Interview

Curt Prank (Mišel Matičević) bestaunt den Oktoberfesteinzug vor seiner neuen Bierburg.
Curt Prank bestaunt den Oktoberfesteinzug vor seiner neuen Bierburg. | Bild: BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH / Dusan Martincek

Ein Gespräch mit den Produzenten Alexis von WIttgenstein, Michael Souvignier und Till Derenbach, den Drehbuchautoren Christian Limmer und Ronny Schalk, dem Regisseur Hannu Salonen sowie der federführenden BR-Redakteurin Daniela Böhm

Alle Episoden enthalten zu Beginn den Hinweis, dass die Event-Serie auf wahren Begebenheiten beruht. Was an der erzählten Geschichte ist tatsächlich historisch verbürgt, was Fiktion? Und gibt es auch Mischformen bei Personen oder bestimmten Ereignissen?

ALEXIS VON WITTGENSTEIN: Als gebürtiger Münchner hat mich der Mythos Oktoberfest schon als kleiner Junge fasziniert. Unzählige Anekdoten und Legenden ranken sich um das größte Volksfest der Welt. Irgendwann verdichteten sich diese Geschichten zu der Idee, eine TV-Serie zu kreieren, die aus diesem Reichtum schöpft, aber doch eine ganz eigene Saga erzählt. Besonders in ihren Bann gezogen hat meinen MitProduzenten Felix von Poser und mich vor allem die Geschichte des Underdogs Georg Lang. Der Nürnberger Gastro-Unternehmer mit dem vielsagenden Beinamen "Krokodil-Wirt" hatte sich zur Jahrhundertwende über Strohmänner fünf Budenplätze auf dem Oktoberfest ergaunert, um darauf ein völlig größenwahnsinniges Vorhaben zu realisieren: den Bau einer "Bierburg" für bis zu 6.000 Gäste – und das als "Auswärtiger". Ein Vorstoß, der das Antlitz des Münchner Oktoberfests nachhaltig bis heute verändert hat. Langs Bier-Hymne "Ein Prosit der Gemütlichkeit" hallt heute noch durch die Bierzelte auf dem Oktoberfest. Georg Lang diente uns als Inspiration für die Figur Curt Prank, die aber ansonsten nichts gemein hat mit dem realen Georg Lang. Eine weitere Persönlichkeit der Wiesn-Historie ist Coletta Möritz. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete Coletta Möritz als Biermadl in Münchner Gaststätten und auf dem Oktoberfest. Ohne festes Gehalt lebten die Biermadl damals allein vom Trinkgeld und rutschten regelmäßig in die Gelegenheitsprostitution ab. Um ihr Gehalt aufzubessern, stand Coletta Möritz dem Maler Kaulbach für ein Bild Modell, das sie quasi über Nacht überall in München bekannt machte. Sie wurde gewissermaßen das erste bayerische Pin-up-Girl. Durch die Hochzeit mit einem Münchner Wirt stieg Coletta Möritz schließlich in bessere Kreise auf und wurde zum Idol für ihre Standesgenossinnen. Später wurde ihr das Lied "Schützen-Lisl" gewidmet, das bis heute ein beliebter Schunkelschlager auf der Wiesn ist. In unserer Serie hat uns Coletta Möritz zur Figur Colina Kandl inspiriert. Auch sie hat jedoch ansonsten keine Übereinstimmung mit der historischen Persönlichkeit Coletta Möritz.

Der Titel "Oktoberfest 1900" lässt vermuten, dass es sich dabei um ein Historienstück über das weltbekannte Volksfest in München handelt. Aber die Event-Serie ist ja weit mehr als das. Was war Ihnen vor allem wichtig zu erzählen? Worum ging es Ihnen besonders bei der Entwicklung der Geschichte?

MICHAEL SOUVIGNIER: Die Marke Oktoberfest mit all ihren Assoziationen ist eine großartige Projektionsfläche, um unsere Serie zu etablieren. Vor dem Hintergrund der aufziehenden Emanzipation von Frau und Bürgertum in schwierigen Zeiten erzählen wir den Kampf des Nürnberger Großbrauer und Gastronomen Curt Prank, die größte Bierburg auf der Wiesn aufzustellen. Dazu sind ihm alle Mittel recht. So handelt unsere Serie von Eifersucht, Sabotage, Mord und Verrat, aber ebenso von Liebe und Zusammenhalt. Hier entfaltet sich das ganze menschliche Drama und ist damit gar nicht mehr ein Historienstück, sondern heutiger, als man sich dies auf den ersten Blick vorzustellen vermag. Wir erzählen diese überaus üppige Serie mit Freude und Kraft, einem grandiosen Schauspielerensemble und auch hinter den Kulissen in allen Bereichen nur mit den Besten der Besten.

"Oktoberfest 1900" blickt über den Bierkrugrand hinaus in die Welt der Schwabinger Bohème, die München legendär gemacht hat, die Zeit also, in der das künstlerische München noch etwas galt. Von Franziska zu Reventlow bis hin zu Thomas Mann, dem Simplicissimus und dem Kosmiker-Kreis lichtert „Wahnmoching“ durch den Film. Warum haben Sie dieses nicht unbedingt bierzeltaffine Künstlervölkchen in die Geschichte mit einbezogen und inwiefern erhellt es die Welt des Oktoberfestes, die Sie in Szene setzen?

ALEXIS VON WITTGENSTEIN: Selbst als jemand, der in München aufgewachsen ist, war mir nicht bewusst, was für eine Hammerstadt München an der Schwelle zum 20. Jahrhundert war. Zu den oben Genannten tummelten sich auch so faszinierende Persönlichkeiten wie Wassily Kandinsky, Rainer Maria Rilke und sogar Wladimir Iljitsch Lenin im sagenumwobenen Stadtteil Schwabing. Als Gegenentwurf zum preußisch-industriellen Berlin war München damals geradezu ein Künstler-Mekka. Wenn man so will, feierte die Party-Crowd, die in den 20ern Berlin bevölkert hat, vor dem Ersten Weltkrieg gesammelt in München ihre Orgien. Wie hätte man diese goldene Zeit ignorieren können, wenn man die Chance erhält, seiner Heimatstadt eine historische TV-Serie zu widmen? Aus Filmemacher-Sicht war es uns aber auch ein Anliegen, eine Serie zu kreieren, die sich heutig anfühlt und die Zuschauer mit Themen erreicht, die uns alle in unserem Alltag beschäftigen: Konflikte beim Generationenumbruch, der Umgang der Gesellschaft mit Homosexualität, die Überwindung von vorgefertigten Geschlechterrollen oder die Verwirklichung eines selbstbestimmten Lebensentwurfs, wie ihn uns vor 120 Jahren schon so ureigene Charaktere wie das damalige Münchner "It-Girl" Fanny zu Reventlow vorlebte. Die Schwabinger Bohème dient uns auch visuell als Gegenpol zu den pittoresken Bogenhauser Villen der Brauereibesitzer und den matschigen Gassen der Brauereiarbeiter-Ghettos in Haidhausen und Giesing. Sie ist das notwendige Ventil zwischen den bei uns ständig aufeinandertreffenden archaischen Kräften des ungehemmten Kapitalismus und traditioneller Familienstrukturen. Und sie lässt uns in unserer Geschichte immer mal wieder aufatmen zwischen den Ränkespielen der Mächtigen und Skrupellosen, bis sie selbst zum Parkett für Intrigen und Verrat wird.

Die reale Handlung scheint an vielen Stellen durchbrochen und überlagert von einer beinahe mythischen Dimension. Am stärksten sind die Anklänge – auch in den gewählten Musikzitaten – an Wagners "Ring des Nibelungen": Der Prank-Wotan vor seiner Walhall-Bierburg – inwiefern ist "Oktoberfest 1900" auch ein Mythosspiel? Und warum diese paradigmatische Überhöhung?

CHRISTIAN LIMMER: Wir entfernen uns von der Realität an vielen Stellen der Geschichte auf der einen Seite, auf der anderen sind wir im Kern sehr den realen Ereignissen verbunden. Unsere Figuren entspringen in ihren Wesenszügen den archaischen Strukturen jeder Geschichte seit Anbeginn der Menschheit und sind trotzdem sehr real und identifizierbar. Dieser Kontrast erforderte sowohl ein adäquates Narrativ, als auch die entsprechende musikalische Untermalung.

"Folge deinem Totem" – auch das Unheimliche und Dämonische spielt eine große Rolle im Film. Am stärksten in der Art und Weise, wie die Wiesn-Attraktion der Kannibalengruppe inszeniert ist, aber auch an vielen anderen Stellen. Warum dieser Blick auf das größte Vergnügungsfest der Welt durch die dunkle Brille einer Traumlogik?

RONNY SCHALK: "Fortschritt versus Tradition" ist der Grundkonflikt der Serie wie auch der Moderne, in der sie spielt. "Kannibalen der Südsee", "Mohren aus Feuerland", "Hottentotten" – sogenannte "Völkerschauen" waren um die Jahrhundertwende extrem en vogue, auch auf dem Oktoberfest. Die archaische Freude an solchen Schauen, die man heute als verwerflich und zurecht politisch vollkommen inakzeptabel empfindet, war damals ganz normal, vielleicht die extremste Form von Traditionalismus, aber auch Wegbereiter eines europäischen Rassismus. Auffällig ist, dass diese Dinge gerade zu Beginn der Moderne so gefragt waren – ein Ausdruck von kolonialistischer Überlegenheit, aber auch Entfremdung. Der moderne Mensch sehnte sich plötzlich nach dem Grusel des Archaischen, ohne zu wissen, warum. In seiner abenteuerlichen Theatralik und Übertriebenheit des "Fremden" war das in der Schausteller-Branche der damaligen Zeit vergleichbar mit einem Exploitation-Horrorfilm. Damals nannte man es "Menschenzoo" und machte es zur Jahrmarktsattraktion. Das Dämonische, Heidnische, das Fremde, wie auch immer man das bezeichnen will, war bis in die 30er Jahre der abenteuerliche Nervenkitzel schlechthin, Angst auf dem sicheren Terrain des Vergnügens. "Folge deinem Totem", ein Slogan auf dem Handzettel einer dieser Völkerschauen, zieht sich wie ein Motto durch die Serie. Ironischerweise wissen unsere Figuren mit dem Begriff "Totem" gar nichts anzufangen, aber er scheint sie magisch anzuziehen. Man kann das als Spiegel lesen. Im übertragenen Sinn sind sie selbst die Kannibalen.

Was kann uns die Verfilmung dieser Münchner Epoche um 1900 vergegenwärtigen? Für was steht in diesem Zusammenhang das Oktoberfest quasi als ein Sinnbild?

DANIELA BOEHM: Technischer und wissenschaftlicher Fortschritt, z.B. durch die Elektrizität, haben die Industrialisierung mit großen Schritten vorangetrieben. Emanzipation und die Reformierung der Gewerkschaften waren große Errungenschaften dieser Zeit. Vergegenwärtigen kann uns die Verfilmung den schnellen Wandel der Zeit und dass es bis heute wichtig ist, einige Traditionen zu pflegen und zu erhalten. Schließlich gilt das Reinheitsgebot in ganz Bayern und die Betriebsvorschrift, nur Münchner Bier auf dem Oktoberfest auszuschenken, bis heute.

Eine vielschichtige Produktion wie "Oktoberfest 1900" eröffnet für einen Regisseur viele Spielräume bei der visuellen Umsetzung. Was war Ihnen bei der Regiearbeit besonders wichtig?

HANNU SALONEN: Zwei Aspekte möchte ich gern hervorheben. Zum einen: Es war mir wichtig, dass die Kamera sehr aktiv an der Erzählung teilnimmt, am Witz, an der Saftigkeit der Geschehnisse. Eigentlich ist die Kamera beinahe ein eigenständiger Charakter. Die Kamera verschafft dem Zuschauer aktiv Zugang zu den Figuren und deren Empfindungen und Emotionen, zeigt Welten auf, ohne sich zu verstecken. Nah an den Figuren zu sein war für mich essentiell; aber dann auch zuweilen in die "Gottesperspektive" zu springen, aus der heraus man wunderbar hinunterschauen kann, wie die verschiedenen Figuren wie auf einem Schachbrett miteinander ringen. Zum anderen ging es mir sehr darum, den Weg aller Figuren nachvollziehbar und verständlich zu machen. Warum handeln sie so und nicht anders? Dass auch der Zuschauer dabei bisweilen Geschmack daran findet und mit einem Fuß auf die "dunkle Seite" tritt, war essentiell. Das Urteil über das Handeln der Figuren sollte dem Zuschauer überlassen werden. Dieses Urteil will ich als Regisseur nicht vorwegnehmen. Was macht einen Mann wie Curt Prank aus? Das zeigen wir auf. Jeder kann und soll dann selber zu einem moralischen Urteil gelangen. Aus diesem Grund war es für mich wichtig, Licht und Schatten zu zeigen, Helligkeit und Dunkelheit. Diesen Kontrast herauszuarbeiten, fand ich bei der Umsetzung wichtig. So gibt es auf der einen Seite das sehr helle und fröhliche Oktoberfest, aber wir zeigen auch die Abgründe. Dementsprechend sind das Licht und der Look sehr unterschiedlich, bisweilen hell und freundlich, aber oft auch sehr dunkel und mit hohem Kontrast. Wir haben immer das Extreme gesucht in der Bild- und Lichtgestaltung, passend zu den Gefühlen unserer Protagonisten.

Gewalt spielt eine große Rolle im Film. Selbstzweck ist sie freilich nicht. Worin besteht ihr inhaltlicher wie ästhetischer Aussagewert?

RONNY SCHALK: Die Serie hieß in früheren Fassungen "Blut und Bier", das erklärt vielleicht einiges. Wie wir wissen, musste alles das, was wir Zivilisation, Kultur und Fortschritt nennen, die Werte also, mit denen wir leben und die wir unter dem Begriff Freiheit zusammenfassen, zu großen Teilen erstmal erkämpft und immer wieder reformiert werden. Von Leuten, die buchstäblich bereit waren, ihr Leben dafür zu geben. Curt Prank, einer unserer Hauptcharaktere – eine echte Gründerfigur – bringt es auf den Punkt: "Fortschritt ist in der Geschichte der Menschheit eine Geschichte des Blutes." Das ist zwar ironisch gemeint, zieht sich aber wie ein roter Faden durch die Handlung: Fortschritt überwindet Tradition. Beides fordert seine Daseinsberechtigung in einer Zeit des Umbruchs ein, eines wachsenden Liberalismus. Einschneidend, korrupt und durchaus brutal. Die Möglichkeiten der Industrialisierung, der Gründerzeit des Kapitalismus, waren technologisch betrachtet revolutionär. Wer die Zeichen der Zeit erkannt hatte, musste schneller und stärker sein als sein Konkurrent. Genau davon handelt die Geschichte. Und davon, wie viel Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt. Gewalt, physisch wie auch psychisch, ließ sich da dramaturgisch kaum verhindern.

Horizontales Erzählen gehört heute bei Event-Serien wie "Oktoberfest 1900" zum State of the Art. Es fällt darüber hinaus auf, dass die Handlung nicht einfach chronologisch forterzählt, sondern parallel konstruiert ist, etwa in der Entwicklung der Schicksale der einzelnen Figuren – teilweise in Schnitt und Gegenschnitt. Was ist der Gewinn einer solchen Technik parallelisierender Engführung für die Figurencharakteristik einerseits und die Dramaturgie andererseits?

CHRISTIAN LIMMER: Die Sehgewohnheiten der Zuschauer haben sich in den letzten Jahren enorm gewandelt. Durch digitale Techniken und Videospiele ist das asynchrone Erzählen allgegenwärtig, und nicht jeder Schritt der Geschichte muss an der Stelle stehen, die seiner chronologischen Logik entspricht. Die Zuschauer werden dadurch gezwungen, aufmerksam zu zuschauen und Verbindungen herzustellen, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Am Ende erfordert das eine stärkere Anteilnahme der Zuschauer und bewirkt eine intensivere Reise mit den Figuren.

Bei der Figurengestaltung fällt auf, dass einige Personen in ihrer Reaktions- und Redeweise in der historischen Zeit verhaftet sind, andere durchaus aus ihrem Geschichtsrahmen heraustreten und ansatzweise modern interpretiert werden. Warum haben Sie sich zu einer solchen behutsamen Aktualisierung entschlossen?

HANNU SALONEN: Essentiell für mich war, angesichts einer sehr großen historischen Produktion nicht etwa in Ehrfurcht vor jener "Historie" zu verfallen. Wichtig war, keine Angst zu haben. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass ich aus dem historischen Kontext ausbrechen muss, um auch eine Energie, Witz und Wucht zuzulassen, die mir notwendig erschien. Unser Film nimmt sich historisch nicht total ernst, setzt auf vielen Ebenen eine moderne Brille auf und geht sehr gezielt mit den gestalterischen Mitteln um. Dabei ist die Serie in Sachen Ausstattung äußerst detailgetreu und so weit historisch korrekt, wie es nur ging. Dabei war mir von vornherein klar, dass die Serie kein folkloristisches Stück werden darf: weder erzählerisch noch visuell. Die Wiesn sollte die Bühne bleiben, vor der sich das Leben und die Zeitgeschichte abspielen. Sie sollte eine Kulisse sein, hinter der sich auch die menschlichen Abgründe zeigen. Dazu ist sie tatsächlich eine ziemlich perfekte Bühne.

RONNY SCHALK: Unser Ansatz war nie, mit der Serie eine historisch genaue Punktlandung zu setzen, sondern eher den Spirit der Zeit einzufangen, sprich: eine Serie zu machen, die uns über ein ganzes Jahrhundert mit diesen Leuten, ihren Konflikten und Empfindungen verbindet. Was interessiert uns da wirklich? Wie sie gesprochen haben oder was mir ihre Gefühle über mich im Hier und Jetzt erzählen? Insofern haben wir einige Figuren sprachlich mit einem gewissen Kolorit ausgestattet, andere mit einer Haltung, die bewusst eine Brücke zu uns herüber schlägt.

Ähnliches gilt auch für den Einsatz der Musik. Von der Opernarie bis zum englischsprachigen Song, immer wieder tritt die Musik aus dem historischen Rahmen heraus und spielt teilweise in die Gegenwart hinein. Warum haben Sie sich für diese Musikauswahl entschieden?

MICHAEL SOUVIGNIER: Die Musik zu nutzen, um übergreifend Historie und Gegenwart zu vermischen, ist eine wunderbare Form und zeigt: Auch eine Geschichte aus dem Jahre 1900 ist nicht antiquiert oder verstaubt, sondern ganz im Gegenteil – der Kern des Inhaltes ist heute ebenso relevant und für die Zuschauer nachvollziehbar. Diese Botschaft soll mit der Musik neben Rhythmus und dramaturgischer Spannung erreicht werden.

Authentische historische Drehorte der Münchner Wirklichkeit um 1900 zu finden, ist kein leichtes Unterfangen. Sie sind deshalb auf andere Drehorte ausgewichen bzw. haben sich teilweise mit Animationen beholfen. Wo ist der Film tatsächlich entstanden, was hat den Ausschlag für die Drehorte gegeben und welches waren die besonderen produktionstechnischen Herausforderungen bei der historisch möglichst authentischen Realisierung des Stoffes?

TILL DERENBACH: Wir haben uns einer langen und intensiven Motivsuche unterworfen, um den unterschiedlichen Anforderungen der Drehorte gerechtzuwerden. Unsere Suche erstreckte sich vom Baltikum, Polen, Tschechien bis nach Ungarn. Letztlich fiel die Wahl auf Tschechien, wo wir die "Wiesn" außerhalb Bayerns gefunden haben – einen großen alten Güterbahnhof in Prag, auf dem das Oktoberfest 1900 aufgebaut werden konnte. Gleichzeitig haben wir eine alte Brauerei mit Rampe, Innenhof, Eingangstor, Schuppen und viel Historie in der vorhandenen Bausubstanz gefunden. Mit diesem Suchergebnis konnten wir die Drehorte außerhalb Deutschlands erst festlegen. Die Suche nach dem "Deibel Bräu"-Motiv hat Monate gedauert, um alle in den Drehbüchern beschriebenen Szenen an einem Ort umsetzen zu können. Die tschechische Bier-Tradition war ein weiterer Grund der Entscheidung, und die Nähe zur bayerischen Architektur sowie die Vielzahl der historischen Drehorte in Tschechien hat letztendlich den Ausschlag gegeben. Ergänzend zu Tschechien fanden wir aber auch in München an Originalschauplätzen wie dem Rathaus und in der Umgebung in Dachau und Landshut geeignete Drehorte. Selbst in Nordrhein-Westfalen haben wir in einem wunderschönen Motiv das München von 1900 aufleben lassen. Unablässig ist die Vorabrecherche, die Malereien, Graphiken, Zeichnungen und Fotos zu studieren, die Bücher erforschen, um nahe an den Kern oder zumindest die Vorstellung dessen zu gelangen, was ein modernes und dennoch historisch authentisches Bild der damaligen Zeit wiedergibt. Heute sind wir überzeugt, dass das Bild vom Oktoberfest um 1900, welches im Besonderen unser Szenenbildner Benedikt Herforth kongenial mit seinem Team entworfen hat, sehr nah am Original ist und ein absolut authentisches Bild wiedergibt. So war das im Jahr 1900 auf der Wiesn!

"Oktoberfest 1900" ist eines der großen Highlights im Programm des Ersten in diesem Jahr, das der Bayerische Rundfunk federführend mit der ARD Degeto, dem MDR und WDR in Auftrag gegeben und betreut hat. Was ist für Sie als federführende Redaktion das Besondere an diesem Projekt, und welche neuen Perspektiven eröffnet der filmische Blick zurück auf die Gegenwart dieses heute weltgrößten Volksfests und seines Stellenwerts?

DANIELA BOEHM: Die Geschichte des Oktoberfests beginnt im Jahr 1810 mit dem Hochzeitsfest von König Ludwig I. und Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die Serie erzählt von der Grundsteinlegung um 1900, ab der sich das Oktoberfest mit dem Bau des ersten Riesenzeltes schrittweise vom Volksfest zum heutigen Massen-Event entwickelt hat. Dieser Abschnitt der Oktoberfest-Geschichte wurde noch nie verfilmt und ist somit eine Weltpremiere. Von damals bis heute entwickelte sich die sogenannte "Wiesn" zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Münchens und hat somit schon immer einen sehr hohen Stellenwert. Perspektivisch sind wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel durch den stetigen Fortschritt nicht aufzuhalten. Umso wichtiger ist es, in der heutigen Zeit, eine Balance zwischen Fortschritt und Tradition zu finden und zu bewahren.

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