Rückschau: Ukraine
Raus aus der Lethargie
Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 10. Januar 2010

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Gleich kommt der Retter des Vaterlandes: Mit blauen Flaggen bewaffnet stehen die Dorfomas - der bestellte Jubelchor - seit Stunden in der Kälte. Da Ganze mutet wie Wahlkampf im guten alten Sowjetstil an, den besonders einer liebt: Viktor Janukowitsch. Ihm schlägt Begeisterung, ja Raserei entgegen und sie rufen: "Janukowitsch soll Präsident werden, Ruhm und Ehre ihm, hurra!" Hochrufe für einen Mann, der eigentlich seit fünf Jahren politisch tot sein sollte. Viktor Janukowitsch wurde von der "Orangenen Revolution" weggefegt, weil er vor fünf Jahren die Wahlen fälschen ließ.
Alte Kaderpolitik
Janukowitsch ist im Grunde immer noch der sowjetische Kaderpolitiker, den Russland damals bei seinem Betrugsversuch unterstützte. Jetzt dreht sich das Fossil Janukowitsch als Tanzbär, was vor allem an der Schwäche seiner Gegner liegt. Alles, was in der Revolution jung und frisch wirkte, ist jetzt verbraucht.
Viktor Janukowitsch ("Partei der Regionen") skandiert: "Gott gebe euch allen Geduld und Gesundheit. Bald haben wir hoffentlich eine Regierung, die sich wieder vernünftig um das Land kümmert. Wir haben nach der sogenannten Revolution fünf Jahre hinter uns, in denen sich nichts bewegt hat, jetzt aber, mit diesen Wahlen werden wir endlich wieder eine Regierung haben, die für eine effektive Politik steht."
Hoffen auf den starken Mann
Irina Solomko hat das alles schon hundertmal gehört, und sie ist nicht irgendwer, sondern vertritt die größte Zeitung des Landes. Das Land sei politisch im Stillstand sagt sie, das sei der eigentliche Grund für das Comeback Janukowitsch'. Sie fügt hinzu: "Wir haben im Moment kein Machtzentrum im Land, alle Kräfte blockieren sich, die sogenannten Revolutionären, die nach Westen wollen und der ganze Rest. Viele hoffen, dass Janukowitsch das Parlament auflösen und das Land auf Linie bringen wird, der starke Mann wie zu Sowjetzeiten. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo sich im Land vielleicht wirklich etwas ändert."
Man muss nur einen Blick in die Rada, ins Parlament werfen, um zu sehen, warum sich viele nach dem starken Mann sehnen. Wirtschaflich geht es der Ukraine gar nicht so schlecht, aber politisch gibt es keine Linie. Pro-Westler und Pro-Russen bekämpfen sich schon gar nicht mehr, alle haben sich hier mit dem Patt arrangiert.
Die Wahlbeobachterin der einen Seite, Irina, ist in Langeweile vereint mit der Frau, die das andere Lager im Blick hat, Olga Snitsarchuk kümmert sich für das Fernsehen um die ehemaligen Revolutionäre und kommentiert sie selbstverständlich auch.
Julia Timoschenko setzt auf Selbstinszenierung
Die Bilder in Orange sind ein Schock: So viel Aufbruch war vor fünf Jahren und nur Frust und Enttäuschung sind davon zurückgeblieben. Hoffnungsträger damals Viktor Juschtschenko. Er liegt in heutigen Umfragen bei unglaublich miesen drei Prozent. Beim Volk haben ihm seine Halsstarrigkeit geschadet und der Streit mit ihr: Julia Timoschenko, machtbewusst und geschickt, sie hat es zur Regierungschefin gebracht und zur Präsidentschaftskandidatin, aber die Frage ist, wie viel sie mit den Idealen von damals noch am Hut hat.
Julia Timoschenko also soll verhindern, dass das alte Imperium zurückschlägt, spontan ist bei ihr nun wirklich nichts. Schon ihre ukrainische Frisur ist ein bewusstes Markenzeichen, sie führt Wahlkampf mit Bildern. Gestern hat der Gegner behauptet, sie sei keine Patriotin, sie weiss, wie man zurückschlägt. Bei solchen Inszenierungen merkt niemand mehr, dass sie politische Festlegungen scheut wie der Teufel das Weihwasser. In einem Fernsehstudio schüttelt sie die Hände des begeisterten Publikums, sie beherrscht amerikanischen Wahlkampf, keine Frage.
Olga Snitsarchuk sagt: "Julia Timoschenko passt eben ideal in dieses Bild einer Revolutionsheldin, das sieht immer gut aus, auch im Westen. Aber wahrscheinlich hatte sie damals schon nur ein Programm: Julia Timoschenko selbst. Wenn sie gewinnt, wird sie alles daran setzen, alles für sich selbst zu arrangieren. Statt dessen aber müsste jemand wirklich einmal etwas für das Land tun."
Das Volk entscheidet in einer Woche
Dieses Land aber vor der Tür, enttäuscht von der Revolution, müde vom jahrelangen Stillstand, will sich bis jetzt nicht entscheiden. Noch liegen der alte Kaderpolitiker und die forsche Selbstdarstellerin fast gleichauf. In einer Woche haben die Ukrainer die Wahl. Man beneidet sie wirklich nicht darum.
Beitrag: Stephan Stuchlik
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 10.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

