partnerin Aufklärungsarbeit, wie sie im Rahmen der Polizei möglich ist. Am Anfang handelt es sich um eine normale Ermittlung gegen einen russischen Waffenschieber in Hamburg, bis plötzlich ein unbekannter Dritter auftaucht, ein viel größerer Player, der sich nicht zu erkennen gibt und keine Spuren hinterlässt. Das war vorher nicht abzusehen.

Julia Grosz, gerade zur Hauptkommissarin befördert, leitet den Einsatz, aber sie weiht ihren Partner Falke nicht in alles ein. Fühlt er sich hintergangen?

Grosz und ihre Chefin halten Informationen zurück, was natürlich nicht geht. Der kleine SEK-Beamte, der das Haus stürmt, muss vielleicht nicht alles wissen, was im Hintergrund läuft. Er erledigt seinen Job. Aber in der Partnerschaft der beiden Ermittler ist es wichtig, auf Augenhöhe zu sein. Wem nützt eine Information in einer Ermittlung, wenn nicht beide auf dem gleichen Stand sind? Wo ist der Benefit? Das versteht Falke gar nicht. Hintergangen? Das ist ein zu großes Wort. Er fühlt sich verarscht. Wichtiger ist allerdings, dass der verdeckte Ermittler eingeweiht ist, ansonsten würde man den eigenen Mann ans Messer liefern. Für Grosz ist es das erste große Ding. Sie lernt, dass man nicht Chef spielen muss, indem man Informationen für sich behält. Es ist besser, beim offenen Visier zu bleiben.

Das Vertrauensverhältnis der Kommissare bekommt im Verlauf einen weiteren Kratzer.

Falke tritt an die LKA-Kommissarin Marija heran, die er von früher kennt. Sie ist die Nichte des Waffenhändlers und soll gegen ihre eigene Familie ermitteln. Marija ist der letzte Trumpf in diesem Fall, und dieser Trumpf kommt nur über Falke ins Spiel. Als er Marija das Versprechen gibt, nicht beschattet zu werden, Grosz sich als leitende Ermittlerin aber nicht daran hält, fühlt er sich ausgenutzt. Falke kommt sich wie ein Spielball vor. Und wenn schon das nicht stimmt, was stimmt dann noch alles nicht?

Ist Falke bei diesen Ermittlungen ein bisschen außen vor?

Er ist mittendrin. Als einer der ausführenden Beamten. Das findet er durchaus legitim. Es ist ihm nicht wichtig, wer das Sagen hat. Hauptsache, die Ermittlungen führen zum Erfolg. Er entwickelt auch keine persönlichen Animositäten gegen Grosz, weil sie plötzlich macht, was er hätte machen können. Im Gegenteil: Er freut sich für sie, weil er sie mag, und weil sie es verdient hat, befördert zu werden. Auf der anderen Seite ist er schon ein bisschen enttäuscht: Nicht nur Geld, sondern auch der Aufstieg in der Hierarchie verdirbt offenbar den Charakter, denkt er. Grosz steht in seinen Augen zu weit auf der Vorgesetztenseite, was ihr nicht gut tut.

Der Hamburger Straßenbulle ermittelt gegen einen reichen russischen Unternehmer, der in einer burgähnlichen Villa lebt und sich auf seine Kultur viel einbildet. Treffen da zwei Welten aufeinander?

Es gibt dieses klischeehafte Bild, wonach alle reichen Russen auf kriminelle Art nach oben gekommen sind. Diese Leute haben sich beim Zusammenbruch der Sowjetunion am Erbe des Landes bereichert, erst griffen die Jelzin-Oligarchen zu, dann kamen die Putin-Oligarchen zum Zuge. Das weiß Falke natürlich, und es ist ihm suspekt. Er hat nichts gegen schöne Häuser, aber das Zurschaustellen von Reichtum und dieses Abschätzen zwischen Mannschafts- und Offiziersgraden, damit kommt er nicht klar. Lieber ein anständiger Arbeiter, dem man vertrauen kann, als ein kultivierter, mit weichen Händen lügender Millionär. Da ist kein Neid im Spiel. Für Falke ist das alles nur Mummenschanz und Schein. Die Burg, die Autos, die Jagd, wenn man das alles wegnimmt, was bleibt dann übrig? Er sieht den Menschen, mit dem er spricht, und fragt sich: Was hat der gerade getan?

Sein Sohn Torben zieht aus, um mit seiner Freundin zu leben. Dann schlägt Grosz sein Angebot aus, noch einen trinken zu gehen. Ist Falke wieder der einsame Wolf?

Dieser Doppelschlag, erst der Auszug, dann die kleine Abfuhr, lässt es so aussehen. Falke geht ein bisschen dieses Familiengefühl verloren. Da muss er sich erst einmal durchschütteln und gucken, wo er genau steht. Andererseits hat es auch seine Vorteile, ein einsamer Wolf zu sein. Er kann er jetzt wieder drinnen in der Wohnung rauchen. Und in die Kneipe geht er auch allein. Es fehlt ihm an nichts. Torben ist aus einem anderen Holz geschnitzt, was Falke gut findet. Das Holz, aus dem Falke ist, macht einsam. Das wünscht kein Vater seinem Sohn.

Hat Corona die Dreharbeiten beeinträchtigt?

Sieht man von den Tests ab, waren die Bedingungen nicht groß anders. Kompliziert wird es dann, wenn Drehbücher umgeschrieben werden müssen, um Massenszenen und Nähe zu verhindern. Ich finde es schade, dass wir in unseren Filmen so tun, als würde es Corona gar nicht geben. Lasst uns doch mal Szenen drehen, in denen ein Ermittler nicht an einen Tatort gelassen wird, weil er seine Maske nicht dabei hat. Das würde doch jeder verstehen, weltweit. Dass wir unser Leben in der Pandemie nicht zum Thema machen, liegt wohl daran, dass alle dachten, die Seuche geht ruckzuck vorbei.

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