Fahri Yardim im Interview

Yalcin (Fahri Yardim) hat den versteckten Server gefunden
Yalcin findet den versteckten Server. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Fahri Yardim im Interview

»Statt gekränkt in einer Trotzhaltung zu versteifen, wachsen wir über unsere Anfänge hinaus.«

Während Nick Tschiller zu sich selbst finden soll, ermittelt Yalcin Gümer ohne ihn in Hamburg und kann einen Mord in seiner unmittelbaren Umgebung nicht verhindern. Wie kommt er ohne Tschiller zurecht?

Yalcin ist eigentlich ein Klammeräffchen, ein Würmchen im Windschatten. Er hat den starken Partner vor sich genossen, hinter dem er die Feuerwerke zünden durfte. Für ihn ist es eine neue Situation, so emanzipiert im Büro zu stehen. Er hält diese Selbstfindungs-Kur, die Tschiller verordnet wurde, sicherlich auch für dringend notwendig, aber eigentlich hängt er noch ein bisschen am Rockzipfel von Tschiller und wünscht ihn sich permanent zurück.

An einer Stelle sagt Yalcin zu Nick: „Ich habe dir so oft da draußen den Arsch gerettet. Ich brauche dich.“ Verschieben sich die Rollen, denn bis jetzt war Yalcin immer der Retter in der Not bei Tschillers Alleingängen?

So richtig den Arsch gerettet hat er ihm ja nie. Es ist eher eine Behauptung, um sein Selbstbild zu polieren und eine Strategie, Tschiller durch Schuldgefühle zurück zu erobern. Alleinsein liegt ihm nicht.

In den letzten „Tatort“-Folgen wurden Yalcins Vorstellungen von rechtsstaatlichen Ermittlungen durch Tschillers Aktionen stark strapaziert. Wie findet denn Yalcin den neuen Tschiller?

Grundsätzlich schätzt Yalcin eine Männlichkeit, die der Weichheit und Verletzung zugetan ist. Er gönnt Tschiller dessen neues Seelenheil auf der Insel, andererseits braucht er den alten Haudegen zurück. Er kann nicht anders, seine Todesangst geht ihm über das Verständnis für die Auszeit seines Freundes. Er triggert Tschiller, kitzelt ihn an seinem Gerechtigkeitsverständnis und lockt ihn in zurück in die Schattenwelt, obwohl der eigentlich mal eine Pause bräuchte.

Für Gümer scheint es ein schwerer Schlag zu sein, mit seiner neuen Kollegin Robin Pien eine kluge Frau an der Seite zu haben, die bei den Ermittlungen oft schneller ist als er. Ist sein gönnerhaftes Verhalten das letzte Aufbäumen vor dem endgültigen Niedergang des Machismos?

Das letzte Aufbäumen des Patriachats, hoffentlich. In gewisser Weise zuckt es immer im Altherrenclub, wenn neuer, dazu weiblicher Wind in die Bude fegt. Da ist Yalcin definitiv stutenbissig, zudem hat er wahrscheinlich ein Problem damit, dass eine jüngere Frau ihm den Rang abläuft. Da flackert ein eingesessener, unbewusster Sexismus durch. Er verhält sich gönnerhaft, will die Rollen abstecken, ist gekränkt in seiner Eitelkeit, denn die Kollegin ist nun mal schneller und auch einfach ein bisschen intelligenter als er. Er ist nicht die hellste Kerze auf der Torte, konnte bislang mit Charme und Herz punkten, und da kommt auf einmal eine analytische Dame von der Seite. Da zittert er plötzlich um seine Berechtigung. Andererseits ist Yalcin durchaus jemand, der sich Veränderungen stellt. Erst entspringt ihm ein Beißreflex, aber später öffnet sich sein Herz.

Wie viel von Ihrem trockenen Humor und Geschnacke ist improvisiert?

Ich habe Eoin eigentlich permanent von der Seite genervt mit Vorschlägen, mit Bauch-momenten, die mir kamen. Er hat mich ganz geschickt an der Leine gehalten. Einerseits hat er mir immer mal wieder Auslauf gegönnt, dann hat er mich aber schnell wieder eingefangen, weil ich sonst in so etwas Dadaistisches abdrifte. Eoin hat den Zuschauer sehr im Herzen, und ich glaube, ich verliere den manchmal in meinem Wahnsinn. Angebote habe ich auf jeden Fall gemacht bis zum Umfallen.

Wie gefällt Ihnen denn der Neustart, mehr Gefühl, weniger Schießereien?

Ich mag die neue Tonalität. Ich verstehe sie auch als Ausdruck eines Zugehört-Habens, auch dem Zuschauer gegenüber. Das Veränderungsbedürfnis war deutlich. Statt gekränkt in einer Trotzhaltung zu versteifen, wachsen wir über unsere Anfänge hinaus und trauen uns andere Facetten zu. Diesmal ist es ein milderer Anteil, den wir nach Außen kehren, mehr Natur, mehr Inselluft. Und es erzeugt eine eigene Spannung, dass dieser Vulkan Tschiller sich beherrschen muss. Jetzt gilt Wattwanderung statt Panzerfaust. Obwohl das Idyll erschüttert wird. Das Tragische am Krimi ist ja, die Kriminalität wartet nicht, bis Tschiller seine Kur beendet hat.

Sie waren zwei Wochen auf der Insel, obwohl sie eigentlich nur in zwei Szenen dort zu sehen sind. So viel Natur kennt man am Prenzlauer Berg ja nicht. Wie haben Sie das ausgehalten?

Ich war leicht empört darüber. Ich hatte ja nur wenige Drehtage, aber man kommt schlecht auf die Insel und genauso schlecht wieder weg. Es ist eine der absurdesten Ideen der deutschen Film- und Fernsehgeschichte, auf dieser Insel drehen zu wollen. Im Nachhinein aber war es eine goldene Entscheidung. Man fährt mit dem Fahrrad am Deich entlang zum Set, und es entfaltet sich eine ganz eigene Arbeitsenergie. Abends sitzt das Team beim Kaminfeuer zusammen. Die Gemeinschaft blüht. Die Zerstreuung der Stadt fällt weg, man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Erst brüllte der Stadtaffe in mir, später schwebte ich beseelt übers Watt.

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