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11.03.2010

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Rückschau: Kenia

Die Rettung der Löwen

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 3. Januar 2010

Wildhüter unterwegs in den Chiulu-Bergen, in der Umgebung einer abgelegenen Touristenlodge. Ihr Begleiter ist Antony Kasanga, ein junger Massai, der in den letzten Jahren oft mit ihnen auf Patrouille war hier im Südwesten Kenias. Es ist kein Nationalpark, sondern Massai-Land, überall weiden die Hirten ihre Rinder. Dazwischen ist Platz für wilde Tiere, immer weniger zwar, aber die Ranger sorgen dafür, dass Giraffe & Co in ihrem Lebensraum möglichst unbehelligt bleiben.
Bei den Raubkatzen macht das besondere Probleme, sie sind inzwischen stark dezimiert: Massai und Löwen, das ist traditionell eine mörderische Beziehung. Doch heute ist die Spurensuche erfolgreich. Antony hat den Abdruck einer Löwentatze gefunden - damit kennt er sich seit Kindesbeinen aus,

„Das lernst du hier schon als kleiner Junge, wenn du das Vieh hütest: du musst immer nach Löwenspuren schauen. Wenn man die Faust so in den Boden drückt, dann sieht das ein bisschen ähnlich aus. So hat man mir das damals beigebracht.“

Und da liegen sie, vollgefressen unter ihrem Schattenbaum, und Antony geht das Herz über.

„Für einen Massai-Krieger gibt es eine Menge Rituale, bis er als Mann gilt. Dazu gehört es, einen Löwen zu töten – ich habe das auch getan. Im Nachhinein bedaure ich das, zu viele sind schon umgebracht worden. Ich möchte das ändern, ich versuche jetzt meinen Leuten beizubringen, dass lebende Löwen wertvoller sind als tote.“

Sie haben sich vor ein paar Jahren gesucht und gefunden: der Massai Antony und der Lodge-Betreiber Richard Bonham. Beide eint die Überzeugung, dass das wahre Kapital des Massailandes das Großwild ist - eine Botschaft......die man nur laut genug verkünden muss.

Wildlife Direct Bildunterschrift: Wildlife Direct ]
„Dafür braucht es Menschen wie Antony, weil er aus derselben Kultur kommt wie die betroffenen Leute hier. Und gleichzeitig hat er eine Vorstellung von den wirtschaftlichen Chancen des Tourismus für alle in der Gegend. Er vereint beides in seiner Person.“

Trotzdem hat auch Antony es nicht leicht. Seit er für einige Zeit fort war, ein Stipendium für ein Naturschutz-Seminar in England hatte, sieht er ein bisschen verwestlicht aus, finden die Frauen. Und Krieger Leluan kommt gleich zur Sache:

„Ich hatte elf Kühe: zwei sind bei der großen Dürre gestorben, vier haben die Löwen geholt. Und da sagst du mir, ich soll ausgerechnet Löwen schützen?“

Massai-Frau Kiteluni hat den Verdacht, dass Antony gar kein richtiger Mann mehr ist, und Naalamala setzt noch einen drauf.

„Früher war das immer ein Freudenfest, wenn ein Krieger von der Jagd nach Hause kam, wenn er stolz mit dem Schweif des Löwen wedelte. Und am Abend wollten alle Mädchen mit ihm schlafen.“

Während Antony sich noch mit Spott und Skepsis herumschlägt, spielt Lodgebesitzer Bonham eine besondere Karte aus. Wo immer in der Gegend ein Stück Vieh gerissen wird, zahlt seine Stiftung Geld auf die Hand - aber nur, falls der Löwe verschont wird.

Vor 18 Monaten haben wir ein großes Massai-Gebiet direkt neben dem Amboseli-Park in das das Schutzprogramm einbezogen. Im Jahr zuvor wurden dort 42 Löwen getötet, und seither nur noch ein einziger.

Eine Erfolgsgeschichte, für die jeden Tag etliche Tatorte abgefahren werden, von Bonhams motorisierten Kontrolleuren. Die klären zunächst, ob keine Unachtsamkeit vorgelegen hat. Selbst diese Ziege, die in der Nacht von einer Hyäne gerissen wurde, bringt dann noch zehn Euro - ihren halben Wert, sonst gäbe es ja kaum einen Anreiz mehr zum wachsamen Hüten...

„Ich bin zufrieden mit den Entschädigungen,“ sagt Hirte Taiko, „seitdem habe ich meinen Frieden gemacht mit den Raubkatzen.“
Andere haben das noch nicht, und die nimmt Antony gerade auf einer Dorfversammlung ins Gebet.
Er hat eine Dose mitgebracht, die hier fast jeder kennt: ein Pestizid gegen Pflanzenschädlinge, kaum mehr als einen Euro teuer, aber hochgiftig. In den letzten Jahren sind zahllose Löwen, Geparde oder Hyänen, aber auch Raubvögel diesem Pulver zum Opfer gefallen. Die heimtückischste Art, Rache zu nehmen für gerissenes Vieh.

Wildlife Direct Bildunterschrift: Wildlife Direct ]
„Das hier ist inzwischen die größte Bedrohung. Mit Speeren kann man immer nur einen Löwen angreifen. Aber wenn ein gerissenes Tier hiermit präpariert wird und die ganze Löwenfamilie zum Fressen wiederkommt, dann sind sie binnen Minuten alle tot.“

Zur Bekräftigung gibt es in der Wellblechkirche nebenan noch einen filmischen Appell, die Speere und vor allem die Giftbüchsen künftig von den Löwen fernzuhalten.

Zumal man doch die Touristen mit ihrem Geld und all den Jobs durch solche Bildern glatt verscheuchen würde. Hinterher allerdings dreht sich wieder alles um die Krieger-Ehre.

Ich finde das feige, einen Löwen zu vergiften - ein Massai macht das mit dem Speer, oder gar nicht, sagt der Mann hier, und dann mischt sich ein anderer von hinten ein:

Das ist aber eine schöne Dummheit! Mit dem Speer hinterlässt du Spuren, und am Ende zahlst du eine saftige Strafe. Bei Gift ist nichts nachzuweisen.

Am nächsten Tag, in Antonys zweiter, der ditalen Welt. Der Internet-Zugang im Busch erfordert allerdings gewisse Verrenkungen. Paula Kahumbu ist angereist, eine von Kenias bekanntesten Artenschützerinnen. Sie will Antony die letzten Kniffe für Online-Tagebücher beibringen - der hat sich so bereits eine weltweite Leser-Gemeinde zusammengebloggt. Paula Kahumbu weiß auf der Klaviatur der Medien zu spielen.

„Indem wir Antony bei dieser Arbeit helfen, ermutigen wir Nachahmer, denn in ganz Afrika liest man seine Alltagserlebnisse, über Patrouillenfahrten, beim Löwenschutz. Und das ist spannend wie eine Fortsetzungsserie im Fernsehen, eine Geschichte, die man überall gern verfolgt, auch dank der Videos oder Fotos.“

Eine Geschichte auch mit Happy End? Natürlich, sagt Antony, aber dafür brauche man einen langen Atem.

Ich habe nie ein Nashorn gesehen, weil unsere Väter sie fast ausgerottet haben. Ich will nicht, dass meine Kinder mir eines Tages vorhalten, ich hätte auch noch den letzten Löwen umgebracht.

Bericht Werner Zeppenfeld

http://wildlifedirect.org/index.php
http://www.maasailandpreservationtrust.com/aboutmpt.html

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 03.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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